Köln – Noch sind die Kühlschränke in der Lanxess-Arena voll. In wenigen Tagen allerdings müssen Tausende Dosen Corona-Impfstoff, die sich bislang darin befinden, verworfen werden. Noch sind sie haltbar. Doch Anfang März droht der Verfall. Die Stadt ist optimistisch, sie bis dahin loszubekommen. Anders sieht es aus mit zahlreichen Dosen, die Köln bislang nicht abgerufen hat. In Nordrhein-Westfalen verfallen nach Recherchen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ bis Ende des Monats insgesamt 100 000 Biontech-Dosen – rund 13 Prozent wären der üblichen Verteilung nach für Köln vorgesehen gewesen.
In einer Videokonferenz machte ein hochrangiger Vertreter des Ministeriums verschiedenen Kommunen gegenüber deutlich, dass die rund 100 000 Dosen in Kürze verworfen werden müssen, wenn sie nicht abgerufen werden. Das Interesse der Kommunen allerdings war nicht groß. Auf Anfrage äußerte sich ein Sprecher des Ministeriums nur vage und nannte dabei keine Zahlen: Dem Land sei nicht bekannt, ob und in welchem Umfang Städte Impfstoff vernichten. „Wie viele Impfstoffdosen von den Städten über das Regelsystem bestellt werden sowie ob und was dort vernichtet wurde oder vernichtet werden muss, ist dem Ministerium nicht bekannt“, hieß es weiter.
Kölner OB Reker: „Schwer zu ertragen“
Die Frage, wie viele Dosen in Nordrhein-Westfallen vor dem Verfall stehen, ließ das Ministerium unbeantwortet. Ohnehin werde Köln als Kommune seit Oktober direkt vom Bund mit Impfstoff beliefert. Das Bundesgesundheitsministerium wiederum verweist mit Blick auf die Zahlen auf das Land. Es habe bislang Kenntnis von rund 27 000 Impfstoffdosen, die wegen einer abgelaufenen Mindesthaltbarkeit verworfen werden mussten – in ganz Deutschland, seit Beginn der Pandemie. Nun steht offenbar die vierfache Menge alleine in Nordrhein-Westfalen vor dem Verfall. Und niemand will verantwortlich sein.
Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker zeigt sich unzufrieden mit der Situation. „Der Gedanke, dass Impfstoff verfällt und daher entsorgt werden muss, ist für mich schwer zu ertragen“, sagte sie dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Dass die allermeisten Infizierten in Köln gar keine oder nur leichte Symptome haben und nur noch äußerst selten schwer erkranken, liegt vor allem daran, dass sie geimpft sind“, so Reker weiter. Nur deshalb könne man die Regeln im kommenden Monat weitreichend lockern. Sie betont: „Ich würde mir wünschen, dass Impfstoff, den wir nicht benötigen, den Staaten zur Verfügung gestellt wird, in denen Impfstoff noch Mangelware ist, und dass wir damit Verantwortung für die Menschen übernehmen, die weniger privilegierte Lebensumstände haben.“
WHO: Wenig Zeit, aber einen Versuch wert
Das Problem dabei: Die Empfängerländer brauchen eine Vorlaufzeit, um auch eine Infrastruktur zu schaffen, in der die Impfstoffe verteilt werden. „Die Richtlinie ist eigentlich: Ein Land sollte sechs bis acht Wochen Zeit haben, bevor die Impfdosen ins Land kommen“, sagt Siddhartha Datta von der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Zehn Tage, so Datta, seien eine sehr kurze Frist. In dieser Zeit müsse ein Land die Impfstoffe annehmen, die Dosen müssten dorthin geflogen und in die dortigen Impfstellen gebracht werden. Trotzdem, sagt Datta, sei es einen Versuch wert. „Wir haben auch gesehen, dass Länder mit einer deutlich kürzeren Frist als diese sechs bis acht Wochen Impfungen angenommen haben.“
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Die WHO warnt bereits seit Beginn der Pandemie davor, Impfungen in reichen Ländern zu horten. Rund 72 Prozent der Menschen in Ländern mit hohem Einkommen sind mindestens zweimal geimpft, so Datta. In Ländern mit mittlerem Einkommen seien es 50 Prozent, in Ländern mit niedrigem Einkommen 35. „Wir leben heutzutage in einem globalen Dorf“, sagt Datta. Je mehr Regionen ohne Impfstoffe bleiben, desto wahrscheinlicher sei es, dass das Virus dort mutiert. „Die Pandemie können wir deutlich einfacher und schneller beenden, wenn wir alle zusammenarbeiten.“
Warum werden die Impfdosen nicht weitergegeben?
Nach Informationen dieser Zeitung versuchen einzelne Akteure bereits, die überfälligen Impfdosen in andere Länder zu schicken. Bislang wurden sie jedoch vom nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium ausgebremst. „Der Bund ist Eigentümer der Impfstoffe. Deshalb dürfen das Land oder die Kreise und kreisfreien Städte Impfstoffe nicht eigenmächtig an Drittstaaten weitergeben“, teilte das Ministerium hierzu mit.
Impfstoff könne ausschließlich durch den Bund gespendet werden. Der Bund teilt mit, hierzu sei neben dem Einverständnis von Spender und Empfänger auch die Zustimmung des Unternehmens, mit dem die Verträge abgeschlossen wurden, notwendig – in diesem Fall Biontech und Pfizer. Das Mainzer Unternehmen Biontech äußerte sich auf Anfrage nicht zu möglichen vertraglichen Konstellationen.


