„Goodbye Staatenhaus“, hat ein Opernmitarbeiter in großen weißen Lettern auf den Boden im ersten Stock des Staatenhauses geschrieben. Lange wird der Abschiedsgruß dort nicht mehr zu lesen sein. Die Messehallen am Rheinpark, die in den vergangenen Jahren der Kölner Oper als Ausweichspielstätte dienten, werden abgerissen. Stehen bleibt am Ende nur die gebogene Backsteinfassade, die das Rund des benachbarten Tanzbrunnens aufnimmt. Der Säulengang aus dem Jahr 1928 ist denkmalgeschützt, seine Mauern werden freigelegt und gereinigt. Wo zuletzt die Kölner Oper ihr Ausweichquartier fand, soll bis Ende 2029 ein neues Bühnenhaus entstehen: „Hello, Theater am Rhein“ wird es dann heißen, fast genau 100 Jahre nach der Eröffnung der Ausstellungshallen.
Dort, wo noch der Abschiedsgruß auf dem Estrich prangt, wird man in drei Jahren ungefähr in Reihe 12 des Zuschauerparketts sitzen, schätzt Boris Neureiter. Er betreut den Neubau als Technischer Direktor von ATG Entertainment. Zuletzt hatte Neureiter das Hamburger Theater am Großmarkt von der „Harry Potter“- zur „Moulin Rouge“-Spielstätte umgebaut – in wenigen Tagen wird das Musical, das von Herbst 2022 bis zum vergangenen Sommer im Kölner Musical-Dome zu sehen war, dort Premiere feiern. Gleichzeitig arbeitet er in Wien am neuen Theater im Prater, das im November 2027 mit dem „König der Löwen“ eröffnen wird.
ATG, sagt Hannes Hauswald, werde sich zukünftig weniger auf das wenig lukrative Tourneegeschäft und mehr auf seine großen Standorte mit ihren großen Shows fokussieren. Dazu gehören neben Hamburg, Wien und dem Kölner Musical Dome noch der Berliner Admiralspalast, das Düsseldorfer Capitol Theater und das Bochumer Starlight Express Theater.
Mit welchem Musical eröffnet wird, bleibt noch geheim
Hauswald leitet seit Mai für Zentraleuropa die Geschicke des Unternehmens. Mit welchem Musical er das 1800-Plätze-Haus auf der rechten Rheinseite eröffnen wird, will der promovierte Betriebswirt – natürlich – noch nicht verraten. Nur das ATG mehr als 100 Millionen Euro in das Haus und die Eröffnungsproduktion investiert.
Ein ehrgeiziger Plan. Die Kapazität des Musical Domes, direkt neben Dom und Hauptbahnhof gelegen, liegt bei 1550 Sitzplätzen – am 5. November startet hier die Neuproduktion von „Das Phantom der Oper“, voraussichtlich das letzte Stück, das unter dem blauen Zeltdach gespielt wird. Im neuen Haus auf der Schäl Sick will ATG Entertainment ab 2029 Abend für Abend stolze 1800 Plätze füllen. „Wenn das Produkt stimmt, kommen die Leute“, sagt Hauswald, „wir leben über die Erfahrungen der Kunden und das Produkt. Wenn das ankommt, stimmen auch die Zahlen.“

Der Technische Direktor Boris Neureiter (l.) und Hannes Hauswald, der neue Europa-Chef von ATG Entertainment, in der leer geräumten Halle des Staatenhauses.
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Um Nachschub an neuen, auch am deutschen Markt zugkräftigen Musicals und alten Favoriten mache er sich keine Sorgen. ATG sei im Bereich Musical und Theater globaler Weltmarktführer, mit starker Stellung am New Yorker Broadway und am Londoner West End. „Das heißt wir sitzen da an der Quelle, haben sehr gute Beziehungen zu den großen Produzenten.“
In seinen 30 Jahren in Köln habe das Unternehmen hier beste Erfahrungen gemacht, sei gut in die hiesige Stadt- und Kulturszene eingebettet. „Für uns ist dieses Projekt – von einem Provisorium hin zu einem modernen, neuen Theater – der nächste logische Schritt. Und mit dem neuen Standort fühlen wir uns wohl.“ Hauswald rechnet mit rund 500.000 Musicalbesuchern im Jahr. Und verweist auf die Vorteile der rechtsrheinischen Location. Wer mit dem Auto zur Vorstellung anreist, müsse nun nicht mehr durch die enge Innenstadt kurven. Und die Parkplatzsituation ist auch deutlich entspannter.
Die Konkurrenz des Musical-Betreibers Apiro Entertainment, der im November das Mülheimer Depot mit der Eigenproduktion „Kick Like a Woman“ eröffnen wird, fürchtet Hauswald nicht. „Das sind ganz unterschiedliche Facetten. Wir sind froh, wenn sich das Kulturangebot in Köln weiter erweitert, gerade auf der rechtsrheinischen Seite.“
Wir sind froh, wenn sich das Kulturangebot in Köln weiter erweitert, gerade auf der rechtsrheinischen Seite.
