Der laufende Mordprozess tritt seit Monaten auf der Stelle. Nun geriet überraschend ein neues Thema in den Fokus.
Rocker-Mord in KölnWas verraten die Tätowierungen des Angeklagten?

Mai 2023: Die Ermittler nach dem Rockermord im Mülheimer Böcking-Park.
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Beim seit vielen Monaten laufenden Prozess um den Kopfschuss-Mord an dem ehemaligen Hells-Angels-Mitglied Eren Y. (35) rückten vor dem Landgericht Köln plötzlich die Tätowierungen des mutmaßlichen Auftraggebers Hami S. (38) in den Fokus. Die Staatsanwältin hatte dem Vernehmen nach die Vermutung geäußert, dass S. sich den Namen eines möglichen Todesschützen – „Marco“ – auf den Rücken habe stechen lassen. Polizisten suchten den Angeklagten, dem eine lebenslange Freiheitsstrafe droht, in der JVA Ossendorf auf und dokumentierten die Bilder auf der Haut.
Köln: Tätowierungen des Angeklagten im Mittelpunkt
Der Rockermord in Mülheim ereignete sich im Mai 2023. Auf Nachfrage des Richters, von wann das vermeintliche „Marco“-Tattoo stamme, verweigerte Hami S. die Aussage. Im Zeugenstand berichtete der Polizist, der die Bilder aufgenommen hatte, dass S. auch in der JVA dazu geschwiegen habe. In derselben Raute auf dem Rücken hätte der Polizist auch den Namen „Kürsat“ ausgemacht. Er habe nach dem Namen gegoogelt, sagte der Beamte, aber nur Ergebnisse zum bekannten Lottogewinner Kürsat „Chico“ Yildirim bekommen. „Der ist nicht gemeint“, äußerte Hami S. daraufhin und lachte.

Der Angeklagte Hami S. mit seinem Verteidiger Leonhard Mühlenfeld beim Prozessauftakt im Landgericht
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Bei der sogenannten erkennungsdienstlichen Behandlung sei S. durchweg kooperativ gewesen, berichtete der Polizist. Der Beamte habe sich die Tätowierungen angeschaut und die Beschreibungen diktiert. Zu manchen Tattoos habe Hami S. auch etwas gesagt. Neben den Namen seiner Ehefrau und seiner Kinder weisen weitere Tätowierungen Bezüge zu den „Hells Angels“ auf. Einen Beweiswert dürften die neuen Erkenntnisse kaum haben. Es schien, als dienten die angestrebten Ermittlungen eher der Überbrückung einer seit Monaten bestehenden Prozesslücke.
Köln: Mordprozess tritt seit Monaten auf der Stelle
Denn der Prozess vor dem Schwurgericht tritt auf der Stelle. Das eigentliche Beweisprogramm war im März dieses Jahres bereits auf der Zielgeraden, als sich mit Marco C. einer der mutmaßlichen Schützen vom Böcking-Park aus der Türkei meldete. Über seinen Anwalt André Miegel hat er bereits angekündigt, sich umfassend äußern zu wollen. „Er möchte reinen Tisch machen – sein Anliegen ist es, dass endlich die ganze Wahrheit ans Licht kommt“, hatte der Anwalt auf Anfrage dieser Zeitung erklärt. Miegel ergänzte: „Wir werden uns gegen den falschen Vorwurf des Mordes verteidigen.“
In Absprache mit den deutschen Behörden ließ sich Marco C. von der türkischen Justiz festnehmen. Seit Mitte April sitzt er dort im Gefängnis; das Landgericht hofft seitdem auf die Auslieferung. Der Vorsitzende Richter Martin Kümpel hat klargemacht, Marco C. als Zeugen hören zu wollen. Der Prozess muss daher gestreckt werden. Das Problem: Niemand weiß, wie lange noch. Zwar hatte ein türkisches Gericht bereits im Juli die Auslieferung von Marco C. bestätigt. Passiert ist aber bisher nichts. Klar ist: Sobald der 29-Jährige in Deutschland ist, wird er im Landgericht als Zeuge vorgeführt.
Köln: Bundesverfassungsgericht hob Mordurteil auf
Dass das Gericht vorsichtig agiert und noch weitere Überbrückungstermine plant, hängt wohl auch mit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zusammen. Das hatte ein erstes Mordurteil in dem Fall kassiert und gerügt, dass ein wichtiger Zeuge nicht gehört wurde – der Rocker Emre U. (33), der ebenfalls als Schütze in Betracht kommt. U. wollte in der ersten Instanz per Videovernehmung in der Türkei aussagen, das Gericht bestand aber auf Präsenz in Köln. Damit sei dem Angeklagten ein schwerer Nachteil entstanden, so das höchste Gericht. U. ist inzwischen gar nicht mehr zu erreichen.
Marco C. und Emre U. werden verdächtigt, Eren Y. im Bereich des Böcking-Parks in Mülheim erschossen zu haben. Den Auftrag dazu soll Hami S. gegeben haben. Er ist der Bruder des früheren Präsidenten des damaligen Hells-Angels-Chapters „Rhine Area“. Als Motiv gelten Revierstreitigkeiten um eine mögliche Neugründung der Fraktion. Hami S. hatte in erster Instanz jegliche Beteiligung an dem Mord bestritten. Zuletzt hatte er eingeräumt, dem flüchtigen Mordverdächtigen bei der Vorbereitung geholfen zu haben. Er sei aber lediglich von einem Schuss in die Beine ausgegangen.
