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Der Fall des Jan M.Das Vertrauen ins Leben verloren

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Der Neumarkt in der Kölner Innenstadt.

Der Neumarkt in der Kölner Innenstadt.

Köln – Was mag Jan Frederick M. in den letzten Stunden seines Lebens durch den Kopf gegangen sein, am Abend vor seinem 18. Geburtstag? Als er sich schick macht, seine Nägel lackiert, einen Rock und eine pinkfarbene Leggins anzieht. Als er sich gegen 17 Uhr zu Hause verabschiedet, um auf eine Wiese zu gehen und noch ein bisschen zu schreiben, wie er seinen Eltern sagt. Als er stattdessen mit der Bahn in die Stadt fährt, in seiner Tasche einen gelben Kanister voll mit Benzin. Als er auf dem Neumarkt steht, um sich umzubringen.

Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Was bleibt, sind die Fakten: Es ist der 29. August gegen 23.15 Uhr. Jan Frederick M. überschüttet sich mit Benzin und zündet sich an. "Er brannte von Kopf bis Fuß", erinnert sich ein Augenzeuge. Der Junge bittet eine Notärztin: "Lassen Sie mich sterben. Ich kann nicht mehr." Im Krankenhaus kann man nichts mehr für ihn tun. Der öffentliche Selbstmord eines Jugendlichen auf einem der zentralen Plätze der Stadt. Eine Tat wie ein Hammerschlag, ein Fanal. Wie kann es so weit kommen? Warum wird ein junger Mensch des Lebens derart müde?

Jan Fredericks Eltern sitzen gut zwei Wochen nach dem Tod ihres einzigen Kindes am hölzernen Küchentisch ihrer Wohnung in Rodenkirchen. Vor ihnen ausgebreitet ein Dutzend Fotos ihres Sohns: Jan Frederick als pausbäckiger Grundschüler, der in die Kamera lächelt. Jan Frederick als Gymnasiast mit Brille, Zopf und unsicherem Blick. Jan Frederick mit seinem kleinen Sohn im Arm, die Arme von oben bis unten vernarbt. Jan Frederick mit rasierter Schläfe und riesigen Sicherheitsnadeln in der Unterlippe, Monate vor seinem Tod. Die Bilder wirken wie eine Zeitreise durch ein junges Leben, wie sichtbare Belege für die Veränderung, die ein Mensch in kurzer Zeit durchmachen kann: vom fröhlichen, neugierigen, aufgeweckten Kind hin zu einem jungen Mann, der seinen Platz in der Welt nicht findet und vor lauter Verzweiflung den Tod sucht.

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Joanna M., seine Mutter, ist eine kleine Frau von 57 Jahren mit kurzen Haaren und dunklen Rändern unter den Augen. Sie erzählt lebhaft, gestikuliert, springt zwischen Themen hin und her. "Verstehen Sie?", fragt sie immer wieder, "verstehen Sie?" Sie will, dass man ihren Sohn nicht als Spinner begreift, nicht als Verrückten. Vater Detlef M. ist 52 Jahre alt und deutlich ruhiger als seine Frau. Der Sozialpädagoge spricht langsam und mit Bedacht. Seine Augen sind rotgeweint, die Hände zittern.

Hochbegabt sei ihr Junge gewesen, schon früh des Lesens und Schreibens mächtig. Vielseitig interessiert, ein regelrechtes Plappermaul. Fürsorglich Jüngeren, bisweilen auch seinen Eltern gegenüber. Den Vater hat er manchmal nachts zugedeckt. "Er wollte nicht, dass ich friere", sagt Detlef M. und lächelt.

Jan Frederick M. ist aber auch jemand, der schon früh nicht mit gleichaltrigen Kindern klar- kommt. Der bereits als kleiner Junge merkt, dass er anders ist. Ein Außenseiter. Auf alten Klassenfotos hockt er vorne links, immer ein bisschen abseits vom Rest, ein ernst blickender Junge in einer fröhlichen Kinderschar. "Er konnte nicht gut auf andere Menschen zugehen", erinnert sich seine Mutter, "dabei hat er eigentlich den Kontakt gesucht."

Einer von vielen Widersprüchen im Leben des Jan Frederick M. Ängstlich sei er gewesen, meint sein Vater. So ängstlich, dass er es Silvester 2008/09 kaum ertragen kann, dass sein Vater vor der Haustür Böller hochjagt. "Pass auf dich auf, Papa, das ist gefährlich", sagt er immer wieder. Da ist er 13 Jahre alt. Danach informiert er sich im Internet über Feuerwerk, dann über Sprengstoff, schließlich über Atombomben. "Um die Angst zu besiegen", sagt seine Mutter. Er spricht in den nächsten Monaten viel über das Thema, mit seinen Eltern, mit Mitschülern.

Im März 2009 läuft in Winnenden ein 17-Jähriger Amok. Danach ist man nervös an den Schulen, auch am Gymnasium von Jan Frederick. Vielleicht ist das ein Grund für das, was die Eltern nur "den Vorfall" nennen: Wenige Wochen nach dem Amoklauf sitzt Jan Frederick M. im Griechisch-Unterricht, es ist Anfang April. Die Kinder albern herum, sprechen von Zombies und erzählen Quatsch. Jan Frederick M. spricht von einem Messer. Ein Mädchen fühlt sich bedroht, beginnt zu weinen. Jan Frederick entschuldigt sich und fährt nach der Schule ganz normal nach Hause. So erzählen es seine Eltern. Der genaue Wortlaut sei immer unklar geblieben.

