„wir helfen e.V.“ rief kürzlich Experten aus der Jugendhilfe zum Runden Tisch. Das Credo ist eindeutig: Prävention muss gesichert werden.
„Das ist eine Gewissensfrage“Kürzungen in der Jugendhilfe gefährden Kinder in Köln

Einsamkeit ist ein Faktor, der durch Prävention verhindert werden kann.
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Unter dem Motto „wir helfen: Kinder frühzeitig auf den guten Weg zu bringen“ möchte der Hilfsverein dieser Zeitung für Kinder und Jugendliche in Not in diesem Aktionsjahr präventive Angebote unterstützen, mit denen gefährdete junge Menschen in Köln und der Region geschützt und gefördert werden – bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Prävention in der Kinder- und Jugendhilfe dient dazu, Risiken und Entwicklungsgefahren für Kinder, Jugendliche und ihre Familien frühzeitig vorzubeugen, abzuwenden und zu lindern. Sie umfasst Angebote, die die Schutzfaktoren und Teilhabechancen von jungen Menschen stärken und Risikofaktoren wie Kindeswohlgefährdungen verhindern sollen.
Runder Tisch mit Experten tagte in Köln
Genau diese Präventionsangebote aber drohen nun den Sparplänen der Stadt zum Opfer zu fallen, denn sie gelten als vermeintlich freiwillige Leistungen der Kommune. Dem widersprechen unter anderem auch die rund 25 Expertinnen und Experten, die sich wie jedes Jahr im Frühling beim Runden Tisch von „wir helfen“ zu einem Austausch über Problemlagen der jungen Generation und Herausforderungen des lokalen Hilfesystems ausgetauscht haben. Deren Credo: Prävention darf nicht als optionale Zusatzleistung, sondern muss als Grundaufgabe verstanden werden, um ein gesundes Aufwachsen aller jungen Menschen zu ermöglichen.
„Im Kinder- und Jugendhilfegesetz, dem SGB VIII, steht kein Nice to have. Es beschreibt die Aufgabe und Pflicht von Staat und Kommune, junge Menschen in ihrer sozialen Entwicklung zu fördern, Benachteiligungen abzubauen und sie vor Gefahren zu schützen. Dazu zählen vor allem auch die Präventionsangebote“, sagt Ulrich Bergmann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband.
Prävention braucht dauerhafte Unterstützung
Die Krux: Prävention wird zwar in Gesetzen gefordert, ist aber nicht mit konkreten Finanzierungspflichten verknüpft. Im Gegensatz zu den Hilfen zur Erziehung oder dem Recht auf einen Kitaplatz, können Eltern und Betroffene den Anspruch auf andere präventive Angebote der Jugendarbeit und des Kinder- und Jugendschutzes, nicht individuell geltend machen oder einklagen. Denn sie stehen unter dem sogenannten Vorbehalt der Wirksamkeitsprüfung, was bedeutet, dass ihre Förderung nicht dauerhaft garantiert ist, sondern an ihren Erfolg geknüpft wird. Doch Prävention braucht einen langen Atem – weshalb es schier unmöglich ist, ihre kurzfristige Wirksamkeit nachzuweisen. Zumal sich erfolgreiche Prävention eben darin ausdrückt, dass nichts passiert.
Die Geschäftsführerin der „Rheinflanke“, Pia Strohmeyer, bringt das Problem auf den Punkt: „Die präventive Wirkung der Angebote entfaltet sich erst über Zeiträume von zehn bis zwölf Jahren – politische Planungszyklen hingegen sind kurzfristiger getaktet. Deshalb tauchen sie immer wieder bei Kürzungsvorschlägen auf, wenn der städtische Haushalt knapp ist.“ Die Fachkräfte warnen davor, dass einmal abgebaute präventive Angebote und damit einhergehende Beziehungsstrukturen kurzfristig nicht wiederherstellbar sind. Und: „Werden Präventionsangebote verkleinert, wird deren Nutzen unsichtbar, was weitere Kürzungen legitimiert und eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale in Gang setzen kann“, sagt Ralf Wischnewski von der Drogenhilfe Köln.
