Köln – Wie leben wir im Rheinland? Die Redaktion wollte nach einem schwierigen Jahr von den Menschen in der Region erfahren, wie sie bis jetzt durch die Corona-Krise gekommen sind, wie die Digitalisierung ihren Alltag verändert hat, wie sich ihre Einkaufsgewohnheiten wandeln, wie sie ihre Arbeit gestalten und wie sie in die Zukunft blicken.
In der ersten großen Wirtschafts- und Verbraucherstudie „WIR im Rheinland“ des „Kölner Stadt-Anzeiger“ und der „Kölnischen Rundschau“ mit Unterstützung der Sparkasse Köln-Bonn und der Kreissparkasse Köln wurden diese Fragen nun beantwortet. Insgesamt knapp 14 000 Menschen aus dem gesamten Verbreitungsgebiet des „Kölner Stadt-Anzeiger“ haben an der Online-Befragung im Januar durch die Delta Marktforschung teilgenommen. Ihnen möchten wir danken, denn mit dieser hohen Teilnehmerzahl konnten wir ein gutes Stimmungsbild in der Region zeichnen und geben einen ersten Überblick über die interessanten und oftmals auch überraschenden Studienergebnisse.
„Die Menschen tragen den Kurs mit“
Seit nahezu genau einem Jahr bestimmt die Corona-Pandemie die Lebenswirklichkeit der Menschen. Wir wollten in unserer großen Verbraucherstudie wissen, welche persönlichen Auswirkungen die Menschen spüren, welche Sorgen sie haben und welche wirtschaftlichen Folgen die Pandemie für sie hat.
Mit Blick auf das Risiko einer Erkrankung geben rund drei Viertel der Bevölkerung an, dass sie Angst haben, dass sie selbst oder Angehörige schwer an Covid erkranken. „Obwohl Männer laut RKI das höhere Risiko haben, einen schweren Krankheitsverlauf zu haben, ergibt unsere Studie, dass sie sich weniger sorgen als Frauen. Über die Altersgruppen hinweg gibt es dagegen kaum Unterschiede“, sagt Johanna Hettler, Geschäftsführerin der Delta Marktforschung.
Trotz der öffentlichen Debatte über fehlende Impfstoffe gibt es offenbar eine breite Zustimmung für die politischen Maßnahmen. So bewerten die meisten Menschen die Vorgaben von Bundesregierung, Landesregierung und Kreis- beziehungsweise Stadtverwaltung mit „gut“ – eine Minderheit vergibt sogar ein „sehr gut“. Die Bundesregierung schneidet mit einer positiven Bewertung von 69 Prozent etwas besser ab als die Landesregierung (54 Prozent). Kreis- beziehungsweise Städte-spezifische gesundheitliche Schutz-Maßnahmen werden dabei mit einer 59-prozentigen Zustimmung noch etwas besser beurteilt als die Landesregierung. „Trotz großer Lockdown-Müdigkeit tragen die Menschen den Kurs immer noch mit – hier siegt bei den meisten Menschen die Vernunft“, sagt Johanna Hettler.
22 Prozent sind wirtschaftlich negativ beeinträchtigt
Welche Konsequenzen der lange Lockdown allerdings für die finanzielle Situation der Menschen hat, zeigt sich daran, dass 22 Prozent der Bevölkerung angeben, durch die Krise wirtschaftlich negativ beeinträchtigt zu sein.
Besonders hart trifft es Selbstständige und Freiberufler. Von ihnen sagen 55 Prozent, dass die Krise sie finanziell trifft. Dabei sind Freiberufler und Solo-Selbstständige sowie Selbstständige mit bis zu fünf weiteren Angestellten noch häufiger betroffen als Selbstständige mit mehr als fünf Mitarbeitern. Auf dem zweiten Platz kommen mit 36 Prozent Arbeiter – wobei hier die Facharbeiter noch härter betroffen sind als die (einfachen) Arbeiter.
Am größten ist die Not allerdings bei Arbeitssuchenden (59 Prozent) – die vermutlich entweder durch Corona ihre Arbeitsstelle verloren haben und/ oder befürchten, in der derzeitigen Situation keine neue zu finden.
