Kölner Stadt-Anzeiger · Community

Kommentare · 0

Abo

„Allianz Wasserstraße“ fordert Vorfahrt für den Rhein400 neue Niedrigwasserschiffe bis 2035

Der Rhein und das westdeutsche Kanalnetz sollen bei Sanierung und Ausbau Vorrang haben. Damit seien 80 Prozent des Umschlags aller deutschen Binnenhäfen abgedeckt.

Von
Spaziergänger gehen am Rheinufer in Köln entlang. Im Hintergrund fährt ein Binnenschiff.

Die außerordentlich niedrigen Pegelstände am Rhein erschweren den Schiffsverkehr weiterhin.

Schluss mit dem Gejammer und nach vorne blicken, auch wenn der Rheinpegel bei Kaub am Mittwoch mit 13 noch einmal sechs Zentimeter liegt als beim großen Krisentreffen der Binnenschifffahrtsbranche um Niedrigwasser mit Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) am 6. August in Bonn.

Die frisch gegründete „Allianz Wasserstraße“, ein Bündnis aus Unternehmen der Binnenschifffahrt, das bisher nur aus vier Mitgliedern besteht, die wie die Duisburger Hafen AG duisport, die Häfen und Güterverkehr Köln (HGK) aber zu den Schwergewichten der Branche zählen, verfolgt ehrgeizige Ziele.

Ab sofort – und damit ist die bevorstehende Verabschiedung des Bundeshaushalts 2027 gemeint - müssten die mehr als zwei Milliarden Euro, die darin für den Unterhalt und Ausbau der Wasserwege vorgesehen sind, effizienter eingesetzt werden.

Ein Binnenschiff fährt auf dem Rhein bei Kaub an der Burg Pfalzgrafenstein.

Der "Pegel Kaub" gilt für die Schifffahrt als neuralgischer Punkt bei der Frage nach einer durchgehenden Passierbarkeit des Flusses.

„Wir dürfen nicht länger einzelne Projekte finanzieren, sondern müssen das Gesamtsystem in den Blick nehmen“, sagte Thomas Bogler, Sprecher des neuen Bündnisses. Es gehe darum, Haupt- und Nebenflüsse einschließlich der Häfen und Schleusen zu Clustern zusammenzufassen und die Gelder flexibel zur Verfügung zu stellen. „Wenn ein Projekt noch nicht baureif ist, muss man sich sofort einem anderen im gleichen Cluster zuwenden. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.“

Chemie-Industrie besonders betroffen

Für HGK-Vorstandschef Steffen Bauer muss das gesamte Einzugsgebiet des Rheins einschließlich des westdeutschen Kanalnetzes bei Sanierung und Ausbau absolute Priorität haben: „Damit haben wir 80 Prozent des Umschlags aller deutschen Binnenhäfen abgedeckt."

Die seit Mitte Juli andauernde Niedrigwasserphase beeinträchtigte die Binnenschifffahrt spürbar. „Eingeschränkte Transportkapazitäten verknappen die Versorgung mit Vorleistungsgütern und behindern den Absatz fertiger Erzeugnisse“, hieß es in der Ende September vorgelegten Herbstprognose führender Wirtschaftsforschungsinstitute. In Deutschland betreffe dies vor allem die chemische Industrie. Zwar könnten Unternehmen teilweise auf Straße, Schiene oder Schiffe mit geringerem Tiefgang ausweichen. Dies könne Produktionsausfälle jedoch nicht vollständig verhindern.

Ein Frachtschiff aus den Niederlanden, beladen mit Kleintransportern, fährt sich bei Niedrigwasser des Rheins im Düsseldorfer Hafen fest.

Auf Grund gelaufen: Ein Frachtschiff aus den Niederlanden, beladen mit Kleintransportern, fährt sich Ende September bei Niedrigwasser des Rheins im Düsseldorfer Hafen fest.

Die neue Allianz, zu deren Gründungsmitgliedern auch Rhenus Port Logistics und der Flusskreuzfahrer Viking Cruises zählen, warnt noch einmal davor, dass nicht nur bestehende Industriestandorte gefährdet seien, wenn der Rhein durch den Klimawandel immer häufiger als zuverlässiger Transportweg ausfalle. Es gehe auch darum, neue Unternehmen an der Rheinschiene anzusiedeln. „Wir dürfen keinen Vertrauensverlust bei unseren Kunden erleiden“, sagte HGK-Chef Bauer.

Privates Fremdkapital aktivieren

Ob die neue Allianz Wasserstraße dazu beitragen kann, den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen, wird auch davon abhängen, wer sich dem Verbund noch alles anschließt. Für Duisport-Chef Markus Bangen ist es nur eine Frage der Zeit, dass die Allianz den „Schulterschluss mit der Industrie“ vollzieht. Interessenten an einer Mitgliedschaft kämen aus der Chemie, dem Stahl, dem Maschinen- und Anlagenbau und nicht bloß aus der Wasserstraßenlogistik.

Die Binnenschifffahrt habe es bisher nicht geschafft, mit einer Stimme zu sprechen. „Wir sind der kleinste Verkehrsträger und leisten uns die meisten Stimmen. Den Bundesverband der Binnenschifffahrt, der Binnenhäfen und die Initiative System Wasserstraßen. Damit waren wir nicht erfolgreich.“

Die neue Allianz sieht Chancen, das bis 2035 bis zu 400 Neubauschiffe mit moderner Antriebstechnologie in den Dienst gestellt werden können. „Damit könnten wir die Versorgung der Rheinschiene auch unter schwierigen Bedingungen sicherstellen“, sagte HGK-Chef Bauer. Europaweit müssten es 1000 Schiffe sein.

Investitionen in neue Schiffe finden nur statt, wenn eine Perspektive gegeben ist
Stefan Bauer. Vorstand der Häfen und Güterverkehr Köln

Um privates Fremdkapital für den Bau neuer Schiffe zu aktivieren, müsse die Bundesregierung deutlich machen, dass das Binnenschiff als bedeutender Verkehrsträger neben der Straße und der Bahn eine Zukunft habe. Die vorgesehenen zwei Milliarden Euro im Bundeshaushalt 2027 seien ein positives Signal. „Investitionen in neue Schiffe finden nur statt, wenn eine Perspektive gegeben ist“, sagt HGK-Vorstand Bauer. „Wenn keine Impulse kommen, wird es kein Neubauprogramm geben und das Vertrauen sinken. Dann werden Schiffe, die heute 50 Jahre alt sind, nicht mehr ersetzt. Das Vertrauen in die Branche muss wieder zurückkehren.“

Die neue Allianz geht zunächst nicht auf Konfrontationskurs. Im Gegenteil. Sie erwartet vom Bund lediglich, dass die seit vielen Jahren im Bundesverkehrswegeplan als vordringlich eingestuften Abladevertiefungen im Rhein endlich umgesetzt werden. „Am Niederrhein hat das vier Jahre dauert“, kritisierte Duisport-Chef Bangen. Die Engstelle am Mittelrhein bei Kaub werde erst 2033 entschärft sein.

„Wir fordern keine Tieferlegung des gesamten Rheins und haben das auch nie getan“, sagte Bangen. „Das wäre kontraproduktiv, weil das Wasser bei niedrigen Ständen dann noch schneller abfließt.“ Es gehe lediglich darum, den Rhein so umzugestalten, dass die Folgen der Niedrigwasserphasen für die Industriestandorte besser abgefedert werden können.

Kölner Stadt-Anzeiger · Community
Diskutieren Sie mit