Herr Hielscher, Sie kamen 1943 in Schlesien zur Welt, im heutigen Polen. Was wissen Sie selbst von diesem Ort?
Ulrich Hielscher: Ich wusste kaum etwas und kannte Schlesien nur aus den Erzählungen meiner Mutter und Schwestern. Mein Vater leitete die Brennerei beim Grafen Schaffgotsch in Schwarzengrund, heute Kopice. Nach der Wende habe ich begonnen nachzuforschen. Die Brennerei stellte Ethanol her. Ich erfuhr, dass Ethanol unter anderem in den sogenannten Flugaggregaten verwendet wurde, aus denen später die V1- und V2-Raketen in Peenemünde entwickelt wurden. Ich habe versucht, darüber Informationen zu erhalten, aber es gibt dazu keine Dokumente. Die Raketenentwicklung und die Zulieferungen unterlagen strengster Geheimhaltung.
Ihre Familie wurde bei Kriegsende nicht vertrieben. Wie kam das?
Da die Brennerei kriegswichtig war, wurde mein Vater erst Anfang 1945 eingezogen. Kurz vor dem Einmarsch der russischen Armee ist meine Mutter mit uns geflohen. Mein Vater kam in Kriegsgefangenschaft und musste die Glashütte in Kunzendorf bei Sorau mit aufbauen. Er war mit der Wiederherstellung der elektrischen Anlagen beauftragt, konnte sie wieder in Stand setzen und wurde deshalb für die Polen unverzichtbar. So konnte er seine Familie 1946 zu sich holen. Das war zunächst unser Glück. Deshalb wurden wir nicht vertrieben.
Das Glück hielt allerdings nicht lange.
Leider nicht. 1949 holte man ihn nachts ab. Mehr als ein halbes Jahr blieb er verschollen. Dann erfuhr meine Mutter, dass man ihn ins Gefängnis nach Breslau gebracht hatte. 1951 wurde er wegen Spionage zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Meine Mutter hat immer seine Unschuld beteuert und auch wir Kinder haben nie gezweifelt.
Woher wissen Sie heute, dass er unschuldig war?
Nach der Wende habe ich nach langen Recherchen eine Kopie der Original-Strafakte von 1951 bekommen. Ich hatte bei den zuständigen Behörden in Polen einen Antrag gestellt. Darin fand ich den Beweis seiner Unschuld. Er war denunziert worden. Der Denunziant widerrief am letzten Verhandlungstag alles, aber das Urteil stand schon fest.
Haben Sie Ihren Vater selbst je gefragt, was geschehen ist?
Nein. Denn ich war noch ein Kind und wir hatten ohnehin nicht viel Gelegenheit, miteinander zu reden. Während mein Vater in Haft war, wurden wir 1951 in die DDR ausgewiesen und kamen nach Cottbus. Mir fehlte mein Vater. Als meine Lehrerin der gesamten Klasse erklärte, dass all diejenigen, die jetzt noch in Kriegsgefangenschaft säßen, Kriegsverbrecher seien, erschien mir das wohl als Grund seiner Abwesenheit. Der kleine Uli ging also damals nach Hause und sagte zu seiner Mutter: „Vati ist ein Kriegsverbrecher.“

Ulrich Hielscher erlebte die Nachkriegszeit. Er sagt: „Da schrie niemand nach dem Staat, die Eltern wussten, dass Unterstützung nur begrenzt zu bekommen war. Also packte man einfach an. Diese Selbständigkeit fehlt mir heute manchmal.“
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Haben Sie den Vater im Gefängnis besuchen können?
Ja, einmal, da war ich etwa sieben Jahre alt. Ich werde das nie vergessen. Der Besuchsraum war durch zwei Maschendrahtzäune mit gut einem Meter Abstand geteilt. Mein Vater saß auf einem Stuhl auf der einen Seite und wir, meine Mutter, meine Schwester und ich, auf der anderen Seite. Er trug den Anzug, den meine Mutter aus einem alten Militärmantel genäht hatte. Ich habe versucht, meinen Arm durch den Maschendraht zu stecken, um ihn zu erreichen. Meine Mutter zog mich verängstigt zurück und ich habe mir dabei den Arm aufgeratscht.