Eher optimistisch
Und wie blicken die Menschen auf das laufende Corona-Jahr? Allen Widrigkeiten zum Trotz eher optimistisch. „Die Einschätzung der persönlichen Lage erhält durchschnittlich eine Schulnote 2,5. Angesichts der Krise, die uns noch lange im Jahr begleiten wird, ein erstaunlich positiver Wert“, sagt Johanna Hettler.
Im Einzelnen bedeutet das: Rund 57 Prozent der Bevölkerung blicken positiv auf ihre persönliche Lage insgesamt im Jahr 2021 – und vergeben eine Schulnote 1 oder 2. 39 Prozent vergeben die Note 3 oder 4 und nur vier Prozent blicken sehr pessimistisch mit einer Schulnote 5 oder 6 auf das vor uns liegende Jahr.
Corona beschleunigt die Digitalisierung
Die Corona-Krise hat auch die Arbeitswelt im vergangenen Jahr grundlegend verändert. Viele Menschen müssen von Zuhause aus arbeiten – mit all den Vor-, aber auch Nachteilen, die das mit sich bringt. War das Arbeiten in den eigenen vier Wänden bislang meist die Ausnahme, ist es nun für viele Berufsgruppen zur Regel geworden. Routinen und Abläufe wurden mit Beginn der Pandemie von heute auf morgen obsolet, Arbeitsprozesse mussten komplett neu strukturiert werden. Meetings, Konferenzen und mittlerweile auch Messen finden nahezu ausschließlich im virtuellen Raum statt. Bei der Digitalisierung wirkt die Pandemie wie ein Turbo-Beschleuniger.
Wir wollten wissen, wie die Menschen in unserer Region die Situation erleben, was sich in ihrem Arbeitsalltag verändert hat.
Rund die Hälfte der Berufstätigen hat im Januar 2021 im Home-/Mobile-Office gearbeitet. Wiederum davon die Hälfte hatte zuvor noch nie regulär zu Hause gearbeitet – die Umstellung ist also gewaltig.
Blickt man auf die einzelnen Berufsgruppen, sind die Veränderungen für die Selbstständigen und Freiberufler am geringsten, für die Beamten und Angestellten im Öffentlichen Dienst hingegen am größten. Außerdem gilt: Je älter Berufstätige sind, desto eher haben sie schon einmal vor der Krise im Home-/ Mobile-Office gearbeitet. Die Veränderung innerhalb der Krise war für die Gruppe der bis 29-Jährigen damit am stärksten.
Neuer Stellenwert für Home-Office
Insgesamt lässt sich bereits jetzt absehen, dass das Arbeiten zu Hause einen gänzlich neuen Stellenwert bekommt. Das sehen auch die Befragten in der Region so. Die Mehrheit (62 Prozent) derjenigen, die aktuell im Home-Office sind, geht davon aus, auch zukünftig häufiger zu Hause zu arbeiten als vor der Krise. Nur 35 Prozent erwarten, dass sie wieder so arbeiten werden wie vor der Pandemie.
„Unter dem Strich bedeutet das, dass sich für ein Drittel der Berufstätigen der Büroalltag durch die Krise dauerhaft verändert hat und Home-/Mobile-Office, ausgelöst durch die Krise, zur Normalität werden wird“, sagt Johanna Hettler von Delta Marktforschung.
Aber auch bereits vor Corona hat die Digitalisierung die Arbeitswelt stark oder sogar sehr stark verändert. Das beobachten über die Hälfte der Befragten. Und das gilt nicht nur für Büro-Jobs – auch bei (Fach-)Arbeitern gibt es teilweise starke Veränderungen. Nur eine Minderheit von 14 Prozent aller Berufstätigen gibt an, dass sich die Arbeit in den letzten Jahren gar nicht verändert hat.
Die Folgen aus Sicht der stark Betroffenen: Rund die Hälfte ist der Meinung, dass dadurch die Anforderungen an die Leistungsfähigkeit, die psychische Arbeitsbelastung und der Weiterbildungsbedarf steigen.