Folgekosten sind deutlich höher
Dass fehlende Prävention bei Kindern und Jugendlichen einem gesellschaftlichen Versagen gleichkommt, und keine Einsparung, sondern eine Kostenverlagerung bedeutet, das bestätigen unter anderem Studien der Bertelsmann Stiftung, des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) oder des „Prognos“-Instituts. Deren Ergebnisse: Ein nicht gelingendes Aufwachsen aufgrund von ausbleibenden Präventionsmaßnahmen kann soziale Kosten verursachen, die etwa 30-mal höher ausfallen als die Kosten für Präventionsmaßnahmen. Direkte Kosten entstehen bereits in der Jugendphase, wenn Kinder und Familien Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Anspruch nehmen müssen. Die öffentlichen Ausgaben dafür steigen stetig an und erreichen 2024 rund 78,8 Milliarden Euro.
Ein erheblicher Teil davon, etwa 19,6 Milliarden Euro, floss in „Hilfen zur Erziehung“ wie eine Heimunterbringung. Statistisch erwiesen ist, dass unzureichende Erziehungskompetenz einer der zentralen Gründe dafür ist. Frühzeitige Angebote für Eltern zur Stärkung ihrer Erziehungskompetenz dagegen können dazu beitragen, diese Maßnahmen – und damit einhergehende Kosten um etwa 13 Prozent zu reduzieren, wie Studien des „Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH)“ und des „Prognos“-Instituts bewiesen haben.
1,5 Milliarden Kosten aufgrund schlechtem Zugang zu Bildung
Indirekte Kosten ausbleibender Prävention fallen im Erwachsenenalter an durch fehlende Qualifikation, erhöhtes Arbeitslosigkeitsrisiko, anschließende Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen, höhere Kriminalitätsraten, körperliche und psychische Belastungen, Verlust von Fachkräften – verbunden mit dem Ausfall von Steuereinnahmen und Sozialabgaben. Die langfristigen Kosten, die beispielsweise aus einem schlechten Zugang zu Bildungsangeboten für benachteiligte Kinder und Jugendliche resultieren, beziffert ein DIW-Gutachten mit 1,5 Milliarden Euro – alleine für Personen nur eines Jahrgangs mit unzureichender Bildung.
In Nordrhein-Westfalen könnten jährlich rund 2,3 Milliarden Euro eingespart werden, wenn Armut, Jugendkriminalität und Langzeitarbeitslosigkeit durch stärkere Prävention reduziert würden. Im Umkehrschluss bedeutet das: Prävention hilft nicht nur den betroffenen Kindern und Jugendlichen individuell, sondern senkt auch die sozialen Kosten für Staat und Gesellschaft.
Was die Diskussionsrunde beim Runden Tisch auch offenbarte: Der Bedarf an präventiver Kinder- und Jugendhilfe wächst in Köln aufgrund vielfältiger Probleme der jungen Generation – sie leidet etwa vermehrt unter psychischen Belastungen, „Hobbylosigkeit“, Armut, digitalen Gefährdungen, schwindender Erziehungskompetenz der Eltern. Zeitgleich stehen die sozialen Einrichtungen unter finanziellem und personellem Druck.
Strukturen des Kölner Hilfesystems sind ernsthaft gefährdet
Grundlegende Strukturen des Hilfesystems und der Jugendarbeit sind ernsthaft gefährdet, Angeboten und auch ihren Trägern droht das Aus, wenn die Politik nicht gegensteuert. Das Resümee der Expertenrunde ist eindeutig: Was fehlt, ist der politische Entschluss, Prävention als Pflichtaufgabe zu rahmen – rechtlich gestützt etwa durch die UN-Kinderrechtskonvention. Schließlich sei Prävention keine sozialpolitische Kür, sondern eine finanziell rationale Investition – mit dem entscheidenden Unterschied, dass ihre Rendite erst dann sichtbar wird, wenn die politische Gelegenheit zum Einsparen verstrichen ist.
In einem offenen Brief schreibt Zartbitter-Leiterin Ursula Enders: „Kürzungen im Präventionsbereich gefährden den sozialen Frieden in dieser Stadt und verursachen nachweislich höhere Folgekosten, belasten damit langfristig auch die Kassen umso mehr. Kölner Kinder und Jugendliche dürfen nicht von Verwaltung und Politik verraten werden. Das ist eine Gewissensfrage!“
