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150 Kölner Persönlichkeiten„Ich habe versucht, auf Vielfalt und Diversität zu achten“

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Ulrich Soénius (Kölner Stiftungen e.V:) beim Stiftungstag 2024 im Historischen Rathaus.

Ulrich Soénius ist Historiker und Direktor der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln (RWWA). (Archivbild)

Historiker Ulrich Soénius erzählt im Interview, wie er aus fast 600 Vorschlägen 150 bedeutende Kölnerinnen und Kölner ausgewählt hat.

Herr Soénius, fast 600 Vorschläge für 150 bedeutende Kölnerinnen und Kölner – da hatten Sie ja wohl die Qual der Wahl?

Es war erst einmal schön zu sehen, auf wie viele Menschen die Leserinnen und Leser uns aufmerksam gemacht haben. In einem ersten Schritt habe ich diejenigen gestrichen, die formal nicht passten, weil Köln nur Geburtsort, aber nicht ihre Wirkungsstätte war oder weil sie „aus der Zeit“ fielen. Als Beispiel fällt mir Erzbischof Rainald von Dassel ein, der im 12. Jahrhundert die Reliquien der Heiligen Drei Könige geholt hatte. Argument: Ohne ihn gäbe es den Dom nicht. Das stimmt zwar, aber dieses Verdienst hat er sich halt lange vor 1876 erworben. Im zweiten Schritt galt es dann tatsächlich, die Leistung einer Persönlichkeit in und für Köln abzuwägen.

Welche Namen haben Sie am meisten überrascht?

Es waren tatsächlich welche dabei, die mir bislang unbekannt waren. Mehrmals wurden Ärzte vorgeschlagen, bei denen ich vermute, dass sie individuell Großes vollbracht haben. Das fand ich berührend, genau wie den Vorschlag einer Frau, die ihren Vater als – für sie – bedeutende Persönlichkeit auf die Liste gesetzt hat. Bis in die Endauswahl hat er es dann nicht geschafft.

Andere, die Sie auch nicht kannten, dafür schon?

Ich habe etliche aufgenommen, die mir sonst womöglich entgangen wären. Beispiel: Hugo Borger, den langjährigen Generaldirektor der Kölner Museen. Aber mehr verrate ich jetzt nicht.

Und was macht nun einen Kölner, eine Kölnerin für Sie zum bedeutenden Kölner, zur bedeutenden Kölnerin?

Ich habe danach geschaut, wessen Wirken Köln langfristig geprägt, Spuren hinterlassen und den Ruhm der Stadt gemehrt hat. Das müssen nicht Baudenkmäler sein wie bei den Architekten aus der Böhm-Dynastie. Eine Frau wie Hertha Kraus, die Gründerin der Riehler Heimstätten, zum Beispiel hat das soziale Gesicht Kölns verändert – mit Folgen bis in die Gegenwart. Äußerliche Indizien für den historischen Rang einer Persönlichkeit sind auch Straßennamen, Denkmäler oder eine Figur am Ratsturm.

Da haben es die noch Lebenden automatisch schwerer. Wie haben Sie da gewichtet?

Das ist ein Problem, mit dem die Zeitgeschichte immer konfrontiert ist. Wir können heute nur bedingt wissen, an wen oder was sich die Menschen in 50, 100 Jahren noch erinnern. Deshalb habe ich bei den lebenden Persönlichkeiten danach geschaut, wie präsent, wirkungsvoll und einflussreich sie aktuell sind. Und ja, es ist der eine oder andere Name dabei, von dem man sagen wird: Das ist doch eher was für die jüngere Generation. Ich habe jedenfalls versucht, auf Vielfalt und Diversität zu achten, wofür Köln ja auch steht. Wenn ein Kollege, eine Kollegin das bei der nächsten Auswahl in zehn, 20, 30 Jahren dann anders gewichtet, finde das überhaupt nicht schlimm. So geht Geschichte.

Ein Beispiel für diesen Fokus auf – wie Sie sagen – Vielfalt und Diversität?

Stellvertretend nenne ich Meral Sahin, die Vorsitzende der IG Keupstraße, die so viel für Integration und das Miteinander der Kulturen in Köln geleistet hat. Da kommt dann noch hinzu, dass sie eine Frau ist – und damit auf der Liste der 150 ein Stück die historische Zurücksetzung und Missachtung von Frauen im öffentlichen Wirken ausgleicht.

Welche sind Ihre Favoriten unter den 150 Namen?

Das dürfen Sie einen Historiker nie fragen. Der soll mit seinem Urteil ja so neutral wie möglich sein. Eigene Vorlieben sind menschlich und schon deshalb natürlich nicht auszuschließen. Aber da habe ich dann eher gegengearbeitet – und umgekehrt darauf geachtet, dass ich niemanden ausschließe, den ich persönlich vielleicht nicht so schätze. Aber bevor Sie fragen: Auch dazu keine Namen!

Das Gespräch führte Joachim Frank.