Die Kölner Dombaumeisterin a.D. Barbara Schock-Werner nennt den Zustand einer Reihe von Ehrengräbern auf dem Friedhof Melaten eine Schande. Unter den Beigesetzten sind große Namen.
Auf den PunktEine Schande für Köln – Stadt lässt Ehrengräber verkommen

Das Ehrengrab der Familie von Wittgenstein auf dem Kölner Friedhof Melaten (Ausschnitt)
Copyright: Alexander Schwaiger
Bestimmt lesen Sie – wie ich – im Lokalteil der Zeitung jeden Tag die Serie „150 aus 150“ über die wichtigsten Kölnerinnen und Kölner vom späten 19. Jahrhundert bis heute. Unter den „Spuren in der Stadt“, die von diesen Männern und Frauen noch sichtbar sind, führt der Historiker Ulrich S. Soénius häufig ihr Grab auf dem Friedhof Melaten an. Das ist natürlich sehr berechtigt. Aber wenn die Leserinnen und Leser hier tatsächlich auf Spurensuche gehen, wird es peinlich. Und zwar für Köln.
Ich hatte mir vorgenommen, nicht gar so viel über die Stadt zu meckern. Die neue Spitze, das muss ich sagen, gibt sich ja redlich Mühe. Und in Zeiten knapper Kassen ist vieles einfach schwierig. Trotzdem muss ich aus gegebenem Anlass eine Mahnung loswerden: Die städtischen Ehrengräber auf Melaten sind teils in einem so erbärmlichen Zustand, dass es der Toten unwürdig ist und der Stadt mitnichten zur Ehre gereicht.

Grabstätten an der ursprünglichen Hauptachse des Kölner Friedhofs Melaten
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Den Rang von Melaten, in der Zeit der französischen Besatzung um das Jahr 1800 auf Befehl Napoleons zum ersten städtischen Friedhof Kölns bestimmt, muss man an sich keinem Kölner erklären. Doch mit dem Wallraf-Jubiläum 2024 ist die Aufmerksamkeit nochmal größer geworden. Von Johann Ferdinand Wallraf (1748 bis 1824) persönlich stammte der erste Friedhofsplan und die Widmungsinschrift in der Ummauerung an der Aachener Straße. Vom früheren Haupteingang aus beginnen heute zahlreiche Friedhofsführungen.
Melaten ist ein Kölner Geschichtsbuch der vergangenen 200 Jahre.
Melaten ist ja auch so etwas wie ein Kölner Geschichtsbuch der vergangenen 200 Jahre – mit vielen Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, die hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.
Direkt auf den ersten 100 Metern stößt man allerdings auf städtische Ehrengräber, die alles andere als vorzeigbar sind. Dabei hat die Stadt sozusagen das Patronat für sie übernommen. Die Bestatteten müssen nicht – wie man denken könnte – Kölner Ehrenbürger oder Ehrenbürgerinnen gewesen sein. Es genügt, dass sie sich nach Ansicht der Stadt in irgendeiner Weise um Köln verdient gemacht haben. Ich habe mir die lange Liste kommen lassen. Ganz logisch erscheint sie mir nicht. Erwartungsgemäß stehen die meisten verstorbenen Oberbürgermeister darauf – aber eben nicht alle. Sollten die etwa weniger verdienstvoll gewirkt haben?

17.06.2026 Köln. Serie „Auf den Punkt“ mit Barbara Schock-Werner. Die Kölner Ehrengräber auf Melaten sind in miserablem Zustand. Foto: Alexander Schwaiger
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In ganz schlimmem Zustand ist das Familiengrab der von Wittgensteins gleich an der ersten Kreuzung der Hauptachse vom Eingang Aachener Straße aus. Das Begrenzungsgitter ist verrostet, die Gedenkstele verwittert, fast alle Grabplatten verdreckt und vermoost, so dass die Inschriften kaum mehr entzifferbar sind. Da hilft es gar nichts, dass einzig die Marmorplatte des Regierungspräsidenten Johann Heinrich Franz von Wittgenstein (1797 bis 1869) – seines Zeichens Regierungspräsident, Mitgründer des Festkomitees Kölner Karneval, Gründungspräsident der „Großen von 1823“ und des Zentral-Dombau-Vereins (ZDV) - einigermaßen in Schuss ist. Im Gegenteil. Der Kontrast macht die Vernachlässigung der acht anderen Platten umso offensichtlicher. Ich muss sagen: eine Schande!
Meines Wissens haben die Nachkommen der von Wittgenstein versucht, in den Besitz der Grabstätte zu kommen. Aber die Verhandlungen mit der Stadt sollen gescheitert sein.
Am Ende ist in Köln alles eine Frage der Kompetenzen.
Als Nachfolgerin von Wittgensteins beim ZDV habe ich mit dem Grünflächenamt gesprochen. Die Verantwortlichen sehen das Problem, machen aber Personalmangel geltend. Mehr als eine halbe Stelle für die Pflege der Ehrengräber sei nicht drin.
Ob wir das dann nicht selbst übernehmen könnten, habe ich gefragt. Ich fände bestimmt Spender, mit deren Hilfe dieses, aber auch andere Ehrengräber wieder in einen ansehnlichen Zustand versetzt werden könnten. Die Restaurierung des Eisengitters wäre keine Hexerei, ein kundiger Steinmetz könnte die vermoosten Platten säubern und konservieren. Aber nein. Kein Gedanke daran! „Das dürfen Sie nicht. Dafür sind wir zuständig.“ Am Ende ist in Köln eben alles eine Frage der Kompetenzen. Dass derweil die Grabsteine unter dem Moos immer weiter kaputtgehen und Friedhofsbesucher bei einem Rundgang direkt auf so ein verwahrlostes Ehrengrab stoßen – tja, wen interessiert’s?