Wie kam Ihr Vater dann frei?
Nach dem Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 fürchtete man sich auch in Warschau vor Unruhen. Man erließ eine Amnestie für politische Gefangene, wovon auch mein Vater profitierte. Im Dezember 1953 bekamen wir einen Brief mit den Worten: „Komme zu Weihnachten, lasst den Baum stehen!“ Wir warteten also, aber er kam nicht. Und wir warteten. Der Baum stand bis Ostern und hatte längst alle Nadeln verloren.
Erst nach Monaten bekam meine Mutter die Nachricht, dass unser Vater zwar frei war, aber in Polen noch ein Jahr Bewährung ableisten musste. Er kam also erst zum nächsten Weihnachtsfest zu uns nach Cottbus. Schon im darauffolgenden Februar, 1955, flohen wir über das Auffanglager Berlin Marienfelde, wurden aber sofort von den Amerikanern zu unserem Schutz in eine Villa in Dahlem verbracht. Ich war mittlerweile zwölf Jahre alt, bekam ein eigenes Zimmer, meine Schwestern hatten zu dritt nur eines. Ich war ganz stolz und erinnere mich noch gut daran, dass ich damals zum ersten Mal die Zähne mit Colgate putzen konnte und es jeden Abend für jeden eine Cola gab.
Das klingt nach Abenteuer, nicht nach Krise.
Ja. Obwohl wir in den nächsten neun Monaten in verschiedenen Flüchtlingslagern und überwiegend in Baracken untergebracht waren, war es für mich eher eine schöne Zeit. Auch musste ich in keine Schule gehen. In Düsseldorf wohnten wir zwei Monate in einer Turnhalle, die mit Pressspanwänden in Kabinen zwei mal drei Meter aufgeteilt war. Wir hatten zwei davon, mit sechs Personen. In jedem stand ein Stockbett mit drei Etagen, ich lag natürlich ganz oben und nachts flogen Bälle, Schuhe und anderes Zeug über die Abtrennungen. Wir als Kinder haben kaum unter dem Lagerleben gelitten.
Sind die Menschen im Vergleich dazu heute zu schlecht gelaunt, obwohl es uns ja viel besser geht?
Ich will das nicht als Lob der guten alten Zeit verstanden wissen. Ein großer Unterschied war, dass man damals die Verantwortung selbst übernommen hat. Da schrie niemand nach dem Staat, die Eltern wussten, dass Unterstützung nur begrenzt zu bekommen war. Also packte man einfach an. Diese Selbständigkeit fehlt mir heute manchmal.
Sie machten eine Ausbildung zum Feinmechaniker. Wie kam es dazu?
Mein Schulabschluss war nicht der beste, so hat mein Vater mich in die Lehre gesteckt und den Lehrvertrag noch unterschrieben. Er wollte einen Ingenieur aus mir machen. Kurz darauf starb er nach einer OP. Durch die Gefängniszeit war seine Leber stark geschädigt. Ich war noch keine 15 Jahre alt. Mein Vater hatte uns eine Musiktruhe in die Wohnküche gestellt, die dazugehörigen Platten waren Opernquerschnitte und Arien. Vornehmlich Bass Arien. Die hörte ich mit Begeisterung, sang alles mit und lernte die so nebenbei.
Die Kurve von der Akkordarbeit zum Opernsänger war dann doch ziemlich steil. Wie kam das?
Durch einen Zeitungsausschnitt, den meine Schwester mir eines Tages auf den Tisch legte. Es war eine Ankündigung zum Vorsingen am Robert-Schumann-Konservatorium. Ich ging also hin und sang „In diesen heil'gen Hallen" aus der Zauberflöte. Noten hatte ich keine, ich konnte das ja vom Hören und Mitsingen. Zwei Wochen lang lief ich total aufgeregt jeden Morgen vier Stockwerke hinunter zum Briefkasten, weil ich auf die Aufnahmebescheinigung hoffte. Als die dann endlich kam, musste ich absagen.
