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Ausweichtermin wegen ZuckerfestDie wichtigsten Antworten zur Abitur-Panne in NRW

Lesezeit 11 Minuten
Tausende bedruckte Blätter fliegen aus Fenstern eines Schulgebäudes. Vor dem Gebäude steht eine große Gruppe Schüler.

Ende März: Abigag 2023 am Rhein-Gymnasium in Köln-Mülheim.

Die schriftlichen Abiprüfungen sind am Mittwoch wegen einer technischen Panne für tausende Schülerinnen und Schüler in NRW ausgefallen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Die wichtige Nachricht für tausende Abiturientinnen und Abiturienten kam am Dienstagabend um 20.36 Uhr: Wegen einer Datenpanne wurde der Start der schriftlichen Abiturprüfungen, der eigentlich am heutigen Mittwoch stattfinden sollte, abgesagt. Die Prüfungen sind auf Freitag verschoben. Rund 30.000 Schülerinnen und Schüler und 900 Schulen sind betroffen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen – und ergänzen  diese Liste kontinuierlich.

Welche Prüfungsfächer und wie viele Schülerinnen und Schüler sind betroffen?

Am Mittwoch sollte das Abitur in den Fächern Biologie, Chemie, Ernährungslehre, Informatik, Physik und Technik stattfinden. Die Prüfungen sind nun auf Freitag verschoben. Laut Schulministerium sind rund 30.000 der landesweit 72.000 Abiturientinnen und Abiturienten an etwa 900 Schulen davon betroffen.

Die Landesregierung hat alle Schulen – also auch diejenigen, die am Dienstag bereits erfolgreich herunterladen konnten –  gebeten, am Donnerstag (20. April) den Download für alle sechs Fächer erneut durchzuführen. Für alle heruntergeladenen Dateien – alte wie neue – gelte weiterhin die Geheimhaltungsvorschriften.

Freitag ist Zuckerfest. Was bedeutet das für muslimische Schülerinnen und Schüler?

Das Ministerium teilte am Mittwochmittag mit, dass Schülerinnen und Schüler, die am Freitag das Zuckerfest begehen, nachschreiben können. Tayfun Keltek, Vorsitzender des Integrationsrates der Stadt Köln und des Landesintegrationsrates NRW, kritisiert den Termin. „Es ist das wichtigste muslimische Fest. Es wäre unvorstellbar, das Abitur auf Weihnachten zu verschieben“, sagt Keltek im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Seiner Ansicht nach müsste man die Prüfung auf einen anderen Tag verlegen. „Ich finde das nicht in Ordnung und halte das für unsensibel. So sollte man nicht mit Menschen umgehen, die man für die Gesellschaft gewinnen will.“ Die religiösen Gefühle und Traditionen aller Schüler sollten berücksichtigt werden.

Update am 20. April: Feller bot muslimischen Schülerinnen und Schülern inzwischen einen Ausweichtermin 9. Mai an. Dieser Tag ist auch der reguläre Nachschreibtermin für die Fächer, die am Freitag geprüft werden - muslimische Schülerinnen und Schüler schreiben also die Nachschreibklausur mit, eine extra Klausur muss nicht erstellt werden. Wer sich am Freitag wegen des Zuckerfestes von der Prüfung befreien lassen möchte, muss darüber vorab mit der Schulleitung sprechen. „Ein Zettel in den Posteingang legen, reicht nicht“, so ein Sprecher. 

Wie ist das Prozedere normalerweise?

Eine Lehrerin aus NRW berichtet gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“: Am Vortag der Abiturarbeiten ab zwölf Uhr können die Aufgaben von der jeweiligen Schule vom „Qualis-Server“ in verschlüsselter Form heruntergeladen werden. Pro Fach sind währenddessen zwei Lehrkräfte anwesend. Diese Lehrer werden vorab nach bestimmten Kriterien ausgewählt, dürfen nicht verwandt sein mit Abiturienten oder aktuelle Abiturkurse leiten.

Die Dateien werden anschließend entschlüsselt und in dem Raum, in dem der Computer steht, einmalig ausgedruckt. Der Ausdruck wird dann zu einem Kopierer gebracht und in entsprechender Anzahl vervielfältigt. Jede Seite wird dabei registriert und gezählt, um sicherzustellen, dass nicht zusätzliche Abschriften existieren. Jede Aufgabe wird für jeden Abiturienten hernach in ein Kuvert gesteckt und versiegelt.