Allein die Kölner Metropolregion umfasse 17 Millionen Menschen, rechnet Hauswald vor: „Aber 47 Prozent unserer Gäste kommen von mehr als 100 Kilometern Distanz und bleiben auch eine Nacht.“ Dazu kommen die ökonomischen Sekundäreffekte: Ein Musicalbesucher lässt im Durchschnitt noch einmal 90 Euro in der Stadt, bei 500.000 Besuchern sind das 45 Millionen Euro Mehreinnahmen für Kölner Betriebe. Durch den neuen Kultur-Leuchtturm neben Messe und RTL sollen mehr als 200 zusätzliche Arbeitsplätze in der Kultur- und Kreativwirtschaft entstehen.
Und auch eine neue, frei zugängliche Parkanlage. Denn die alten Backsteinkolonaden und der neue Theaterkubus bleiben unverbunden, zwischen ihnen soll ein breiter Grünstreifen verlaufen. Boris Neureiter verspricht „hohes Gras, das nicht jeden Tag gemäht werden muss, dazu Bäume, Parkbänke und eine gute Beleuchtung“. Und wenn doch ein Baum mal weichen muss, werden an seiner Stelle drei neue gepflanzt.
Tiefbau soll nächstes Jahr beginnen
Am Ende soll ein Ort entstehen, der zum Verweilen einlädt, eine neue Achse zwischen Rheinufer, dem Atrium der alten Messehallen, dem Tanzbrunnen und dem Rheinpark. Überhaupt, so Neureiter, sei das Staatenhaus-Grundstück riesig. Das fertige Ensemble werde eher die Anmutung eines Stadtparks mit leuchtend freistehendem Theater haben. Insgesamt soll auf rund 400 Metern Breite, die bislang noch zubetoniert sind, Rasen gesät werden.
Hochwasser, ergänzt der Technische Direktor, sei aufgrund der Rheinnähe allerdings ein Thema, Starkregen auch. „Wenn wir hier Räume bauen, dann bauen wir eigentlich kleine Boote. Man kann sich das ganze Haus wie ein Schiff vorstellen, das, sollte das Erdreich hier mit Wasser volllaufen, wasserdicht aufschwimmt.“ Der Tiefbau soll, nachdem die alten Messehallen rückgebaut (und sortenrein nach Asphalt, Beton, Glas oder Alu getrennt) wurden, im Lauf des nächsten Jahres beginnen.

So soll das Foyer des Theaterneubaus in Deutz aussehen.
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Ein anderes Thema ist die Nähe zum Tanzbrunnen mit seinen Open-Air-Konzerten. Um dessen Schall abzulenken, wird das neue Theater eine kleine Schürze an der Dachkante bekommen. Kies-Schüttungen auf dem Flachdach in höchster Dichte und Gewicht sollen die Bässe schlucken. Im Theatersaal selbst, schwärmt Neureiter, soll sich die Bühne noch viel breiter als im Musical Dome in den Zuschauerraum öffnen: „Die Leute wollen heute nicht mehr in einem Theater sitzen, das immer gleich aussieht. Sie wollen viel integrierter sein in die Stücke.“ Für das gewisse Extra an Immersion werde man auch die ersten sechs Reihen herausnehmen können, um so noch näher am Publikum zu sein.
Hört man den Technischen Direktor so reden, kann man es kaum abwarten, „Hello“ zum Theater am Rhein zu sagen. Neureiter und Hauswald mussten selbst lang genug warten, bis die Oper endlich an den Offenbachplatz zurückziehen konnte. „Das hilft natürlich nie, wenn man im Vorfeld gefühlt über Jahrzehnte hinweg keine Planungssicherheit hat. Aber mit den Kollegen der Oper haben wir ein super Verhältnis“, sagt Boris Neureiter. Und Hannes Hauswald verspricht, dass sie im Zeitplan bleiben werden: „Unser paralleles Theaterprojekt in Wien läuft im Zeit- und im Kostenrahmen. Das gibt uns das Vertrauen, dass wir das auch in Köln schaffen.“
Der Fokus des Teams richte sich jetzt erst einmal auf „Das Phantom der Oper“. 140 Millionen Zuschauer haben das Andrew-Lloyd-Webber-Musical bis heute gesehen. „Wir bleiben bis Anfang 2028 im Musical Dome. Das heißt, derzeit klafft eine Lücke im Spielbetrieb bis zur Eröffnung des neuen Hauses.“ Gegenwärtig befindet sich Hauswald in Gesprächen mit der Stadt. Ziel ist es, den Musical Dome noch ein letztes Mal zu verlängern, sodass ein fließender Übergang zum Theater am Rhein gelingt. Es ist nie zu spät für ein „Goodbye“.


