Der Rheinpegel in Köln verzeichnet einen Niedrigwasser-Rekord für den Juni. Der Tagesmittelwert lag am Mittwoch bei 1,23 Meter. Die Prognose für die nächsten Tage: Es wird weiter abwärts gehen. Schon jetzt fahren die Schiffe nur mit halber Ladung.
Rheinpegel in Köln sinkt auf 1,23 MeterEin Rekord-Tief für den Juni

Der Rhein führt Niedrigwasser. Wegen des trockenen Sommerwetters ist der Pegelstand am Mittwoch auf den Tagesmittelwert von 1,23 Meter gefallen. Foto: Uwe Weiser
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Wir vergessen schnell, zu schnell. Den Dürre-Frühling 2025 zum Beispiel. Nur einmal war ein März in NRW seit Beginn der Wetteraufzeichnungen trockener als im vergangenen Jahr, der Rhein mit einem Wasserstand von 1,80 Meter Ende des Monats am Kölner Pegel wegen geringer Niederschläge und weniger Schmelzwasser aus den Alpen zwar niedrig, aber nicht besorgniserregend.
Am Mittwoch lag der Tagesmittelwert schon bei 1,23 Meter. Rekord für einen Juni. „Im vergangenen Jahr lag der niedrigste Stand Mitte Juli bei 1,43 Metern“, sagt Birgit Konopatzki, Sprecherin der Stadtentwässerungsbetriebe. „Jetzt liegen wir schon 20 Zentimeter darunter. Das hat es seit mehr als 100 Jahren nicht gegeben."
Bis zum Wochenende könnte der Pegel bei ein paar Niederschlägen zwar leicht ansteigen, der Bonner Klimatologe Karsten Brandt schlägt dennoch Alarm: „Wir haben jetzt schon Pegelstände, die unter den niedrigsten Werten vom Juli 2003 liegen. Die großräumige Wetterlage in den kommenden zwei Wochen sieht ein stabiles Hoch über Frankreich und Spanien. Ich rechne mit einem deutlich fallenden Pegel ab Montag. Sehr kritisch wird es dann Ende nächster Woche.“
Der Kölner Pegel könnte, so sieht es auch die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, im Tagesmittelwert bei einem Meter liegen. Brandts Prognosen für den 14. bis 16. Juli sehen ihn sogar bei 73 bis 75 Zentimeter.

Ein Containerschiff passiert die Engstelle auf dem Rhein bei Kaub. Dort Foto: dpa
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Die Binnenschiffe sind schon jetzt mit deutlich weniger Ladung unterwegs. Ein Beispiel dafür sind regelmäßige Salzlieferungen aus Heilbronn für die chemische Industrie im Süden Kölns, die im Godorfer Hafen umgeschlagen werden. „Normalerweise fassen Schiffe eines Kunden, die in Godorf ankommen, bis zu 2200 Tonnen Steinsalz, jetzt werden etwa pro Schiff nur noch 800 bis 1000 Tonnen transportiert“, sagt Christian Lorenz, Sprecher der Häfen- und Güterverkehr Köln AG. „Das ist trotzdem noch eine profitable Menge. Ein Lkw kann nur 40 Tonnen transportieren.“
Im Gegensatz zum Hochwasser gibt es bei Niedrigwasser keine Marke, an der die Schifffahrt komplett eingestellt werden muss. Die Schiffsführer tragen die alleinige Verantwortung dafür, ob sie ihre Ladung unbeschadet in den Zielhafen bringen.
Wenn der Pegel weiter sinkt, halte ich sogar eine vollständige Einstellung des Schiffsverkehrs auf dem Rhein für möglich
Mit Blick auf den Mittelrhein beim Pegel Kaub spricht Klimatologe Brandt von einer extrem kritischen Lage. „Wenn der Pegel weiter sinkt, halte ich sogar eine vollständige Einstellung des Schiffsverkehrs auf dem Rhein für möglich.“ Der bisherige Tiefpunkt dort stammt aus dem Oktober 2018 mit 24 Zentimetern, das bis heute als Jahrhundert-Niedrigwasser am Rhein gilt und in Deutschland laut Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes einen wirtschaftlichen Schaden von 2,4 Milliarden angerichtet haben soll. Wegen seines felsigen Untergrunds ist Kaub eine der flachsten und kritischsten Stellen für die Rheinschifffahrt.

