Zwei Wochen vor der Kommunalwahl gibt die Führungsetage des 1. FC Köln die letzte Zurückhaltung im jahrelangen Streit um die Gleueler Wiese auf.
Alles auf AngriffFC ruft Fans zur Großdemo für Gleueler Wiese auf

Blick auf das Geißbockheim und die Gleueler Wiese: Der 1.FC Köln möchte dort ein Leistungszentrum bauen.
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Es ist der vorläufige Höhepunkt einer schleichenden Entfremdung zwischen der Stadt und ihrem wichtigsten Identitätsträger. Am Sonntag, vor dem Heimspiel gegen den SC Freiburg, kommt es zum Showdown. Zwei Wochen vor der Kommunalwahl gibt die Führungsetage des 1. FC Köln die letzte Zurückhaltung im jahrelangen Streit um die Gleueler Wiese und den Ausbau am Geißbockheim auf und ruft die Fans zur Demonstration auf.
Das Motto: „Geißbockheim ausbauen – Platz für unsere Pänz“. Anpfiff: 14 Uhr auf dem Heumarkt. Von dort wird der Tross am Rathaus vorbei Richtung Neumarkt ziehen. Keine taktischen Spielchen mehr, keine Schonung des Gegners. „Wir haben uns entschieden, uns den Mund nicht mehr aus taktischen Gründen zu verbiegen“, wird Geschäftsführer Philipp Türoff zitiert und ruft die „FC-Familie auf“: „Seid dabei, macht mit und zeigt, dass unsere Zukunft jetzt beginnt.“
Klarer kann man es nicht ausdrücken. Das Tischtuch in dem mehr als zehn Jahre währenden Streit mit der Politik und der Stadtverwaltung um die Gleueler Wiese ist zerschnitten.
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1. FC Köln gibt Zurückhaltung auf
Für den FC, den Schwung des Bundesliga-Aufstiegs im Rücken, ist diese bewusste Konfrontation mit der Stadt nicht ohne Risiko. Gelingt die mit einer Präzision vorbereitete Kundgebung, wie man sie sonst nur von der IG Metall vor den Ford-Werken kennt? Kommen mindestens 4000 FC-Anhänger, für die der Klub die Demo angemeldet hat? Oder ist das Fan-Interesse an der Gleueler Wiese ähnlich mau wie das der Kölner an den bevorstehenden Wahlen?
Die Haltung der Fraktionen im Stadtrat ist klar: Die SPD und ihr OB-Kandidat Torsten Burmester sind für den Ausbau, die Grünen mit ihrer Kandidatin Berivan Aymaz dagegen. Politisch wird der Demoaufruf vor allem für die Kölner CDU zum Problem. Ihr OB-Kandidat Markus Greitemann, der bei der aktuellen Umfrage mit elf Prozent auf Platz drei liegt, kann schon deshalb nicht gegen den Ausbau sein, weil er ihn als Baudezernent vor Jahren vorbereitet hat. Die CDU ist vom Grundsatz dagegen – getrieben durch ihr Wählerklientel in Lindenthal.
Das ist die politische Gemengelage. Dass der Klub jetzt auf Konfrontationskurs geht, ohne das noch nicht absehbare Ende der juristischen Auseinandersetzung um den Bebauungsplan abzuwarten, wird das angeschlagene Verhältnis zur Stadt kaum verbessern.
Schmähplakat gegen Henriette Reker
Dessen jüngster Tiefpunkt war ein Schmähplakat auf der Südtribüne im Mai 2024 beim Heimspiel gegen Union Berlin, das Oberbürgermeisterin Henriette Reker zur Zielscheibe machte. „Henriette ist zwar keine Gilf, aber wir ficken sie trotzdem“, stand auf dem Banner. Gilf ist ein vulgärer Ausdruck für eine Großmutter, mit der man gerne Geschlechtsverkehr hätte – eine englische Abkürzung. Hintergrund der Aktion war offenbar der Streit über die Erweiterung des Geißbockheims im Grüngürtel.
Die Vereinsspitze hatte sich damals zwar deutlich von dem Banner distanziert und sich bei Henriette Reker entschuldigt, es sei natürlich nicht genehmigt gewesen. Doch die Grundsatzfrage des Umgangs mit der Ultra-Szene in Müngersdorf, der eine Zeitlang sogar ein Raum zur Lagerung von Materialien und Bannern für Choreografien stand, ist bis heute nicht geklärt.
In einem Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ hatte sich die Oberbürgermeisterin, angesprochen auf das Plakat, „enttäuscht“ darüber gezeigt, dass der FC-Vorstand „das hat geschehen lassen und wie er im Anschluss damit umgegangen ist“.

