Dombaumeisterin a.D. Barbara Schock-Werner setzt auf ehrenamtliches Engagement bei Erhalt und Pflege der Ehrengräber auf dem Kölner Friedhof Melaten.
„Auf den Punkt“Friedhof Melaten – Wie die Stadt Köln mit Gönnern umgeht

Barbara Schock-Werner auf Melaten: Die Kölner Ehrengräber sind in miserablem Zustand.
Copyright: Alexander Schwaiger
Versöhnung über den Gräbern. Das Programmwort der Kriegsgräberfürsorge würde ich mir auch für Köln und die städtischen Ehrengräber wünschen. Meine jüngste Kolumne, erst ein paar Tage alt, über den erbärmlichen Zustand von vielen historischen Grabstätten bedeutender Kölnerinnen und Kölner, hat ein Echo ausgelöst, das ich so laut und vielstimmig nicht erwartet hatte. Dass ich Ihnen gleich nochmal mit dem Thema komme, hat einen doppelten Grund.
Zum einen zeigt mir eine ganze Reihe von Rückmeldungen, dass meine Schwierigkeiten mit dem Grünflächenamt kein Problem einer einzelnen, in der Verwaltung womöglich als notorische Nörglerin und Querulantin verschrienen Kritikerin sind. Zum anderen hat mein Co-Autor für diese Kolumne eine Stellungnahme der Stadt erfragt. Die Antworten haben mir erst kurz die Sprache verschlagen. Nachdem ich sie wiedergefunden habe, veranlassen sie mich, erneut das Wort zu nehmen. Vor allem, weil ich damit die Hoffnung verbinde, am Ende doch etwas Gutes für die Ehrengräber bewirken zu können.
144.000 Euro für fast 1200 Grabstätten
Nach Angaben der Stadt gibt es auf Melaten 2720 denkmalgeschützte Grabstätten. Knapp die Hälfte (1173) muss von der Stadt Köln unterhalten werden, weil für sie kein Nutzungsrecht mehr besteht. Verantwortlich ist die Stadt natürlich auch für die insgesamt 99 Ehrengrabstätten. Neun davon sind Gräber von Ehrenbürgerinnen und -bürgern, 79 sind Grabstätten „verdienstvoller Bürger“, elf weitere Grabstätten werden mit „besonderem Status“ geführt.
Das Jahresbudget für Standsicherheit und baulichen Unterhalt liegt bei 144.000 Euro. Dazu kommen 11.500 Euro für Gärtnerarbeiten an den Ehrengräbern. Wie sich jedermann leicht ausrechnen kann, ist das viel zu wenig, wenn man dem Zahn der Zeit und dem Zugriff von Mutter Natur auf die historischen Grabstätten wirksam wehren will.
Verwildertes Familiengrab des Festkomitee-Gründers
Es bleibt mir deshalb unerfindlich, warum die Verwaltung auf ihre alleinige Zuständigkeit für Erhalt und Pflege der Ehrengräber pocht. Ich würde ja zum Beispiel gern das verwilderte Ehrengrab der Familie von Wittgenstein an der ehemaligen Hauptachse von Melaten wieder in einen würdigen Zustand versetzen lassen. Schließlich war einer der von Wittgensteins, Johann Heinrich Franz (1797 bis 1869), nicht nur Kölner Regierungspräsident, sondern auch Mitbegründer des Festkomitees Kölner Karneval und Gründungspräsident des Zentral-Dombau-Vereins, mein Vorvorgänger also.

Grabstätte der Familie von Wittgenstein auf dem Kölner Friedhof Melaten
Copyright: Alexander Schwaiger
Nun behauptet die Stadt, ich hätte mich vor einem Jahr zwar über das verfallene Eisengitter am Wittgenstein-Grab beklagt. Darüber hinaus aber sei „keine konkrete Anfrage hinsichtlich weiterer Sanierungsmaßnahmen an das Grünflächenamt herangetragen“ worden. Das Interesse an einer Patenschaft von dritter Seite sei „nicht aufrechterhalten worden“.
Dazu fällt mir nun wirklich nicht mehr viel ein. Ich weiß schließlich genau, dass mir insbesondere die vermoosten Grabplatten Schmerzen bereiteten und ich auf eine fachgerechte Konservierung gedrungen habe. Was mir, ich wiederhole es, untersagt wurde: Das Moos zu entfernen, würde zu Schäden an den Grabplatten führen. Als ob ausgerechnet ich nicht wüsste, wie man Stein behandelt! Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Die im Moosbewuchs gespeicherte Feuchtigkeit lässt den Stein umso schneller verwittern.