Niedrigwasser kein Problem: Die „Willi Ostermann" der Köln-Düsseldorfer liegt besonders flach im Wasser. Foto: Michael Bause
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Der Schiffsverkehr der wichtigsten Wasserstraße Europas – eingestellt? „Eine vollständige Einstellung der Schifffahrt wird es definitiv nicht geben“, sagt Jens Schwanen, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt. „Selbst wenn man am Pegel Kaub einen Stand erreicht, an dem die Schifffahrt keine Fracht mehr transportieren kann, bedeutet das nicht, dass von den Westhäfen Rotterdam, Amsterdam und Antwerpen/Brügge keine Fracht mehr an den Niederrhein transportiert wird. Die Schiffe fahren doch nicht alle bis zum Oberrhein. Wir haben am Niederrhein Abladetiefen von bis zu vier Meter.“
Man kann das Wasser halt nicht herbeizaubern
Dass es am der Mittelrhein große Probleme gebe, sei spätestens seit 2018 allen klar geworden. Die Fahrrinne dort wird gerade ausgebaut, soll aber erst 2033 fertig sein. Deshalb sei die Großindustrie, vor allem die Chemie-, Stahl- und Mineralölbranche auch „so erzürnt darüber, dass der Ausbau so extrem lange dauert“, so Schwanen. „Die großen Werke sind auf den Rhein angewiesen. Die müssen sehen, wie sie in 14 Tagen an ihre Rohstoffe kommen, um ihre Produktion aufrechtzuerhalten. Man kann das Wasser halt nicht herbeizaubern.“
Der Rhein ist mit Abstand die wichtigste Wasserstraße in Deutschland. Der Güterverkehr zwischen Basel und der Nordsee erreichte im Jahr 2024 knapp 285 Millionen Tonnen. Die Gesamtheit aller Binnenschiffer sorgt damit für knapp sieben Prozent der gesamten Verkehrsleitung im Gütertransport.
Zwischen Mainz und St. Goar soll der Strom deshalb bis 2033 in drei Abschnitten auf 49 Strom-Kilometern so ausgebaut werden, dass Schiffe auch bei Niedrigwasser mehr Ladung transportieren können. Die Fahrrinne soll dafür auf einer Breite von 120 Metern eine durchgehende Tiefe von 2,10 Metern erhalten.
Parallel dazu beginnt die Bahn-Tochter DB InfraGo am 10. Juli damit, die für den Güterverkehr wichtige rechte Rheinstrecke zwischen Troisdorf und Wiesbaden zu sanieren. Deshalb wird sie bis zum 12. Dezember gesperrt. Entlang der Trasse werden 36 Bahnhöfe modernisiert, Gleise und Weichen erneuert und die Züge durch neue elektronische Stellwerkstechnik gesteuert.
Genau das, sagt Klimatologe Karsten Brandt, könnte die Lage für die Industrie bei einem Extrem-Niedrigwasser noch verschärfen. „Die Bahn steht in diesem Sommer als Ersatz für die Schifffahrt nicht zur Verfügung.“
All diese Krisenszenarien rund um das Niedrigwasser machen der Touristikbranche auf dem Rhein keine großen Kopfschmerzen.
Unsere Schiffe haben wenig Tiefgang. Erst ab 80 Zentimetern könnte es Probleme geben
Bei der Reederei Köln-Düsseldorfer (KD) blickt man gelassen auf die möglicherweise sinkenden Pegelstände. „Wir erwarten zunächst eine kleine Welle durch Wasser aus Süddeutschland und damit sogar erstmal steigende Pegelstände auf dem Rhein“, sagte KD-Chefin Nina Luig. Probleme bekäme die Reederei, die diverse Ausflugs- und Eventschiffe an Mittel- und Niederrhein betreibt, erst „ab einem Pegelstand von 80 Zentimetern. Unsere Schiffe haben wenig Tiefgang, wir können erstmal weiterfahren.“
Durch den Niedrigstand erhöhe sich zwar die Gefahr, auf eine Sandbank zu laufen. Durch geschickte Navigation sei dieses Risiko aber gut zu händeln. Selbst wenn der Pegel unter eine kritische Marke falle, müsse man nicht alle Veranstaltungen absagen. „Unsere Events können auch auf liegenden Schiffen stattfinden“, so Luig. Dass die KD-Schiffe nicht auslaufen konnten, habe es zuletzt im September 2003 gegeben. Beim Rekordpegel von 63 Zentimetern musste selbst die KD-Flotte passen.