Barbara Schock-Werner und Co-Autor Joachim Frank am efeubewachsenen Ehrengrab des früheren Kölner Stadtbaumeisters Johann Peter Weyer (1794 bis 1864) auf dem Friedhof Melaten. Der Wallraf-Schüler entwarf das Gerichtsgebäude am Appellhofplatz.
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Dann gibt es da seit 2009 noch den „Förderverein Melaten“, von dem es heißt, er kümmere sich um die Gräber auf dem Friedhof. Ganz ehrlich: Ich habe zweimal versucht, Mitglied zu werden. Es ist mir nicht gelungen. Und irgendeine Form der Grabpflege kann ich nicht erkennen. Aber ich lasse mich gern eines Besseren belehren.
Erbärmlich steht es um das Grab des legendären „Roten Becker“, Kölner Oberbürgermeister von 1875 bis 1885
Erbärmlich steht es auch um das Grab des legendären „Roten Becker“. Hermann Heinrich Becker (1820 bis 1885), in Folge 3 der Serie „150 aus 150“ gewürdigt, war bis zu seinem Tod zehn Jahre Kölner Oberbürgermeister. Seinen Spitznamen hatte der überaus beliebte Politiker nicht wegen seiner linksliberalen Gesinnung, sondern wegen der Farbe seiner Haare. Ein Stadtoberhaupt, das aufgrund seiner Kontakte zu Karl Marx im sogenannten Kölner Kommunistenprozess 1852 zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt worden war – das ist schon für sich genommen eine bemerkenswerte Geschichte.

Porträtmedaillon am Ehrengrab des ehemaligen Kölner Oberbürgermeisters Hermann Heinrich Becker auf dem Friedhof Melaten
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Das früher eindrucksvolle Grabmal mit einem Bronzerelief der Colonia als Abschluss und einem schönen Porträtmedaillon ist völlig heruntergekommen. Einzelne Buchstaben der Inschrift fehlen, das Efeu arbeitet sich scheinbar unaufhaltsam vor. Einer aus der Riege der „150 bedeutendsten Kölner“ hat das nicht verdient – und ich könnte die Reihe der abschreckenden Beispiele fast beliebig fortsetzen.
Zu Beginn der 1960er Jahre erklärte der Kölner Stadtrat die Ewigkeit für beendet.
Anlass zu gelindem Grusel gibt schließlich ein Blick auf die Grabstätte der Bankiersfamilie Herstatt – die mit der spektakulären Pleite in den 1970er Jahren. Was der alte Sinnspruch „Sic transit gloria mundi“ – „so vergeht der Ruhm der Welt“ – besagt, könnte kaum deutlicher illustriert werden als hier. Man muss dazu vielleicht wissen, dass die Gräber entlang der ersten Hauptachse die teuersten überhaupt waren. Sie wurden als „Ewigkeitsgräber“ erworben, also mit unbefristeter Bestandsgarantie. Bis der Stadtrat diese Regelung zu Beginn der 1960er Jahre aufhob und die Ewigkeit damit für beendet erklärte. Seitdem kann die Stadt Grabparzellen einziehen. Wer sie weiterpflegen möchte, muss sie neu erwerben.

Ein Grabkreuz auf dem Kölner Friedhof Melaten
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Nun könnte man argumentieren, die Überwucherung der Gräber sei ein lebendiges Symbol der Vergänglichkeit: Die Natur holt sich zurück, was einst der Mensch kultiviert hat. Mich überzeugt das nicht. Zumindest bei den städtischen Ehrengräbern liegt es doch in der Natur der Sache, dass ihr Erscheinungsbild zum Anspruch passt – eben dem ehrenden Gedenken.
Deshalb meine Bitte: Was die Stadt selbst nicht schafft, das soll sie die Bürgerinnen und Bürger machen lassen. Eine Vorschlagsliste für die Grabpflege auf Melaten erstelle ich gern, noch vor dem Ende der Serie „150 aus 150“.
