Die Initiative „Rettet die Lutherkirche“ kämpft für den Erhalt des Kulturorts. Die Gemeinde sieht dafür nur wenig Spielraum.
Kirche wird aufgegebenEine Initiative ruft zur Rettung der Lutherkirche auf

Die Lutherkirche in der Südstadt von der Rolandstraße aus gesehen.
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Welche ist die lebendigste Kirche in Köln? Jan Krauthäuser, Kulturschaffender in der Südstadt, stellt die Frage und hat auch die Antwort: „Die Lutherkirche“, sagt er. Krauthäuser und Mitstreiterin Betsy de Torres zählen die Gründe dafür auf: Neben Gottesdiensten, spiele sich vor allem das Kulturprogramm des Vereins „Südstadtleben“ in der Kirche ab, Konzerte mit dem Schwerpunkt „Weltmusik“ und Tanzveranstaltungen. Sie sei ein soziokulturelles Zentrum im Viertel, ganze Communitys, Iraner, Kurden und Griechen, hätten dort eine Heimat gefunden, einsame Menschen eine Anlaufstelle. Der Verein verfüge über einen Spendentopf, mit dem er Musiker unterstütze, aber auch ortsansässige kleine Läden und Familien in Not.
Weil es die Institution in der Südstadt bald vielleicht nicht mehr gibt, haben Krauthäuser und De Torres nun die Initiative „Rettet die Lutherkirche!“ gegründet und eine entsprechende Petition auf den Weg gebracht. Denn am 18. Juli soll die Kirche entwidmet werden.

Betsy de Torres und Jan Krauthäuser im Innenhof der Lutherkirche und der anschließenden Wohngebäude.
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Abriss ist möglich, Mieter erhalten Kündigung
Was dann mit dem Kirchengebäude geschieht, ist ungewiss. Nur der Kirchturm ist denkmalgeschützt. Und so steht der Abriss der entwidmeten Backsteinkirche aus den 60er-Jahren und der an sie anschließenden Wohngebäude als Möglichkeit im Raum. Den Menschen, die dort zuhause sind, hat die evangelische Gemeinde Köln-Innenstadt bereits mitgeteilt, dass sie die Kündigung erhalten. Betroffen sind vier Mietparteien mit 13 Menschen. Sie sorgen sich: Sie würden in der Südstadt vermutlich keine andere bezahlbare Wohnung finden, schildern sie. Die Gemeinde hätte ihnen angeboten, sich für eine Wohnung auf dem neuen Campus Kartause der Evangelischen Kirche zu bewerben. „Aber die Mieten liegen dort zwischen 23 und 25 Euro kalt“, sagt eine Mieterin, die wie die anderen namentlich nicht genannt werden möchte. Eine Familie sieht sich nun eine bezahlbare Wohnung der Gemeinde an der Christuskirche am Stadtgarten an. Aber selbst, wenn die passend sei, sagt das Elternpaar, müssten sie ihr Heimatviertel verlassen.
Gemeinde sucht einen gemeinnützigen Investor
Die Gemeinde kann zu ihren Plänen mit den Gebäuden und dem Grundstück allerdings zum derzeitigen Zeitpunkt laut ihrer Stellungnahme in einer Pressemitteilung noch nichts Konkretes sagen: „Für den Standort Lutherkirche laufe aktuell ein Entwicklungswettbewerb“, heißt es darin. Ziel sei es, dort ein diakonisches und soziales Zentrum zu betreiben, auch bezahlbares Wohnen sowie einen Ort der Begegnung zu ermöglichen. Das Grundstück solle dafür in Erbpacht an einen gemeinnützigen Investor übergeben werden.
Die Evangelische Innenstadtgemeinde sieht sich zum Handeln gezwungen, wie viele andere Gemeinden auch. Stark gesunkene Mitgliederzahlen und damit sinkende Kirchensteuereinnahmen sowie der hohe Sanierungsbedarf vieler Gebäude setzen die Gemeinde unter Druck. Hinzu kommt die Vorgabe der Evangelischen Kirche im Rheinland, dass ihre Immobilien bis 2035 klimaneutral sein müssen.

