Der Wiederaufbau nach der Flutkatastrophe erfordert eine Kraftanstrengung weit über die Gemeindegrenzen hinaus.
Juli-Hochwasser 2021Wie die Flut für Swisttal zur Zeitenwende wurde

Hochwasser 2021 in Swisttal-Heimerzheim.
Copyright: dpa
Tobias Leuning hat in der Nacht auf den 15. Juli 2021 fürs Leben gelernt: „Wenn das Wasser auch nur kniehoch fließt, kann man eigentlich nicht mehr stehen und wird mitgerissen.“ Er habe einfach nur Glück gehabt, als er noch versucht habe, über die Brücke zum Haus seiner Eltern zu gelangen. Sogar sein Fahrrad habe er noch retten können. Trotzdem: „Das war dumm, ich habe es so gerade eben geschafft.“ Er wisse von drei Todesopfern der Flut in Swisttal.
Die 20.000-Einwohner-Gemeinde war im Kreisgebiet besonders stark durch die Katastrophe getroffen. Gefragt, wo es am schlimmsten war, schlägt Leuning – seit der Kommunalwahl 2025 ist der Sozialdemokrat Bürgermeister – die Brücke über den Orbach im Zentrum von Odendorf als Fotomotiv vor.
Wasser stand bis zu den Dachkanten
Der Bachlauf ist eine Baustelle, der Kanal im Ortskern wird gerade saniert. Links und rechts der Uferstraßen stehen schnuckelige Wohnhäuschen, einige mit Fachwerk, manche Fenster sind immer noch mit Holzplatten verrammelt. „Das Wasser stand hier bis zu den Dachkanten“, schildert Leuning. „Viele Leute haben hier Hochwassermarken an den Fassaden.“ Es sei schwer, Vergleiche anzustellen. Die Gewalt des Wassers sei in Odendorf am stärksten gewesen, in der Fläche sei Heimerzheim am schlimmsten betroffen gewesen.
Für Leuning begann die Flutkatastrophe im Heimerzheimer Bungalow eines Bekannten, relativ nahe an der Swist. „Der hatte Wasser im Keller, wir haben uns bei ihm getroffen und immer wieder Wasser die Treppe hochgetragen, Pumpen hatten wir auch. Die Stimmung war eigentlich in Ordnung, wir ahnten ja nicht, was kommen würde.“ Dann sei Wasser aus dem Gulli der Toilette geströmt, von den Wänden und vom Dach. „Von hinten kam die Swist in den Garten und stand an der Türschwelle, da haben wir die Arbeit eingestellt. Am nächsten Morgen stand das Haus bis zum Dach unter Wasser.“

Fünf Jahre Julihochwasser: Der Swisttaler Bürgermeister Tobias Leuning am Orbach.
Copyright: Andreas Helfer
2000 Menschen mussten in Swisttal in Sicherheit gebracht, teils mit Hubschraubern von den Dächern geholt werden. „Rettungsboote verunglückten, Taucher zogen Menschen aus der Strömung. In Odendorf gingen meterhoch die Flutwellen durch den Ort“, erinnert sich Leuning. Gerade für ältere Menschen, die in Erdgeschossen lebten, sei das eine große Gefahr gewesen. Er selbst habe nur ein paar Sachen aus dem Keller verloren, wohnt bis heute im Obergeschoss.
Zahlen spiegeln die Dimension der Flutkatastrophe
Offizielle Zahlen spiegeln die Dimension der Flutkatastrophe. Mit Stand 31. Dezember 2025 bewilligte das Land NRW 882 Millionen Wiederaufbauhilfen für Privathaushalte. Davon gingen 131 Millionen Euro in den Rhein-Sieg-Kreis, im einzelnen 62,5 Millionen Euro an Swisttal, gefolgt von Rheinbach (48,5 Millionen Euro), Meckenheim (7,7 Millionen Euro), Bornheim (6 Millionen Euro), Lohmar (3 Millionen Euro), Alfter (2,6 Millionen Euro), Troisdorf (316.000 Euro), Niederkassel (124.000 Euro), Wachtberg (114.000 Euro) Siegburg (29.000 Euro), Neunkirchen-Seelscheid (28.000 Euro) und Königswinter (13.000 Euro).