Warum das denn?
Meine Mutter sagte: Nein. Ich sollte doch Ingenieur werden. Und ich hätte ja ihre Unterschrift gebraucht. Schließlich war ich erst 17 Jahre alt und steckte mitten in der Lehre. Ich war so verzweifelt, dass ich meiner großen Schwester einen sehr dramatischen Brief schrieb, in dem ich ankündigte, mit der Welt abschließen zu wollen. Sie hat mich daraufhin ordentlich eingenordet und sinngemäß gesagt, ich solle nicht rumheulen, sondern meine Lehre fertig machen und dann halt ein Jahr später aufs Konservatorium gehen. Der Vorteil war, dass ich nun das Schulgeld selbst bezahlen konnte. Es waren immerhin 360 D-Mark pro Semester. Ich habe zunächst weitergearbeitet und zeitweise ziemlich gut verdient.
Was ist Ihre lustigste Erinnerung an diese Zeit?
Auf jeden Fall gehört der Abend dazu, als mein Freund und ich 1959 bei einem Fest im Pfarrsaal das Playback erfanden. Zumindest bilden wir uns das bis heute ein. Ich trug eine Perücke aus zerknülltem Zeitungspapier und sang die „Arie des van Bett“ aus „Zar und Zimmermann“. Weil wir aber ja keine Begleitmusik hatten, ließen wir die Platte laufen und ich bewegte die Lippen dazu, mein Freund dirigierte mit Trillerpfeife. Die Leute waren begeistert und sagten: Der hat ja ne dolle Stimme.
Acht Jahre später unterschrieben Sie einen Anfängerertrag als Bass an der Oper in Essen. Ihre großen Partien sangen Sie in den ersten Jahren auf Deutsch. Warum?
Das war damals noch so üblich. Erst Karajan führte später die Originalsprache ein. Als ich dann nach Köln kam, musste ich in wenigen Monaten zum Beispiel die italienischen Mozart-Opern auf Italienisch nachlernen. Manchmal hatte ich Panik und träumte sogar, dass ich in der Fledermaus als Frank auf die Bühne komme und merke, dass alle italienisch singen. Ich war total verwirrt, weil ich meine Rolle doch nur auf Deutsch konnte. Absurd, die Fledermaus würde man wohl kaum auf Italienisch bringen. Ich wachte schweißgebadet auf.
Italienisch hatten Sie an der Uni, französisch konnten Sie aber gar nicht, trotzdem sangen Sie die Carmen im Original. Wie haben Sie das angestellt?
Ich ließ mir den Text auf Kassette sprechen und lernte das ganze komplett phonetisch. Das hat so gut funktioniert, dass ein Kollege während der Proben auf Französisch auf mich einredete. Ich sagte, ich verstünde kein Wort. Da war er ganz erstaunt, weil ich das beim Singen scheinbar so gut gemacht hatte. Aber mehr als das Französisch meiner Partie in Carmen konnte ich nicht aufbieten.
Warum schmerzt Sie die Rückkehr zur Originalsprache?
Weil mich das Publikum als Sänger und Darsteller ganz einfach nicht versteht. Eine Komödie beispielsweise funktioniert dann nicht. Es war für mich immer frustrierend, wenn ich singe und spiele und in die leeren Gesichter des Publikums oder auch der Kollegen blicke, die auf die Texte und Dialoge gar nicht reagieren können. Mir als Sänger fehlt da der Adressat.
Sie hatten auch lukrative Angebote, frei als Gaststar in anderen Städten zu arbeiten und dafür die Oper Köln zu verlassen. Finanziell hätte sich das gelohnt. Warum sind Sie nicht schwach geworden?