Dieser Kuvertstapel kommt anschließend in den Schultresor. Dort werden die Umschläge erst unmittelbar vor der Klausur von der zuständigen Lehrkraft entnommen und verteilt. In Fächern, in welchen es Auswahlaufgaben gibt, müssen beim Download Fachlehrkräfte dabei sein, die keinen Abiturkurs betreuen, und eine Auswahl treffen können.

Was ist schiefgegangen?

Das ist noch nicht abschließend geklärt. Eine Ursache für die Störung könnte eine Zwei-Faktor-Authentifizierung sein - darauf verzichtet man nach Aussagen von Schulministerin Dorothee Feller (CDU) jetzt. Vorab kursierte die Vermutung, ein Film in einer Abituraufgabe mit einer zu großen Datenmenge könnte den Server zum Absturz gebracht haben. Auch einen Hacker-Angriff will Feller nicht ausschließen.

Erste Probleme waren am Dienstagmittag aufgetreten. Manche Schulen konnten die Prüfungen herunterladen, andere nicht, wieder andere nur bestimmte Fächer. Betroffen waren Gymnasien und Gesamtschulen. Laut Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ konnten einige betroffene Schulen die Klausuren gegen 20 Uhr herunterladen, überall war dies aber offenbar nicht möglich. Das Schulministerium will die massive Störung gemeinsam mit einem externen Dienstleister aufarbeiten, eine Fehleranalyse erstellen und daraus auch Konsequenzen für die kommenden Prüfungen ziehen.

Bei diesem Dienstleister handelt es sich um das private Unternehmen Gonicus aus Arnsberg. Die Firma arbeitet bei der digitalen Bereitstellung der Abituraufgaben mit dem Landesinstitut für Bildung, Qualis, zusammen - das war auch bei der aktuellen Panne der Fall. In den Jahren davor sei die Zusammenarbeit stets reibungslos verlaufen, sagte Bildungsministerin Feller.

Inzwischen hat der vom NRW-Schulministerium beauftragte IT-Dienstleister die Probleme beim Versand von Abituraufgaben bedauert. Im Zuge der Fehlersuche habe sich herausgestellt, dass für einen Teil der Schulen ein Download der Prüfungen nicht möglich war. Das bedauere man sehr, besonders mit Blick auf die betroffenen Schüler und Schülerinnen sowie Lehrerinnen und Lehrer, teilte Rainer Lülsdorf, Geschäftsführer der Arnsberger Firma Gonicus, am Mittwoch mit. Es habe vorher mehrere Tests gegeben, bei denen alles funktioniert habe.

Wie wird ein Abitur in NRW überhaupt erstellt?

Sabine Mistler vom Philologenverband erklärt: „Das Ministerium erarbeitet zusammen mit der Qualitätsagentur Qualis Aufgaben. Da gibt es Experten für alle Fächer und Fachberater aus der Schule, die dort gemeinsam in Gremien Aufgaben erstellen. Zusätzlich werden jedes Jahr Schulen gebeten, Vorschläge für Abituraufgaben einzureichen. So haben wir eine breite Basis an möglichen Aufgaben, aus denen das Ministerium dann auswählt.“ In den Fächern Mathe, Deutsch, Englisch und Französisch gebe es zudem einen bundesweiten Pool an Aufgaben, aus denen sich alle Länder hälftig bedienen müssen.

Warum hatte NRW noch Glück im Unglück?

In den Fächern Deutsch, Englisch, Mathe und Französisch kommen beim Zentralabitur der einzelnen Bundesländer auch Aufgaben aus einem bundesweiten Pool dran. Diese Prüfungen müssen deshalb bundesweit am selben Tag geschrieben werden. Wären bei der Download-Panne diese Fächer betroffen gewesen, hätte das bedeutet, dass auch alle anderen Bundesländer den Abiturtermin hätten verschieben müssen.

Gab es denn keine Tests und Sicherheits-Pläne?

Laut Ministerium gab es beides. Dorothee Feller berichtet von zwei Servern als Sicherheits-Backup, außerdem habe das Ministerium am Dienstagnachmittag nach einer eigenen Server-Lösung gesucht, von wo aus die Schulen dann hätten downloaden können. Es ist laut Feller gelungen, 96 Prozent der Aufgaben upzuloaden. Die 100 Prozent habe man aber leider nicht mehr erreichen können. Bereits im Herbst habe man mit 300 Schulen einen Probelauf unternommen, ohne Probleme. Damals habe man eine Chemieaufgabe mit integriertem Video probeweise heruntergeladen, da dies die technisch aufwändigste Aufgabe gewesen sei. 