Teurer Spaß: FC-Fans beim Pokal-Achtelfinale gegen Hertha BSC Berlin im Dezember 2024 Pyrotechnik. Foto: IMAGO
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Seit langem auf Unverständnis stößt auch der offensichtlich lasche Umgang des Vereins mit der Pyrotechnik. Dass der FC als „Deutscher Randale-Meister“ in der vergangenen Zweiliga-Saison mit mehr als 900.000 Euro Strafe für das Zünden von Pyrofackeln, das Werfen von Gegenständen oder das „Eindringen auf das Spielfeld“ belegt wird, während er in der Zweiten Liga von der stadteigenen Sportstätten GmbH einen millionenschweren Miet-Nachlass erhält, bringt die Stadtspitze in Erklärungsnot, zumal der Verein die Vorfälle eher verharmlost als entschieden dagegen vorzugehen.
Deutscher „Randale-Meister“
Zuletzt hatte die Ultra-Szene vor dem Anpfiff des Pokal-Achtelfinales gegen Hertha BSC Berlin im vergangenen Dezember auf der Südtribüne massenhaft Bengalische Fackeln und Hunderte Raketen aus Feuerwerksbatterien abgeschossen. Der lakonische Kommentar des damaligen Sport-Geschäftsführers Christian Keller nach dem Abpfiff: „Es war erwartbar, dass es bei einem Pokalspiel, das für uns eine gewisse Bedeutsamkeit hat – sportlich, wirtschaftlich, atmosphärisch – nicht ohne Pyrofackeln geht. Günstig wird das nicht.“
Das hört man in Köln gar nicht gerne. Weder bei den Kölner Sportstätten, der Polizei, der Feuerwehr, dem vereinsinternen Wachdienst und in der Politik. Verbrennt die Stadt öffentliche Gelder auf der Südtribüne des Rhein-Energie-Stadions?

Umstrittene Choreo der FC-Ultras auf der Südtribüne beim Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf im Februar.
Copyright: Herbert Bucco
Immer wieder sieht sich die Stadt gezwungen, zum FC mit seinen mehr als 150.000 Mitgliedern auf Distanz zu gehen. Weil immer wieder Grenzen überschritten werden.
Eine Messer-Choreografie im Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf Ende Februar rief sogar NRW-Innenminister Herbert Reul auf den Plan. Er sei „entrüstet“ darüber, dass die Kölner Verantwortlichen „die entsprechende Darstellung im Vorfeld sogar genehmigt haben“, heißt es in seinem Protestbrief, der ebenfalls an den Ex-Sport-Geschäftsführer gerichtet war. „Um es klar zu sagen: Sie als Verantwortliche eines Profi-Fußballvereins haben auch die Aufgabe, im Stadion für Sicherheit zu sorgen und sich im Rahmen der Fanarbeit für Deeskalation einzusetzen. Mir ist schleierhaft, wie sich dieser Auftrag mit der in diesem Fall getroffenen Entscheidung vereinbaren ließe.“
Glücksgöttin mit Messer am Hals
Vor dem Derby war auf der Südtribüne auf einem riesigen Banner gezeigt worden, wie ein Mann mit dem FC-Logo auf seiner Krawatte der Glücksgöttin Fortuna ein großes Messer an den Hals hält. Dazu waren die Worte zu lesen: „Glück ist kein Geschenk der Götter“ – über Lautsprecher wurde ein hämisches Lachen eingespielt. „Wir bekämpfen jeden Tag Messergewalt auf der Straße, und im Stadion wird mit einem solchen Bild provoziert. Ich erwarte da von den Verantwortlichen des Vereins, dass sie auch einschreiten. Stattdessen wird die Sache auch noch heruntergespielt. Das ist der nächste Skandal.“
Die Kölner Oberbürgermeisterin Reker, die 2015 selbst Opfer einer Messer-Attacke geworden war, hatte die Choreografie ebenfalls kritisiert. Die Reaktion des Klubs? „Man kann über das Motiv kräftig streiten. Für mich ist das einfach die Rivalität zwischen zwei aktiven Fanszenen“, so O-Ton Keller damals.
Muss es da verwundern, dass die Stadtspitze keine Veranlassung sah, den Wiederaufstieg des FC in die höchste deutsche Spielklasse mit einem Empfang im Historischen Rathaus zu feiern? Die Entscheidung habe rein protokollarische Gründe, hieß es. Empfänge seien nur beim Gewinn von Meisterschaften vorgesehen, die in der ersten Liga stattgefunden haben, teilte die Stadt in dürren Worten mit.
Bei der Demo am Sonntag werden die FC-Fans am Rathaus vorbeiziehen. Zwei Wochen später wird gewählt.