Ich war mit Leib und Seele Sänger, aber ich wollte nie alles auf die Karte Beruf setzen. Ich sah Kollegen, deren Ehen zerbrachen, weil sie Karriere machen wollten. Ich wollte das nicht, wollte nicht aus Koffern leben, wollte Zeit mit meinen Söhnen und meiner Frau verbringen. Da muss man sich entscheiden. Mir ist das nicht schwergefallen. Dazu kommt, dass so eine freie Karriere auch Risiken hat. Man darf sich da nichts vormachen. Die Stimme verändert sich mit dem Alter. Man singt das Weihnachtsoratorium von Bach unzählige Male und plötzlich ist die Leichtigkeit verschwunden. Meine Stimme wurde schwerer, tiefer. Außerdem: Singen ist Hochleistungssport. Ich wollte auf keinen Fall, dass jemand mal sagt: „Für dein Alter war das noch ganz ordentlich.“ Das hätte meinen Ansprüchen nicht genügt.
Mit 70 Jahren haben Sie noch den „Simone“ in Pucchinis Oper Gianni Schicchi gesungen. Der Cousin des Patriarchen, im Skript heißt es, er sei auch etwa 70 Jahre alt gewesen. War das eine gute Gelegenheit aufzuhören?
Absolut. Bei der Premierenfeier habe ich noch eine kleine Rede gehalten und gesagt, dass ich zeitlebens für meine Rollen das falsche Alter hatte. Am Anfang hieß es: Dafür bist du noch zu jung. Und später: Dafür bist du zu alt. Nur jetzt bei dem „Simone“ stimme das mit dem Alter endlich. Eigentlich wollte ich nach der für 2015 geplanten Wiedereröffnung der Oper in der gleichen Rolle nochmal antreten. Als sich dann aber herausstellte, dass das mit der Eröffnung nichts wird, sagte ich zu meiner Frau: Jetzt habe ich keine Lust mehr, jetzt höre ich auf.
Singen Sie gar nicht mehr?
Nein. Ein einziges Mal habe ich eine Ausnahme gemacht. Ein Jugendfreund verlor seine Frau und bat mich, zur Beerdigung noch einmal zu singen. Begleitet hat mich der Organist, bei dem ich in meiner Jugend Klavierunterricht hatte, im Kirchenchor gesungen habe und mit dem ich die ersten Auftritte hatte. So schloss sich der Kreis.
Vermissen Sie das Singen?
Nein, überhaupt nicht.
Und den Applaus?
Auch nicht. Früher hat mir das schon etwas bedeutet. Das ist ja der Grund, warum man auf der Bühne steht: Man will das Publikum berühren. Man will heiter staunende Gesichter sehen. Man will glänzen und sich von der besten Seite zeigen. Die Kehrseite ist, dass es auch mal schlechte Kritiken gibt und darüber ärgert man sich natürlich. Ich kann mich noch gut erinnern, als einer in der Zeitschrift Opernwelt mal geschrieben hat, mein Auftritt in der Lulu sei blass gewesen obwohl andere mich belobigt hatten. Viele sagen ja, sie würden Kritiken nicht lesen. Aber das ist natürlich nicht wahr. Jeder liest das und niemand will dabei schlecht abschneiden. Ich habe jetzt beides hinter mir: Den Glanz und die Kritik. Aber ich habe beides erlebt und das empfinde ich als großes Geschenk.
Sie haben mir geschrieben, dass Sie besonders stolz sind auf die Kinderoper in Köln, in der Sie lange aufgetreten sind. Als Wolf, als Schneckendiplomat, als Aladdin, um nur einige zu nennen.
Absolut. Was für eine wunderbare, fast einzigartige Einrichtung, und jetzt haben wir ein wunderbares neues Haus nur für die Kinderoper. Das sollte die Kölner mit Stolz erfüllen. Vielleicht ist es die einzige Kinderoper der Welt. Ich kenne kein vergleichbares Beispiel. Jeder sollte sich das mal ansehen. Und Kinder sind ein wunderbares Publikum, und ich bin überzeugt: Wer schon als Kind diese Emotionalität erlebt, die Opern übermitteln, der kann kein schlechter Mensch werden.
