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Interview

Domdechant
„Die Lage des Kölner Doms ist Segen und Fluch“

6 min
Der Dom kostet künftig Eintritt.

Der Kölner Dom kostet künftig Eintritt.

Ab dem 1. Juli kostet der Dom 12 Euro Eintritt. Der Stadt- und Domdechant Robert Kleine verteidigt die neue Gebühr.

Monsignore Kleine, ab dem 1. Juli kostet der Dom für Touristen 12 Euro Eintritt. Wird der Dom zum Museum?

Nein, ganz klar: Nein. Der Dom ist und bleibt Kirche und Gotteshaus, die Kathedrale des Erzbistums Köln. Gottesdienste können ohne Einschränkung besucht werden, wer möchte, kann natürlich auch weiterhin einfach zum Gebet in den Dom kommen. Die Besichtigungsgebühr erheben wir in der touristischen Zeit, denn zwischen 10 Uhr und 17.30 Uhr kommen etwa zu 90 Prozent die Menschen in den Dom, die diese besondere Kirche besichtigen wollen: die gotische Kathedrale, das Weltkulturerbe, eines der bekanntesten Bauwerk Deutschlands. Sie alle wollen einen Dom sehen, der gut erhalten bleibt und für alle Menschen offen bleiben kann. Aus diesem Grund werden eine touristische Besichtigungsgebühr erheben, denn trotz der Spendenaufrufe im Dom kamen leider nicht ausreichende Finanzmittel zusammen, um die heutigen Herausforderungen zu stemmen.

Wie viele Spenden haben Sie denn im Dom zuletzt bekommen?

Obwohl wir sehr offen kommuniziert haben, dass der Dom pro Tag eine Kostensumme von rund 44.000 Euro verursacht, sind bei 20.000 Besuchern pro Tag oft nur 700 Euro in den Spendenboxen gelandet. Daher müssen wir nun einen Beitrag erheben, mit dem wir dieses Gotteshaus erhalten und weiterhin offenhalten können. Neben dem Bauunterhalt entstehen erhebliche Kosten für Personal, Reinigung und Sicherheit. Es darf doch keine Alternative sein, den Kölner Dom künftig allein für die Gottesdienste zu öffnen, zumal auch in diesem Fall die erheblichen Kosten für den Bauunterhalt blieben. Und klar ist: Der Dom erzählt eine große Geschichte, und alle Menschen sollen diese auch in Zukunft hier erleben können. Und dafür braucht es nun einmal verlässliche Einnahmen.

Auch an der Höhe des Preises gibt es Kritik. Halten Sie 12 Euro für moderat?

Einerseits halte ich den Vollzahler-Preis für vertretbar, andererseits werden aber auch viele Menschen nur den ermäßigten Ticketpreis zahlen. Natürlich haben wir im Metropolitankapitel lange diskutiert, ob wir Eintritt nehmen können und müssen. Wir haben überschlagen, wie viel Geld wir benötigen, um die enormen Kostensteigerungen und finanziellen Herausforderungen der kommenden Jahre zu bewältigen. Wer selber ein Haus unterhält, weiß, dass man den Unterhalt eines so bedeutenden gotischen Bauwerkes wie den Kölner Dom nicht allein durch die Spenden an den Kerzenbänken finanzieren kann.

Robert Kleine Stadtdechant von Köln

Robert Kleine, Domdechant von Köln, auf der Domplatte.

Sie sagen, der Unterhalt kostet 44.000 Euro pro Tag. Beschreiben Sie doch mal die täglichen Reinigungsarbeiten.

Der Dom ist das meistbesuchte Bauwerk Deutschlands. Tagtäglich betreten den Dom im Schnitt 20.000 Menschen. An einem Samstag im Advent letzten Jahres waren es sogar mehr als 40.000 Besucher. Leider sind es nicht nur ein paar Fußabdrücke, die auf dem Domboden verbleiben, sondern auch andere, oft unerfreuliche Hinterlassenschaften, zum Beispiel Kaugummis auf dem Mosaik des Chorumganges, Müll und leider immer wieder auch Exkremente. Man kann sich manchmal nur wundern. Deshalb gibt es am Dom nicht nur festangestellte Reinigungskräfte, sondern auch Fremdfirmen, die den Boden nachts mit mehreren Reinigungsmaschinen säubern.

Sie haben auch die Baukosten angesprochen. Der Dom ist bekanntlich nie fertig.

Das ist so. Nur ein Beispiel, was da auf uns zukommt: Neben zahlreichen anderen Baustellen werden die Strebewerke auf der Südseite des Domes in den nächsten Jahrzehnten restauriert werden. Dies wird bis ins Jahr 2070 dauern. Insgesamt 85 Mitarbeiter der Kölner Dombauhütte arbeiten tagtäglich am Erhalt der Kathedrale für die kommenden Generationen. Keiner der heute lebenden Menschen wird den Dom jemals ohne Gerüste sehen. Das ist eine dauerhafte Aufgabe, für die wir auch in Zukunft erhebliche Geldmittel in Millionenhöhe benötigen. Die baulichen Aufgaben sind und bleiben gewaltig.

Der freie Zugang zum Dom war immer heilig. Das Domkapitel betont selbst: Der Dom steht allen offen. Auch deswegen gibt es nun viel Kritik. Was haben Sie für Reaktionen bekommen in den ersten 24 Stunden?