„Nicht immer positive Auswirkungen“
Die Mehrheit stellt zudem fest, dass der zwischenmenschliche Austausch im beruflichen Umfeld abnimmt. Aus Sicht rund der Hälfte der von der Digitalisierung stark Betroffenen, nehmen Flexibilität und Freiräume in der Arbeitszeitgestaltung zu. „Das kann, muss aber nicht immer positive Auswirkungen haben“, sagt Hettler. So empfänden nicht alle Freiräume als etwas Positives, sie könnten auch Ängste oder Unsicherheiten auslösen.
Auch das Alter hat entscheidenden Einfluss auf die Einschätzung. Eine „Grenze“ verläuft zwischen der Altersgruppe der 18-29-Jährigen und den Berufstätigen, die 30 Jahre und älter sind: Die Älteren nehmen deutlich häufiger eine Zunahme der psychischen Arbeitsbelastung und der Anforderungen an die Leistungsfähigkeit wahr und sehen erwartungsgemäß häufiger Weiterbildungsbedarf.
Interessant auch der Aspekt, dass die Wahrnehmung, dass die Arbeit durch die Digitalisierung flexibler wird und mehr Freiräume gewährt, kontinuierlich mit zunehmendem Alter sinkt. „Vermutlich geht es hier nicht um die konkreten Optionen, die der Arbeitgeber oder die Tätigkeit bieten, sondern um gelernte Arbeitsformen („nine to five“), die nicht so leicht zu verändern sind“, sagt Hettler. Und wie bewerten die Menschen die zunehmende Digitalisierung unter dem Strich? Sie wird von den (stark) betroffenen Berufstätigen in etwa zu gleichen Teilen positiv und zwiespältig gesehen. Nur sieben Prozent geben an, dass die Nachteile überwiegen.
Handel kämpft mit der Konkurrenz im Netz
Unser aller Einkaufsverhalten hat sich durch das Internet grundlegend gewandelt. Während der stationäre Einzelhandel auch schon vor Corona oftmals hart zu kämpfen hatte, wächst der Online-Handel im Lockdown stetig. Uns war es daher wichtig zu wissen, wie die Menschen in der Region die Attraktivität des Einkaufens vor Ort und in den großen Innenstädten bewerten. Und wie muss sich der stationäre Handel entwickeln, damit er attraktiv bleibt oder attraktiver wird?
Bei unserer Befragung, die online erfolgte, gaben 70 Prozent an, vor der Corona-Krise mindestens einmal im Monat online eingekauft zu haben. Im Netz geshoppt wird dabei von jüngeren und Konsumenten mittleren Alters gleichermaßen – erst in der Altersgruppe über 60 wird deutlich weniger digital eingekauft.
Die Corona-Krise und der Lockdown haben erwartungsgemäß dazu geführt, dass gut 40 Prozent mehr online bestellt haben als vor der Krise. Allerdings gibt eine Mehrheit an, nach der Krise wieder genauso häufig – also weniger – als zuvor online einzukaufen. Lediglich zehn Prozent gehen davon aus, auch weiterhin mehr im Netz zu kaufen.
Attraktive Angebote vor Ort sind vielen wichtig
Nahezu allen Menschen in der Region sind eine attraktive „Einkaufslandschaft“ vor Ort und attraktive Innenstädte in der Region wichtig. „Aber die Bereitschaft, den stationären Handel auch tatsächlich zu unterstützen, ist nicht immer vorhanden“, sagt Studienleiterin Hettler.
Um Differenzen bei Anspruch und Wirklichkeit auf die Spur zu kommen, wurden im Rahmen der Studie drei Einkaufstypen identifiziert. Der „Innenstadtliebhaber“, zu dem 50 Prozent gehören, lebt das Bekenntnis zu attraktiven Innenstädten: Für das Einkaufserlebnis beim lokalen Handel werden auch höherer Aufwand und höhere Preise in Kauf genommen.
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Beim „Verkappten Online-Shopper“ (26 Prozent) klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander: Eigentlich findet man attraktive Innenstädte wichtig. Im Zweifelsfall siegen aber Preis oder Bequemlichkeit und damit der Online-Kauf. Schließlich noch der „Bekennende Online-Shopper“ (20 Prozent). Hier wird um die Vorliebe für das Online-Shopping kein Hehl gemacht: Günstige Preise und Bequemlichkeit sind ausschlaggebend.