Aus der Kalker Zivilgesellschaft regt sich Protest gegen die Verlegung des Migrationsmuseums. Die neue Initiative „Selma bleibt“ trifft sich am Montag, 30. März.
„Wind hat sich gedreht im Land“Museum Selma mit emotionalem Statement – Kölner Politiker schlägt Neubau vor

Preisgekrönter Entwurf des Museum Selma von Atelier Brückner. So wird das Museum nach aktuellem Stand nicht aussehen können: Die Hallen Kalk fallen als Standort weg.
Copyright: Atelier Brückner
Die Suche nach einem neuen Ort für das Migrationsmuseum Selma beschäftigt die Kölner Politik und Stadtgesellschaft weiter. In Protest gegen die Entscheidung des Stadtrats, das Museum Selma statt in den Hallen Kalk zunächst im Kulturzentrum am Neumarkt zu eröffnen, formiert sich derzeit eine Initiative unter dem Namen „Selma bleibt“ in Kalk. Der FDP-Kulturpolitiker Lorenz Deutsch schlägt indes als Debattenbeitrag vor, dem Museum Selma doch noch ein eigenes Haus zu bauen – inspiriert von den Studierenden-Arbeiten zur Erweiterung des Zeughauses in ein Kulturquartier. Das Museum Selma selbst hält allerdings an den Plänen für den Neumarkt fest.
Das will die Initiative: „Selma bleibt“ möchte „politischen Druck“ aufbauen, so heißt es in der Einladung zum Auftakttreffen. Initiator ist Jan Schlagenhauf (Die Linke), der stellvertretender Bezirksbürgermeister in Kalk ist. Das Treffen findet am Montag, 30. März im Naturfreundehaus Kalk an der Kapellenstraße 9a um 19 Uhr statt. Es könne jeder mitmachen.
„In Deutschland haben 25 Millionen Menschen eine eigene oder familiäre Migrationsgeschichte, in Köln 40 Prozent der Bevölkerung. Die einzigartige Domid-Sammlung umfasst die bundesweit größte Sammlung von sozial-, kultur- und alltagsgeschichtlichen Zeugnissen dieser Geschichte“, heißt es weiter. Das Domid ist der private Verein, der das Museum Selma plant. Auf Anfrage sagt Schlagenhauf: „Wir haben im Bürgerverein einen offenen Brief an Torsten Burmester und die kulturpolitischen Sprecher adressiert. Wir wollen Menschen aus der Stadtgesellschaft zusammenbringen und ein deutliches Zeichen setzen.“ Eine größere Veranstaltung plant die Initiative am 18. April im Kulturhof in den Hallen Kalk.
Baukosten für Museum Selma von 44 auf 77 Millionen Euro gestiegen
Dass das Museum nun „drastisch verkleinert“ zum Rautenstrauch-Joest-Museum und dem Museum Schnütgen „dazugequetscht“ werden soll, sei der Sammlung „völlig unangemessen“ und beschädige auch die anderen Häuser. „Das wollen wir verhindern“, so Schlagenhauf. „Wir sind überzeugt: Wo ein politischer Wille ist, da ist auch ein Weg.“
Hintergrund für die Suche eines neuen Standorts ist, dass die Baukosten explodiert sind: Statt 44 Millionen wären 77 Millionen Euro nötig gewesen, um die Hallen Kalk nach dem Vorbild des preisgekrönten Architektenentwurfs umzusetzen. Die Hallen Kalk befänden sich zudem in einem schlechteren Zustand als gedacht, teilten Stadt und das Museum Selma mit. Aus Kalk und der Kulturszene kamen kritische Reaktionen: Dem Stadtteil werde die Chance genommen, sich zu entwickeln. Auch den Häusern am Neumarkt wird Fläche für Sonderausstellungen entzogen (wir berichteten).
Der Stadtrat stimmte unter Zeitdruck am 19. März trotzdem dafür, dass die Verwaltung eine Integration des Selma am Neumarkt planen soll, auch wenn sie ihre Unzufriedenheit damit zum Ausdruck brachten. Hat das Selma nicht schnell einen neuen Ort in Köln, drohen noch übrige 40 Millionen Euro von Bund und Land bis zum Jahresende zu verfallen. Sie beauftragten die Verwaltung zusätzlich, nach weiteren möglichen Standorten im Rechtsrheinischen zu suchen.
Das schlägt Lorenz Deutsch vor: Ein eigenes Haus für das Museum Selma und zwar in der Nähe des Zeughauses. Das sagte der kulturpolitische Sprecher der FDP-Ratsfraktion dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ anlässlich der neuen Ausstellung, die Abschlussarbeiten der TH-Studierenden zur Belebung der Zeughaus-Umgebung in einen lebendigen Kulturort, zeigt. „Wir können von Glück reden, wenn es uns gelingt, das Stadtmuseum wieder ins Zeughaus ziehen zu lassen. Dass dann noch ein Erweiterungsbau dazukommt, ist angesichts der Haushaltslage unwahrscheinlich.“ Für Selma aber stehen von den bewilligten 44 Millionen Euro von Bund und Land noch 40 Millionen zur Verfügung. „Wenn wir nicht wieder einen Spezialbau wie bei der Miqua planen, sondern uns ans Prinzip ‚Keep it Simple‘ halten, muss ein Museumsbau dafür doch machbar sein“, sagte Deutsch.
Was das Museum zur Debatte sagt: Die Verantwortlichen des Domid teilten am Freitag mit: „Wir sehen, wie groß das Engagement von Menschen und Initiativen für den Standort Kalk ist und freuen uns darüber.“ In der Stellungnahme heißt es, die Sicherung der Fördermittel habe oberste Priorität, daher werbe man weiter für die Realisierung am Neumarkt. Der monatelange Kampf mit Zuwendungsgebern um die Gewährung der Mehrkosten habe viel Kraft gekostet. „Umso bitterer war es für uns zu erkennen: Der Wind hat sich gedreht in diesem Land. Wir erhalten keine zusätzlichen Mittel. Verantwortung für unsere Mission, Migrationsgeschichte in das bundesweite Gedächtnis zu bringen, heißt auch, ehrlich mit Finanzrealitäten und der derzeitigen politischen Mehrheitslage umzugehen.“


