Hunderte Menschen mussten während der NS-Diktatur in Königswinterer Unternehmen in Zwangsarbeit schuften. Eine Petition verlangt Aufarbeitung.
Kritik an GedenkkulturHistoriker untersucht Zwangsarbeit im Wintermühlenhof in Königswinter

Ursprünglich ein Gutshof: Der unter Denkmalschutz stehende Wintermühlenhof bietet heute Wohn-, Büro- und Ausstellungsflächen. Von 1939 an waren hier in der Landwirtschaft Zwangsarbeiter eingesetzt.
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Geschätzt 400 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter mussten von Sommer 1944 an für die Firma Aero-Stahl, die ursprünglich in Porz angesiedelt war, in den unterirdischen Ofenkaulen im Siebengebirge schuften. Zwölf-Stunden-Schichten waren „übliche Praxis“, schreiben Christoph Keller, wissenschaftlicher Referent im LVR-Amt für Bodendenkmalpflege, und der Historiker Elmar Scheuren in dem Buch „Zeugen der Landschaftsgeschichte“, das sich mit dem Ofenkaulberg befasst. Untergebracht waren die Menschen in einem Barackenlager. Die Kleidung „bestand mehr oder weniger aus Lumpen“, zitieren die Autoren den Zeitzeugen Fernando Ronchetti. Und der Hunger „war unser ständiges Problem“, berichtete der Italiener später.

Bei Pottscheid im Wald im Siebengebirge erinnert eine Stele an das Zwangsarbeitslager.
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Die Geschichte der Zwangsarbeit in den Ofenkaulen ist dank Zeitzeugenberichten, Dokumenten sowie Ausgrabungen durch den Landschaftsverband Rheinland im Jahr 2019 recht gut erforscht und belegt. Seit einigen Jahren steht bei Pottscheid im Wald im Siebengebirge eine Stele, die an das Zwangsarbeitslager erinnert.
In Königswinter werde „eine Erinnerungs- und Gedenkkultur für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus und der NS-Zwangsarbeit in den Ofenkaulen gelebt“, schreibt der gebürtige Königswinterer Helmut Speckheuer auf der Plattform Open Petition. Der 62-Jährige hat sich, angeregt durch einen Besuch des KZ Sachsenhausen, intensiver mit der Erinnerungskultur in seiner Heimatstadt beschäftigt und viel recherchiert.
Sein Fazit: Für die Opfer der damaligen Lemmerz-Werke und dem Wintermühlenhof gebe es diese Erinnerungs- und Gedenkkultur nicht. Speckheuer fordert in einer Online-Petition unter anderem eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas, die „Errichtung eines würdigen Gedenkortes vor Ort“ und die Einbindung externer Historiker.
Historiker Ansgar Klein arbeitet Vergangenheit des Wintermühlenhofs auf
Zumindest für den Wintermühlenhof, der seit 1843 im Besitz der Familie Mülhens (4711-Dynastie) ist und der bis heute auch die Drachenfelsbahn gehört, ist damit schon begonnen worden. Und zwar vor Helmut Speckheuers Initiative, wie Firmenchefin Fiona Streve-Mülhens Achenbach und der Historiker Ansgar Klein im Gespräch mit der Redaktion dieser Zeitung im Wintermühlenhof betonen. Angefangen habe Klein mit der Geschichte der Drachenfelsbahn zum 140. Jubiläum, das im Juli 2023 begangen wurde. Als nächstes gehe es um die Geschichte des Wintermühlenhofs und anschließend um den Petersberg, dessen Hotel einst ebenfalls der Familie Mülhens gehörte.
„Für die Region Siebengebirge ist die Quellenlage sehr lückenhaft“, schreibt der langjährige Leiter des Siebengebirgsmuseums, Elmar Scheuren, im Katalog zur Ausstellung „Die Opfer der Nationalsozialisten im Siebengebirge“, die 2025 im Museum zu sehen war, zum Thema Zwangsarbeit. Auch Ansgar Klein, der in seiner 2008 als Buch veröffentlichten Doktorarbeit „Aufstieg und Herrschaft des Nationalsozialismus im Siebengebirge“ auf 700 Seiten ein Standardwerk verfasst hat, verweist mit Blick auf den Wintermühlenhof auf zurzeit fehlende Quellen.
Viele Fragen, die Speckheuer aufgeworfen hat (Beispiele: „Wo und wie waren die Zwangsarbeiter untergebracht? Wie waren die hygienischen Bedingungen? Waren auch Familien untergebracht? Wie hoch war die Sterblichkeitsrate?“), hätte er auch gerne beantwortet, sagt Ansgar Klein. „Aber wenn keine Quellen da sind, geht es halt nicht.“
Helmut Speckheuer stieß Debatte über Zwangsarbeit an
Fiona Streve-Mülhens Achenbach, auf deren Initiative hin die Ofenkaulenstele an der Pottscheider Brücke installiert wurde, betont, dass nur ein Fachmann wie Ansgar Klein die Geschichte der Familie Mülhens im Allgemeinen oder die des Wintermühlenhofes im Speziellen aufarbeiten könne. Wenn Dokumente auftauchten, müssten sie richtig eingeordnet werden.
Was man bisher wisse, sei, dass 1939 die ersten polnischen Zwangsarbeiter auf den Wintermühlenhof kamen. Danach auch französische Kriegsgefangene, die teils bis 1945 dort blieben, so Ansgar Klein. Aber es fehlen laut Streve-Mülhens Achenbach bisher Informationen, wie die Lebensumstände auf dem Hof gewesen seien. Die Familie Streve-Mülhens selbst habe während des Kriegs auch gar nicht auf dem Hof gelebt und sei erst 1946 wieder nach Königswinter gekommen.