Grabstätte der Familie von Wittgenstein auf dem Kölner Friedhof Melaten
Copyright: Alexander Schwaiger
Den Hinweis der Stadt auf die Option einer Patenschaft kann ich nur als Nebelkerze bewerten. Wie mir der Vorsitzende des Fördervereins Melaten, Bernd Woidtke, bestätigte, wollte die Stadt auch dem Verein eine solche Patenschaft andienen. Aber das hat ja wenig Sinn, wenn man – wie der Verein oder auch ich – kein Interesse hat, sich dort eines hoffentlich fernen Tages selbst beisetzen zu lassen.
Über meine Kritik, dass der Verein mich als Mitglied offenbar nicht haben wolle, habe ich mich mit Bernd Woidtke gesondert ausgetauscht. Ich musste feststellen, dass es hier ein Missverständnis gab, dass bis in Corona-Zeiten zurückreicht. Wir sind im Guten geschieden und wollen in gemeinsamer Sorge um Melaten Hand in Hand arbeiten. Versöhnung über den Gräbern – ist möglich.
Stadt Köln hält Bürger zur Grabpflege an
In Fällen, in denen die Stadt nicht selbst für die Grabpflege zuständig ist, kann sie übrigens durchaus strikt sein. Das berichtet ein Bürger, dessen Eltern auf Melaten liegen. Die von einer Gartenbaufirma gepflegte Grabstelle mit moosfreiem Stein und „hübscher Bepflanzung“ befand sich laut einem Schreiben der Stadt „in einem ungepflegten und damit nicht satzungsgemäßen Zustand“. Eine vermutlich wild ausgesäte Konifere hinter dem Grabstein im Bereich zwischen zwei Grabreihen müsse entfernt werden. Das sei nicht zuletzt eine Frage der Gleichbehandlung aller Nutzungsberechtigten.
Schon der Vorwurf mangelnder Pflege, schreibt der betroffene Bürger, habe ihn „überrascht“. Er kenne schließlich viele Gräber auf Melaten, „die total verwildert und zugewachsen sind, und auch den schlimmen Zustand vieler großer Grabmäler“. Das ist so, keine Frage. Die beschworene Gleichbehandlung ende „offensichtlich dann, wenn die Stadt selber für Gräber verantwortlich ist“ – siehe Ehrengräber. „Als Stadt erlaubt man es sich offensichtlich, diesen ungepflegten und sicher auch nicht satzungsgemäßen Zustand nicht beseitigen zu müssen. So einfach kann man es sich natürlich machen…“.
Aufschlussreiche Post der Bankiersfamilie Herstatt
Weitere aufschlussreiche Post erreichte mich aus dem hohen Norden von einem Nachkommen der Bankiersfamilie Herstatt. Deren historisches Grab auf Melaten sieht ebenfalls erbarmungswürdig aus. Der Inhalt meiner Kolumne, schreibt mir Johann David Herstatt, „hat mich sehr betroffen gemacht. Da ich in Hamburg lebe, war ich nun bestimmt zwei Jahre nicht an der alten Grabstelle. Der Zustand hat sich wohl nochmals erheblich verschlechtert. Vor etwa 15 Jahren hatte die Familie versucht, an dem Zustand selbst etwas zu ändern. Dies wurde uns aber untersagt.“
Ich würde sagen: Touché! Um ein weiteres Grab, in dem alle Generationen ab den Urgroßeltern Johann David Herstatts beigesetzt sind, darf sich die Familie kümmern. Da hat die Stadt keinen Zugriff. Doch der Begräbnisort der Vorfahren aus früherer Zeit ist tabu. Es handele sich, schreibt Herstatt, um Gruften mit Sarkophagen.
Das Besondere an der Grabstätte ist, dass hier auch Friedrich-Peter Herstatt (1775 bis 1851) liegt. Ihm ist es zu verdanken, dass es überhaupt den Melaten-Friedhof gibt. Es hatte damals zu napoleonischen Zeiten etwa die Hälfte der gesamten Grundstücksfläche der Stadt geschenkt. Aus diesem Grund sollte die Stadt interessiert sein, sich um den Erhalt und die Pflege der Grabstätte zu kümmern. Auch wird mein Ur-Ur-Ur-Großvater in seiner Gruft im Gegensatz zu einer einfachen Erdbestattung noch physisch anwesend sein. Daher gebührt ihm eine entsprechende Achtung.“
Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Dass die Stadt noch weitere hochnotpeinliche Rückmeldungen dieser Art riskieren will, kann ich mir nicht vorstellen. Zuversichtlich stimmt mich ein Satz, der in der schriftlichen Mitteilung an die Redaktion fettgedruckt ist: „Die Stadt Köln schätzt das Ehrenamt in Bezug auf die Pflege der Ehrengräber überaus hoch.“ Sie sei den Ehrenamtlichen „entsprechend dankbar“ und werde die Gelegenheit nutzen, noch einmal mit mir in Kontakt zu treten, „um zu einer Klärung des Sachverhaltes und einer bestmöglichen Lösung zu gelangen“. Auch werde die Friedhofsleitung meine Kolumne „gerne noch einmal zum Anlass nehmen“, mit den „externen Unternehmen“ zu sprechen, die den Auftrag zur Pflege der Ehrengräber hätten.
Beides begrüße ich sehr – und ich bin sicher: Wenn alle Beteiligten wollen, werden wir nicht nur die maroden Ehrengräber fachgerecht und denkmalschutzkonform wieder zu würdigen Orten des Gedenkens machen können. Die Herstatts haben für ihr Familiengrab die Bereitschaft zum Engagement erneuert. Der Förderverein Melaten steht bereit. Und nach weiteren tat- beziehungsweise finanzkräftigen Sponsoren werde ich bestimmt nicht lange Ausschau halten müssen. Versprochen, liebe Verantwortliche der Stadt Köln! Sie hören von mir.