Am 18. Juli soll die Lutherkirche in der Südstadt entwidmet werden.
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Schwierige Entscheidung nach langem Prozess
So hat die Gemeinde beschlossen, zwei ihrer fünf Kirchen als Gottesdienstorte aufzugeben, die Lutherkirche und die Thomaskirche im Agnesviertel, und auf den Arealen anders zu planen – mit Bedauern: „Die Lutherkirche ist für viele Menschen ein wichtiger und identitätsstiftender Ort“, sagt Pfarrer Markus Herzberg, Vorsitzender des Leitungsgremiums der Innenstadtgemeinde. „Wir verstehen und teilen die Trauer und Enttäuschung vieler Menschen in der Südstadt. Gleichzeitig tragen wir als Presbyterium Verantwortung für die Zukunft der gesamten Gemeinde, für alle fünf Kirchorte, für unsere Mitarbeitenden und unsere langfristige Handlungsfähigkeit.“
Diese Entscheidung sei nicht leichtgefallen, das Ergebnis eines langen und transparenten Prozesses. Über die Pläne seien die Gemeinde und die Öffentlichkeit bereits seit 2024 mit Versammlungen, Newslettern und über die Webseite informiert worden. Es hätten Beteiligungsworkshops stattgefunden. Die Kartäuserkirche würde eine Anlaufstelle in der Südstadt für soziokulturelle Belange bleiben.
Versammlungsstättenverordnung macht Investitionen nötig
Die weitere Nutzung der Lutherkirche für kulturelle Zwecke hänge nicht von der Entwidmung ab, sondern von baulichen, finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Das seien im Fall der Lutherkirche unter anderem auch die Anforderungen der Versammlungsstättenverordnung. Danach seien für größere Veranstaltungen umfangreiche Investitionen in Gebäude und Infrastruktur nötig. „Das kann die Gemeinde dauerhaft nicht finanzieren“, heißt es in der Pressemitteilung. „Der bisherige Betrieb der Lutherkirche kann deshalb unabhängig von der Entwidmung nicht fortgeführt werden.“ Die Veranstaltungen des Vereins Südstadtleben würden noch bis zum 31. Dezember 2026 stattfinden.
Initiative möchte die Gemeinde zum Erhalt ermutigen
Krauthäuser und de Torres verstehen die Nöte der evangelischen Gemeinde. „Was hier entstanden ist, ist auch ein Verdienst der evangelischen Kirche“, betont de Torres. „Wir möchten nicht gegen sie, sondern für den Ort kämpfen und die Kirchengemeinde ermutigen, etwas zu erhalten, das sie selbst aufgebaut hat.“ Krauthäuser beschreibt es mit einem Bild: „Wenn man einen alten Baum fällt, kann man einen neuen pflanzen, aber bis er gleichermaßen gewachsen ist, vergehen Generationen.“ Im Hinblick auf die geforderte Klimaneutralität müsse man bedenken, dass es deutlich weniger klimaneutral sei, ein Gebäude abzureißen und neu zu bauen, als eines zu behalten, das nicht den energetischen Vorschriften entspricht.
Pfarrer Mörtter bleibt optimistisch
Der Pfarrer im Ruhestand Hans Mörtter, der 34 Jahre lang das Gesicht der Gemeinde war und selbst den Verein Südstadtleben mit einem Kollegen gegründet hat, kennt die schwierige Lage der Kirchengemeinde, bleibt aber optimistisch: „Mit gutem Willen, einem sozialen Investor, dem Finanzierungskonzept von Südstadtleben, und der Solidarität von vielen, ist es möglich, die Arbeit dort weiterzuführen. Die Lutherkirche gehört zu den kostbaren ‚Dritten Orten‘, von denen es immer weniger gibt“, so Mörtter. Gerade in der aktuellen Zeit sei es sehr wichtig, die Begegnungsorte für Menschen zu erhalten.