Am nächsten Tag wird Jan Frederik vom Sicherheitsdienst der Schule abgefangen und zur Schulleitung einbestellt, die Polizei ist anwesend. Er soll erklären, was es mit dem Messer auf sich hat. Der Vater wird auch dazugeholt. "Gefahrenermittlungsgespräch" heißt dasim Amtsdeutsch. Die Eltern nennen die Situation "ein Verhör". Man befürchtete einen Amoklauf, es wird Anzeige erstattet wegen "Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten". Als die Beamten am selben Tag Jan Fredericks Zimmer durchsuchen, finden sie nichts.

"Mein Sohn war nie gewalttätig", sagt Joanna M., "nie." Jan Frederick schreibt einen Brief, um sich zu erklären. Eine getippte Seite in Sätzen, wie sie ein 13-Jähriger wohl nur selten schreibt: "Nach den Schulferien möchte ich mich zuerst bei den Schülern des Griechischkurses entschuldigen, die meinen vollkommen unpassenden und geschmacklosen Spaß leider ganz falsch verstanden haben. Ich hätte nie gedacht, dass ich gefährlich auf meine Mitschüler wirken könnte."

Die Mittelstufenkoordinatorin des Gymnasiums sei danach mit ihrem Sohn durch die Parallelklassen gezogen, um den Jungen als verhinderten Amokläufer zu präsentieren, der es sich anders überlegt habe. "Das war die nächste Demütigung", sagt sein Vater. "Er wurde regelrecht an den Pranger gestellt." Das Gymnasium darf sich zu dem Fall nicht äußern. Die Bezirksregierung teilt als Aufsichtsbehörde mit, an der Schule sei man entsetzt über den Selbstmord. Alles sei jedoch abgelaufen wie in vergleichbaren Fällen auch. Aus dem Umfeld der Schule ist eine andere Version des "Vorfalls" zu erfahren: Jan Frederick M. habe für den Tag des Abi-Gags einen Amoklauf angekündigt und gedroht, "alle abzuknallen". Zusammen mit den Eltern und dem schulpsychologischen Dienst habe man danach versucht, die Situation zu lösen und den Jungen wieder zu integrieren. Durch die Parallelklassen sei man mit einer psychologisch geschulten Lehrerin gegangen, weil in dem Griechischkurs Kinder aus verschiedenen Klassen gesessen hätten. "Die Schule ist mit der Situation verantwortungsvoll umgegangen", sagt ein Sprecher der Bezirksregierung.

Jan Fredericks Eltern wollen das Gymnasium nicht anklagen. "Wir wollen nur erreichen, dass in Zukunft sensibler mit solchen Situationen umgegangen wird", sagt Joanna M. Für ihren Sohn war "der Vorfall" ein Wendepunkt. Ein Jahr besucht er das Gymnasium am Neumarkt noch, fühlt sich aber gemobbt und wirft dann hin. Er gleitet immer weiter ab, zieht sich zurück, verletzt sich selbst, trinkt oft zu viel. Es beginnt die Phase der langsamen Selbstzerstörung: Drei Selbstmordversuche, Psychiatrie, Therapie, der Junge bleibt in seinem tiefen Loch.

Und steuert auf den Abgrund zu, viereinhalb Jahre lang. Die lackierten Nägel, die rasierten Haare, der Punker-Look sind äußere Zeichen des inneren Verfalls. Als er mit 16 unerwartet Vater wird, schöpfen die Eltern Hoffnung. Doch die Beziehung zur noch jüngeren Mutter zerbricht letztes Jahr, seinen Sohn hat er seitdem nicht mehr gesehen. "Das Kind wirkte in seinen Armen wie ein Fremdkörper", beschreibt sein Vater.

Am Ende haust er nur noch in seinem Zimmer, schläft auf einer Matratze, die er in Fetzen geknibbelt hat. Seine Bettdecke ist voller Blutflecken. Bierflaschen stehen herum, laute Musik läuft. An den Wänden hängen Zeitungsartikel über das Reaktorunglück von Fukushima, drei Regale sind vollgestopft mit Büchern. An der Wand steht ein Klavier, darauf hat sein einziger Freund kurz vor dem Selbstmord mit ihm noch gespielt. "Da war er schon sehr verzweifelt, sprach immer wieder davon, wie allein er sich fühlt", sagt John Mathieu. Die beiden haben sich in der Psychiatrie kennengelernt. Der 19-Jährige ist der einzige Mensch außer den Eltern, zu denen Jan Frederick Kontakt gehalten hat. Er habe Menschen am Ende nicht mehr besonders gemocht, aber trotzdem Freundschaften gesucht, so beschreibt ihn John Mathieu. Als sie gemeinsam "Yesterday" von den Beatles spielen, beklagen sich Nachbarn über die laute Musik. "Das Lied spielen wir ein andermal zu Ende, habe ich zu ihm gesagt", erinnert sich John Mathieu. Das nächste Mal spielt er es beim Begräbnis von Jan Frederick.

Die Eltern hatten Angst vor dem 18. Geburtstag ihres Sohns. Er habe nicht erwachsen werden wollen, weil er sein Vertrauen in die Erwachsenen verloren habe habe, glaubt die Mutter. Und er habe sich immer selbst die Schuld für den "Vorfall" gegeben. "Das war sein Todesurteil", sagt Joanna M. Für die Eltern war die Angst vor einem erneuten Selbstmordversuch zum ständigen Begleiter geworden. "Bau keinen Scheiß" sind die letzten Worte des Vaters an seinen Sohn. Stunden später ist Jan Frederick M. tot.

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