Melaten FriedhofGräber erzählen vom Leben in Köln

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Der Sensemann zählt zu den bekanntesten Figuren auf dem Melaten-Friedhof.

Der Sensemann zählt zu den bekanntesten Figuren auf dem Melaten-Friedhof.

Lindenthal – Friedrich Anton Florian von Seydlitz hat keinen leichten Stand mehr. Der Generalmajor ist ins Wanken geraten. Tonnen schwer mag der rund drei Meter hohe mit Helm und Schwert geschmückte Steinzylinder schwer sein, und doch bringt ihn die mächtige Platane nebenan in Schieflage. Bäume, die vor rund 200 Jahren gepflanzt wurden, sind zu Kolossen geworden. Der „Todesbaum“ wird das späte Duell mit dem Kämpfer aus den Kriegen mit Napoleons Frankreich gewinnen.

Keine Chance gegen die Natur: Das Grab Seydlitz.

Keine Chance gegen die Natur: Das Grab Seydlitz.

Bekannte Gräber

„Melaten gehört zum Leben der Stadt“, sagt Kerstin Harmsen, die für den Verein „Regio Colonia“ über den Friedhof führt. „Hier muss keiner mit gedämpften Schritten gehen.“

Tatsächlich sind hier am Wochenende unzählige Gruppen unterwegs. Dann wird bei den Gräbern von Willi Ostermann, Jupp Schmitz und anderen Karnevalisten kölsches Liedgut angestimmt. Auf Kölsch wird von Willy Millowitsch, Horst Muys oder der Duftwasser-Konkurrenz zwischen den Familien Mühlen („4711“) und Farina („Eau de Cologne“) erzählt. Man bekommt anschaulich den Unterschied zwischen Bescheidenheit und eitler Selbstgefälligkeit erklärt, wenn die kleine Grabstätte der „Klosterfrau Melissengeist“-Erfinderin, Maria Clementine Martin, mit dem protzigen Denkmal ihres Nachfolger, Peter Gustav Schaeben, verglichen wird.

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Freie Sicht auf die Gruft: Die Grabstätte Waffenschmidt.

Freie Sicht auf die Gruft: Die Grabstätte Waffenschmidt.

Derweil umkurvt ein Jogger die alte Kapelle, die hier schon stand, als das Friedhofsgelände noch ein Asyl für Leprakranke und eine Hinrichtungsstätte war. An jeder Ecke lassen sich Geschichten aus den vergangenen Jahrhunderten erzählen – von der Gründung des Hänneschen-Theaters wie vom Bombenkrieg, vom Klüngel der Reichen und dem Leben der Armen, die anonym an der Friedhofsmauer begraben wurden. Auch unter der Woche herrscht viel Leben zwischen den über 55.000 Totenstätten: Menschen, die in der Umgebung arbeiten, verbringen hier ihre Mittagspause, während Spaziergänger durch die imposanten Thuja-Alleen laufen und Touristen nach den Gräbern von Guido Westerwelle und Heinz Günther Konsalik suchen.

Tünnes am Grab des Hänneschen-Gründers.

Tünnes am Grab des Hänneschen-Gründers.

Bei Generalmajor von Seydlitz und seinem schiefen Riesengrabstein herrscht gleichfalls viel Betrieb, was aber eher am 180 Jahre später verstorbenen Promi im Nachbargrab liegen dürfte. Bunt, schrill und ziemlich kitschig ist die letzten Ruhestätte des Schauspielers und Komikers Dirk Bach – ein schönes Beispiel für die Veränderung der rheinischen „Bestattungskultur“. Es ist noch nicht lange her, da waren Grabgestaltungen wie diese streng verboten. Mittlerweile ist so gut wie alles erlaubt.

Viele leere Gräber

Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, dass für einen Normalsterblichen auf Melaten kein Platz mehr ist. Das Gegenteil ist der Fall: Es gibt viele leere Grabflächen. Und es gibt zahlreiche alte Grabstätten, für die man Paten sucht. Wer eine historische Stätte pflegt und restaurieren lässt, darf später selbst hinein. So haben sich an der sogenannte Millionenallee längst nicht mehr nur die Wohlhabenden des vorletzten Jahrhunderts verewigt.

Informationen zur Besichtigung

Geöffnet ist der Friedhof täglich von 7 bis 20 Uhr, im Winter von 10 bis 17 Uhr.  Wer Melaten auf eigene Faust besichtigen will, findet auf den Seiten der Stadt im Internet einen Friedhofsplan und eine Beschreibung. Für die Suche nach kölschen Originalen gibt es eine separate Beschreibung „Karneval auf Melaten“. Sehr viele Informationen bietet auch der Freundeskreis Melaten auf seinen Internetseiten. Auch wenn die meisten den Friedhof über die Eingänge an der Piusstraße erreichen dürften, lautet die offizielle Adresse des Friedhofs Aachener Straße 204. Unweit der KVB-Haltestelle Melaten  (Linien 1 und 7) befindet sich – gegenüber vom Haus Aachener Straße 249 – der alte Haupteingang. Dahinter beginnt der Hauptweg aus der Gründungszeit des Friedhofs. Hier befinden sich die ältesten erhaltenen Grabstätten. Viele sind im Krieg zerstört worden.

Neues trifft auf Altes: Blick in die „Millionenallee“.

Neues trifft auf Altes: Blick in die „Millionenallee“.

Der Weg kreuzt die Mittelachse, besser bekannt als „Millionenallee“. An diesen beiden Hauptwegen findet man viele Prominenten-Gräber des 19. und 20. Jahrhunderts. Es gibt zahlreiche Anbieter  von Führungen, einige zu speziellen Themen. Eine gute Auflistung mit Kontaktadressen von Friedhofsführern findet man auf den Internetseiten des Freundeskreis Melaten.

www.melatenfriedhof.de

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