Wollen die Geschichte des Wintermühlenhofs professionell aufarbeiten: Der Historiker Ansgar Klein und Fiona Streve-Mülhens Achenbach.
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Der Initiator der Debatte über die Zwangsarbeit in Königswinter, Helmut Speckheuer, der auch die Stadt Königswinter und den Stadtrat angeschrieben hat, hat intensiv auch zu den Lemmerz-Werken recherchiert. Paul Lemmerz, Stifter und Ehrenbürger der Stadt Königswinter, sei, schreibt Speckheuer in seiner Petition, „von 1932 bis 1945 Mitglied der NSDAP und als Geschäftsführer der Firma Lemmerz-Werk GmbH Profiteur des menschenverachtenden Systems der NS-Zwangsarbeit, in einer kriegswichtigen Produktion“ gewesen.
In einem nach seinen Angaben bis zum 14. Januar 2026 im Archiv der Stadt Königswinter schlummerndes Dokument der Firma Lemmerz aus dem Jahr 1949 schreibt sie selbst von einem Kriegsgefangenen- und Arbeitslager , in dem es „ca 80 franz. Gefangene und ca 150 Ostarbeiter“ gab.
Allerdings hat Ansgar Klein schon in seinem 2008 veröffentlichten Werk über die NS-Zeit im Siebengebirge eine Zusammenstellung der Zwangsarbeitslager veröffentlicht. Darunter neben der Autoräderfirma Lemmerz, dem Wintermühlenhof und den Ofenkaulen beispielsweise auch die Firma Dynamit Nobel (im Düsseldorfer Hof in Königswinter), die Didier-Werke und die Firma Rheinischer Vulkan in Niederdollendorf sowie in Bad Honnef die Konservenfabrik Ewald und die Marmeladenfabrik Mundt.
„Unübersehbar öffentlich“ sagt Elmar Scheuren zur Diskriminierung
Die Zwangsarbeit habe, so Elmar Scheuren im Katalog zur NS-Ausstellung, auch im Siebengebirge alle Bereiche des wirtschaftlichen Lebens geprägt. Landwirtschaft, Handwerk, Kleinbetriebe und selbst private Haushalte hätten sich an der menschenverachtenden Ausbeutung beteiligt. Diese Facette rassistischer Diskriminierung habe „unübersehbar öffentlich“ stattgefunden.

Verurteilt den Einsatz von Zwangsarbeitern auf das Schärfste: die Firma Maxion Wheels, in der die Lemmerz-Werke aufgegangen sind.
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Erreicht hat das von Helmut Speckheuer auf die Tagesordnung gebrachte Thema Erinnerungskultur nicht nur die Stadt (siehe Infokasten), sondern auch die Firma Maxion Wheels, in der die Lemmerz-Werke aufgegangen sind. Eine Anfrage der Redaktion auch nach dem Vorhandensein von Dokumenten oder Kenntnissen über die Lebensumstände der Zwangsarbeiter beantwortete eine Sprecherin nur eher allgemein: „Wir (Maxion Wheels) verurteilen den Einsatz von Zwangsarbeit während der Zeit des Nationalsozialismus aufs Schärfste. Uns sind die historischen Bezüge zum ehemaligen Lemmerz-Werk in Königswinter bekannt, die zur Geschichte dieses Standorts gehören und aus einer Zeit stammen, bevor dieser im heutigen Unternehmen Maxion Wheels aufging. Wir sind der Überzeugung, dass diese Phase der Geschichte durch sorgfältige und fundierte Aufarbeitung verantwortungsvoll behandelt werden muss, damit sie angemessen verstanden und in Erinnerung gehalten wird.“
Helmut Speckheuers Petition richtet sich an den Rat der Stadt Königswinter. Bis Freitagnachmittag (19. Juni) war sie von 59 Unterstützern unterzeichnet worden.