Wie verfahren andere Bundesländer? Kann NRW da noch was lernen?

Es gibt Bundesländer, in welchen der Download der Aufgaben schon mehrere Tage vor dem Prüfungstermin erfolgt, sagt Sabine Mistler, Vorsitzende des Philologenverband NRW: „Da hat man dann etwas mehr Zeit, falls etwas schiefläuft.“

In einigen Bundesländern, wie zum Beispiel Bayern, werden Abituraufgaben übrigens noch physisch und unter hohen Sicherheitsvorkehrungen übergeben. Gedruckt werden sie für jeden einzelnen Schüler mit zeitlichem Vorlauf in der Druckerei unter Aufsicht des Kultusministeriums. Dadurch soll auch gewährleistet werden, dass die Schülerinnen und Schüler in Würzburg die gleiche Druckqualität und das gleiche Papier haben wie die in Garmisch Partenkirchen. Selbst abhängig von einem kaputten Schuldrucker ist man auf diese Weise nicht.

Anschließend holt der Kurierdienst oder die Schulleiter persönlich die versiegelten Umschläge beim Ministerium ab und verwahren sie an einem sicheren Ort. Manche wählen den Tresor im Direktorat, andere hinterlegen die Unterlagen gar bei der Polizei. Geöffnet werden die Aufgaben dann erst wenige Stunden vor der Prüfung - unter Zeugen. Lediglich die Hördokumente für Aufgaben in den Fremdsprachen werden nach Auskunft des Bayerischen Philologenverband nicht mehr per CD überbracht, sondern digital verschickt.

Gab es schon mal Pannen beim Abitur in NRW?

2008 erregten beispielsweise zwei Leistungskursaufgaben im Fach Mathematik bundesweit für Aufsehen. Viele Schüler scheiterten an ihnen. In einzelnen Leistungskursen musste die Hälfte der Jugendlichen zur Nachprüfung. Auf Protest reagierte das Ministerium mit dem Angebot, die Klausur nachzuschreiben. Die Nachschreiber profitierten und verbesserten sich um durchschnittlich zwei Notenpunkte.

Warum kam die Entscheidung, die Prüfung zu verschieben erst so spät am Abend?

Zunächst hatte das Ministerium nach eigenen Angaben versucht, die Störung zu beheben. Als klar war, dass das nicht gelingen werde, entschloss man sich zur Verschiebung.

Wann wurden die Schulen über die Probleme informiert?

Luca Winter, Lehrer für Mathematik, Philosophie und Informatik am Bodelschwingh-Gymnasium in Windeck-Herchen sagt gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, dass man um 14.10 Uhr informiert wurde, das Material stehe nun zum Herunterladen bereit. Funktioniert hat es dann aber dennoch nicht. Man habe den Hinweis erhalten, auf keinen Fall die Hotline des Ministeriums zu kontaktieren. Erst gegen 17.30 Uhr soll eine Mail an die Schulleitungen verschickt worden sein, dass der Download zeitnah wieder funktionieren sollte. Eine für 18 Uhr angekündigte Information gab es seitens des NRW-Bildungsministeriums dann aber nicht. Das Ministerium teilte mit, dass die Schulen fortlaufend informiert worden seien. Die Absage der Prüfungen für Mittwoch erfolgte dann am Dienstag erst nach 20.30 Uhr.

Hat sich das Ministerium entschuldigt?

Ja. Ministerin Feller entschuldigt sich während der Pressekonferenz am Mittwochmittag bei allen Betroffenen, bei Eltern und Schülern, aber auch bei den Lehrern für die Geduld und dafür, dass sie die Situation auffangen. Diese Entschuldigung wiederholte sie zweimal. Sabine Mistler vom Philologenverband nimmt Feller die Entschuldigung ab: „Für mich ist es absolut glaubwürdig, dass sie sich sehr ärgert. Niemand hatte mit dieser Panne gerechnet.“ Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) schloss sich Feller mit einer eigenen Entschuldigung an.

Wie sieht es mit den Klausuren aus, die am Donnerstag anstehen?