Die meisten Reaktionen kamen, als klar war, es wird überhaupt Eintritt eingeführt. Jetzt gibt es natürlich die Frage: ,Sind 12 Euro nicht zu viel oder kann man nicht eine Ausnahme für mich machen? Etwa weil ich Kirchensteuer zahle.' Da sage ich: Wenn das Erzbistum den Dom im höheren Maße als bislang finanziell aus Kirchensteuermitteln unterstützen würde, fehlt das Geld aus den Kirchsteuereinnahmen anderswo, etwa in den Pfarrgemeinden, Kitas und sozialen Einrichtungen des Erzbistums. Deshalb muss der Dom weitere eigene Finanzmittel akquirieren. Dann stellt man mir die Frage, warum denn nicht alle Kölner gratis in den Dom dürfen. Nun, der Dom ist die die Bischofskirche des gesamten Erzbistums, also warum sollte zum Beispiel ein Frechener dann nicht auch gratis hineindürfen? Oder ein Leverkusener oder ein Düsseldorfer? Folgerichtig müssten dann natürlich alle Katholiken des Erzbistums umsonst in den Dom zur Besichtigung eingelassen werden. Damit erreichen wir leider nicht die Einnahmen, die wir benötigen.

Die Schmuckmadonna im Dom.

Die Schmuckmadonna im Dom.

Wird es mit etwas weniger Besuchern künftig wieder ruhiger im Dom zugehen?

Die Lage des Doms ist Segen und Fluch zugleich. Ich war kürzlich auf einer Konferenz in Bamberg. Da gibt den wunderbaren romanischen Dom, auch er ein Weltkulturerbe. Er liegt auf dem Domhügel am Rande der Altstadt und man bereitet sich schon durch den Aufstieg mental auf den Besuch des von weitem sichtbaren Gotteshauses vor. Hier in Köln liegt der Dom keine 100 Meter entfernt vom Hauptbahnhof. Da sagen viele Leute: ,Gehen wir doch mal schnell in den Dom.' Und der Kölner sagt sich: ,Bevor ich wegfahre, gehe ich noch schnell in den Dom und zünde ein Kerzchen an.' Das alles hat der Bamberger Dom nicht, An unserem Dom kommt man quasi automatisch vorbei. Morgens, abends, nachts – immer, wenn ein Domportal geöffnet ist, strömen Menschen in den Dom. Das ist ja auch etwas sehr Positives. Aber durch genau diese Lage des Domes mitten in der Stadt nehmen viele Menschen keine Schwelle mehr war, die auf den Eintritt in einen besonderen, geistlichen Ort hinweist oder darauf vorbereitet. In Köln sind solch sichtbare Schwellen zum Beispiel der Kreuzgang vor St. Maria im Kapitol oder auch die schönen Vorhallen von St. Gereon und St. Andreas. In den Dom aber fällt man gefühlt einfach so hinein. Entsprechend viel Unruhe, manche sprechen sogar von Tumult erleben wir an manchen Tagen im Dom. Oft erscheint der Dom wie ein überdachter Marktplatz, wo Leute flanieren, sich lautstark unterhalten und -wie woanders auch üblich- Selfies und Gruppenfotos machen. Nur an ein ruhiges Gebet ist dann nicht zu denken.

Es werden vermutlich weniger Besucher werden. Weniger als die sechs Millionen pro Jahr derzeit.

Davon gehen wir aus. Ich glaube, dass diejenigen, die künftig mit einem Ticket den Dom besuchen, diesen anders als heute erleben werden, wahrscheinlich ruhiger und ein wenig würdiger. Dies gilt sowohl für kunsthistorisch interessierte Menschen als auch für Gläubige, die den Dom als Pilger oder zum Gebet besuchen.

Benötigen Sie mehr Domschweizer?

Wir werden zusätzliches Personal für die Aufsicht und Ticketkontrolle benötigen. Zusätzlich ist ein externer Sicherheitsdienst zur Unterstützung der Domaufsicht eingeplant. Das Personal wird nicht nur aus den bekannten Domschweizern in ihrem roten Talar bestehen, sondern auch aus Mitarbeitenden in dezenter Bekleidung.

Wird es Absperrgitter geben?

Wir werden voraussichtlich ohne besondere Absperrungen auskommen. Bisher hat es ja auch keine nennenswerten Schlangenbildungen bei derzeit sechs Millionen Besuchern gegeben. Und wir rechnen nicht mit mehr Besuchern als bisher. Aber wir sind auf alle Eventualitäten gut vorbereitet.

Sie haben anfangs gesagt, in den nächsten Jahren wird der Eintritt nicht erhöht. Für wie lange nicht?

Oh, ich bin ja nicht allein verantwortlich für solche Entscheidungen und kann dem Domkapitel in dieser Frage nicht vorgreifen, aber ich lehne mich einmal aus dem Fenster: Wir werden im Jahre 2030 ein großes Jubiläum feiern: 150 Jahre Vollendung des Kölner Doms. Da werden wir doch vorher nicht den Eintritt erhöhen! (lacht) Wir werden das sicherlich unter den jetzigen Voraussetzungen feiern können.

Zur Person

Robert Kleine wurde 1967 in Neuss geboren. Seine Priesterweihe fand 1993 im Kölner Dom statt. Nach seiner Zeit als Kaplan in Bad Honnef war er Domvikar und Schulseelsorger an der Domsingschule. Seit 2012 ist Monsignore Kleine als Domdechant für die Liturgie im Dom verantwortlich. Im selben Jahr wurde er zum Stadtdechanten ernannt. In dieser Position ist er Bindeglied zwischen den Pfarrgemeinden und dem Erzbischof.

Zum 1. September 2024 bestätigte Rainer Maria Kardinal Woelki ihn für weitere sechs Jahre im Amt. Er sei Priester geworden, weil er davon überzeugt sei, dass „Jesus Christus und seine Botschaft eine Relevanz haben – für mein Leben, aber auch für das Leben aller Menschen“, sagte er damals. (fu)