Mit einem Jet-Ski spülten Lohmarer Wasser aus einer Tiefgarage heraus.
Copyright: Torsten Galle
135 Millionen Euro bewilligte das Land für den Wiederaufbau kommunaler Infafstruktur in Alfter, Bornheim, Königswinter, Meckenheim, Niederkassel, Rheinbach und Swisttal. Aktuelle Zahlen will das Land im Laufe dieser Woche vorlegen. Zu den Hilfen für Privatpersonen wurde umfassend beraten: Von insgesamt 9629 Beratungen entfielen, Stand heute, 5466 auf Rheinbach, 4079 auf Swisttal, 340 auf Meckenheim und 242 auf Siegburg. Die Frist für die Beantragung von Hilfen lief zum 30. Juni aus
„Die Folgen des Hochwassers sind die brennenden Themen in unserer Gemeinde“
„Die Folgen des Hochwassers sind die brennenden Themen in unserer Gemeinde“, so Leuning. Der Wiederaufbau sei aus Sicht der Bevölkerung relativ schleppend vorangegangen. In zehn Jahren, von denen anfangs die Rede war, werde wohl nicht alles abgearbeitet werden können. Große Liegenschaften seien komplett zerstört worden, Feuerwehrgebäude, Flüchtlingsunterkünfte und Kitas, Schulgebäude, das Dorfhaus im Ortsteil Miel schwer beschädigt. „Die Hälfte des Gemeindegebiets war betroffen.“ Das Rathaus lief bis zur Bodenplatte voll – Strom und wichtige Technik fielen aus.
Stabsstelle für den Wiederaufbau
„Mehr als 100 Millionen Euro kostet der Wiederaufbau, das übersteigt das normale Investitionsvolumen der Gemeinde um ein Vielfaches“, betont Leuning. Klar sei, dass das mit den Beschäftigten im Rathaus nicht zu bewerkstelligen sei. Befasst wurde damit ein Konsortium, zu dem auch eine Fachfirma aus Sachsen zähle: „Die hat den nötigen Background durch Flutkatastrophen im eigenen Land.“ Von Sachsen habe sich Nordrhein-Westfalen auch in Bezug auf Förderrichtlinien einiges abgucken können. Eine Stabstelle Wiederaufbau ist in Swisttal direkt beim Bürgermeister angesiedelt.
Regularien für Vergabeverfahren sind Leuning zufolge erleichtert und entschlackt worden. Trotzdem: Bevor es erst einmal ans Bauen gehen könne, entstehe ein riesiger Aufwand. „Da kann man nicht einfach einen Bagger nehmen und loslegen.“ Straßen, Bürgersteige hätten Schäden erlitten, ebenso Gräben in Feldfluren, die zugeschüttet worden seien. Manches ging schnell, etwa der Wiederaufbau einer Straßenbrücke, der noch vor Weihnachten 2021 erledigt war. Auch Containerschulen seien in kürzester Zeit entstanden.

Fluthelfer aus Odendorf beim Besuch von CDU-Bundestagsmitglied Armin Laschet im Januar 2022.
Copyright: Matthias Kehrein
Ein großes Projekt sei der Sportcampus Odendorf, so der Bürgermeister. „Fußballplatz, Schützenablagen, Schulturnhalle, alles lag in der Orbachaue, alles wurde mehr oder weniger stark beschädigt, der ganze Sport im Ort ist betroffen.“ Einige Angebote habe man ins Dorfhaus verlagern können. Schwierig gestaltete sich die Suche nach alternativen Flächen, als neue Überschwemmungsgebiete ausgewiesen wurden und Planungen angepasst werden mussten. Jetzt aber seien Planer konkret mit einem neuen Sportcampus befasst. Dazu gebe es regelmäßige Austauschrunden mit den Vereinen.
Seit 2023 gibt es Bürgerworkshops zum Thema Hochwasserrisikoschutz, der Rhein-Sieg-Kreis organisierte mehrere Hochwasserforen. Im Bezug auf Vorwarnsysteme und Stromversorgung habe die Kommune einiges tun können. Online stehen Karten zu Starkregen und Überschwemmungsgebieten sowie ein Rückstau-Handbuch bereit. An zehn Orten wurden sogenannte KAT-Leuchttürme eingerichtet, als zentrale Anlaufstellen für Notrufe und Informationen und insbesondere für den Fall, dass Telefon und Mobilfunk ausfallen.
Ergebnisse für ein Hochwasserschutzkonzept für Swisttal sollten schon bald vorliegen, schätzt Leuning. Anderes habe man kaum in der Hand, etwa den interkommunalen Hochwasserschutz, der beim Erftverband angesiedelt sei. Der Wiederaufbau der Steinbachtalsperre und der Bau von Regenrückhaltebecken etwa seien Maßnahmen, die gar nicht im Gemeindegebiet stattfänden, von denen Swisttal aber maßgeblich profitiere. Aber noch eines ist Leuning wichtig: „Selbsthilfe hat uns in der Zeit sehr viel Stärke gegeben“, erinnert sich der Bürgermeister an die Ereignisse vor fünf Jahren. „Das wirkt nach und trägt uns bis heute.“