Am Mittwoch laufe das Herunterladen der Abitur-Klausuren für Donnerstag laut Ministerin Dorothee Feller gut. Geschrieben werden am Donnerstag die Leistungskurse Geografie, Erziehungswissenschaften, Geschichte, Sozialwissenschaften, Philosophie, Psychologie, Recht, Sozialkunde, katholische und evangelische Religion, Sport sowie Kunst und Musik. Das Ministerium stünde in ständigem Austausch mit den Schulen. Trotz aller Beteuerungen hat die Panne für nachhaltige Verunsicherung an den Schulen gesorgt: „Die größte Sorge ist, dass sich so etwas wiederholt und der Download noch einmal nicht funktioniert“, sagt Georg  Scheferhoff vom Schiller-Gymnasium in Köln Sülz.

Der nächste reguläre Abi-Prüfungstag steht nach Angaben des Ministeriums dann an diesem Montag an. Dafür sollen die Aufgaben am Freitag heruntergeladen werden.

Können Lehrerinnen mit einer Vergütung der Wartezeit am Dienstag rechnen?

Das sieht schlecht aus. Eigentlich wird zusätzliche Arbeit durch Freizeitausgleich entschädigt. Das ist bei Lehrerinnen und Lehrern wegen des stattfindenden regelmäßigen Unterrichts nur selten möglich. Daher steht ihnen eine Vergütung für Mehrarbeit zu. Allerdings sagen die einschlägigen Regelungen: „Vergütbare Mehrarbeit im Schuldienst ist nur die von einem Lehrer im Rahmen der hauptamtlichen oder hauptberuflichen Unterrichtstätigkeit auf Anordnung oder mit Genehmigung über die individuelle Pflichtstundenzahl hinaus an der eigenen Schule oder an einer anderen Schule derselben Schulform zu leistende Unterrichtstätigkeit.“ Das Ministerium will allerdings prüfen, ob die Zweitkorrekturen der nun verschobenen Klausuren entfallen können, um die Lehrkräfte zu entlasten.

Einige Schulen konnten die Prüfungen herunterladen. Sind die Aufgaben so bis Freitag vertraulich oder drohen Leaks?

Das Ministerium ist dabei das zu prüfen. Die rund 300 Schulen, bei denen das Herunterladen klappte, wurden demnach aufgefordert, die Klausuren unter Verschluss zu halten. Nach jetzigem Stand wurden keine Aufgaben geleakt. Sollte sich das Gegenteil herausstellen, gibt es laut Ministerium Ersatzklausuren. Sabine Mistler vom Philologenverband geht für diesen Fall davon aus, dass die Aufgaben, die eigentlich für den ersten Nachschreibetermin avisiert waren, dann schon am Freitag zur Anwendung kommen.

Die schulpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Dilek Engin, hatte am Mittwochmorgen noch an der Vertraulichkeit der Aufgaben gezweifelt: „Eigentlich können sie nicht mehr verwendet werden, da eine Geheimhaltung nicht hundertprozentig sichergestellt werden kann“, sagte Engin mit Blick auf die Prüfungsaufgaben. Auf Twitter kursieren Gerüchte, die Abi-Aufgaben seien im Netz abrufbar für jedermann. Allerdings gibt es dafür bislang keinen Beleg.

Was sagen andere Oppositionsparteien und Schülervertretungen?

Die Landesschüler*Innenvertretung NRW kritisiert das Ministerium, weil es die Abiturprüfungen unzureichend vorbereitet habe. Das nun verursachte Chaos sei ein weiterer Beleg dafür, dass das zentralisierte Abitur und der Privatisierungswahn der Landesregierung im Hinblick auf zukünftige Abschlussprüfungen überwunden werden müssen. Der neue Prüfungstermin bedeute für die Abiturientinnen und Abiturienten „nicht nur mehr Stress durch fehlende Lernpausen oder mehr Belastung, sondern im Zweifelsfall auch eine schlechtere Note“. Zudem sorgt sich die Vertretung, dass die Prüfungen durch den anstehenden Bahnstreik am Freitag beeinträchtigt werden könnten.

Franziska Müller-Rech, schulpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion, kritisierte die Kommunikation der Landesregierung am Dienstag. Das Schulministerium dürfe „nicht so abtauchen und einfach nichts dazu sagen. Insbesondere die Schülerinnen und Schüler hatten sich Informationen zum Beispiel in den sozialen Medien erhofft“.


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