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Stadtdechant im Interview„Ich kann den Kirchenaustritt derzeit niemandem verdenken“

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Robert Kleine vor dem Kölner Dom.

  • Der Titel des Stadtdechant beschreibt den Repräsentanten der katholischen Kirche in der Stadt Köln. Robert Kleine trägt den Titel seit September 2012.
  • Er ist somit Mittler zwischen den Gemeinden der Stadt und dem von Rainer Kardinal Woelki geleiteten Erzbistum Köln, das von Düsseldorf bis Bonn, von der Eifel bis in den Oberbergischen Kreis reicht.
  • Kleine gehört auch dem Domkapitel an, das den Erzbischof wählt. Gleichzeitig ist Kleine für die Gottesdienste im Kölner Dom verantwortlich.

Herr Stadtdechant, normalerweise hätten Sie zum Jahresbeginn beim gemeinsamen Empfang von Stadtdekanat und Katholikenausschuss gesprochen. Diesmal hat dessen Vorsitzender Gregor Stiels eine eigene Rede ins Netz gestellt, die vom völligen Verlust der Glaubwürdigkeit der Bistumsleitung spricht und auch dem Erzbischof persönlich attestiert, keinerlei Vertrauen mehr zu genießen. Was sagen Sie dazu? Robert Kleine: Ich kann das – wie auch die entsprechenden Aussagen des Diözesanrats – sehr gut nachvollziehen, und ich höre die Kritikpunkte genau so auch in meinem Umfeld, von Mitbrüdern im Priesteramt, Freunden, Bekannten. Die Ratlosigkeit ist überall spürbar, und es trifft mich zutiefst, dass inzwischen selbst Menschen aus dem „Inner Circle“ der Kirche sagen, wir vertrauen euch nicht mehr, wir glauben euch – und in Person: dem Erzbischof – nicht mehr, dass der bekundete Wille zur Aufklärung ernst gemeint ist. Halten Sie diesen Willen für ernst gemeint?

Ich gehe davon aus, dass der Erzbischof bei seiner Ankündigung zur Aufklärung des Missbrauchsskandals ein sehr gutes Ansinnen hatte. Doch dieses ist seit der Entscheidung vom vergangenen März desavouiert, das in Auftrag gegebene Gutachten zurückzuhalten und es dann – wie im Oktober bekannt gegeben – gar nicht mehr zu veröffentlichen. In meinen Augen hat der Kardinal hier auf falschen Rat gehört.

Warum falsch?

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Konsequenzen aus dem Gutachten wird es doch so oder so geben müssen. Auch wenn es später veröffentlicht wird als das neue Gutachten, werden doch alle die beiden Versionen vergleichen. Ich bin der Ansicht: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Zudem ist die Außenwirkung schon jetzt ein Desaster. Das zeigt sich an den Austrittszahlen, und es zeigt sich an der Verzweiflung, die mir von den Gläubigen entgegenschlägt, wo immer ich ihnen derzeit begegne und mit ihnen Gottesdienste feiere. Sie werden förmlich mürbe gemacht, weil sie jetzt zu allem Überfluss auch noch ein Stück weit in Mithaftung genommen werden: Warum seid ihr denn immer noch in diesem Verein? Warum geht ihr da immer noch hin? Warum haltet ihr denen die Treue? Das erschüttert die Menschen.

Die Bistumsleitung bittet beständig um Geduld – bis zur Vorlage des Ersatzgutachtens am 18. März.

Ja, aber es weiß doch keiner, was danach passiert.

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Was sollte denn passieren?

Das Schlimmste wäre, dass aus dem, was voriges Jahr noch eine Verheißung war, nichts folgt. Die Ankündigung war: „Wir werden alles offen legen, wir werden die Namen nennen.“ Die Namen kennt aber doch schon heute jeder. Alle wissen, wer im Erzbistum in verantwortlicher Position war: Erzbischöfe, Generalvikare, Personalchefs. Wir haben im Erzbistum nach meiner Überzeugung im Bereich Intervention und Prävention von sexuellem Missbrauch Vorbildliches geleistet – ich würde sagen: vorbildhaft für ganz Deutschland.

Aber?

All das Positive fällt derzeit in sich zusammen wie ein Soufflé, in das man mit der Gabel pikst. Jetzt fragen die Leute zurecht: „Wie arbeitet ihr das auf, was nicht gut war, wo Verantwortliche nicht richtig gehandelt haben?“ Mag sein, dass dieses Fehlverhalten kein böser Wille war. Umso mehr ärgert es mich dann, wenn diejenigen, die doch wissen, dass ihr Tun und Unterlassen untersucht wird, nicht zwischendurch, schon vor der Veröffentlichung der Ergebnisse sagen: „Also, ich muss aus heutiger Sicht sagen: Ich habe Fehler gemacht, habe Situationen falsch eingeschätzt, bin von falschen Voraussetzungen ausgegangen – und daraus ziehe ich Konsequenzen.“

Also das, was Katholikenausschuss und Diözesanrat fordern?

Ganz genau. In vielen anderen Bereichen übernehmen Führungskräfte sogar politische Verantwortung für Fehler, die sie sich persönlich nicht einmal zurechnen lassen müssen. Bei uns waren Verantwortliche auch persönlich involviert. Daher müssten sie erst recht sagen: Dafür stehe ich ein. Das wünsche ich mir sehr. Denn sonst werden die Wellen der Empörung nach dem 18. März noch höher schlagen.

Kann man den Erzbischof und seinen Generalvikar davon ausnehmen?

Ich halte sie in vielerlei Hinsicht für falsch beraten. Ich weiß nicht, wer das Ohr der beiden hat. Aber ich glaube, man sollte sich manchmal besser auf seinen Verstand und sein eigenes Rechtsempfinden verlassen als auf externen Rat, der nicht immer – im christlichen Sinne – geisterfüllt ist.

Sie erwarten aber konkrete Konsequenzen – bis hin zu Rücktritten?

Darüber kann man jedenfalls nicht erst nach dem 18. März in irgendwelchen Kreisen diskutieren, sondern die Konsequenzen müssen direkt mit dem Erscheinen des Gutachtens benannt und vollzogen werden. Da geht es nicht darum, dass Köpfe gefordert würden. Die Menschen haben vielmehr die berechtigte Erwartung, dass die Befunde der Juristen nach mehrjähriger Arbeit Folgen haben. Den Worten müssen Taten folgen. Wenn es überhaupt noch ein Stück Glaubwürdigkeit gibt, dann hängt sie am 18. März am seidenen Faden.

Und der seidene Faden ist was?

Als Kirche stehen wir unter dem Anspruch des Evangeliums. Die Botschaft Jesu haben schon diejenigen schändlich verraten, die als Priester Verbrechen an Kindern und Jugendlichen begangen haben. Und schuldig gemacht haben sich auch diejenigen, die diese Taten gedeckt, vertuscht und nicht so geahndet haben, wie sie sie hätten ahnden müssen. Dem Anspruch Jesu werden nur die gerecht, die nach seinem Wort handeln: „Was ihr von anderen erwartet, das tut auch selbst.“ Wenn ich erwarte, dass ich nicht belogen werde, darf ich auch selbst nicht lügen. Wenn ich nicht hingehalten werden möchte, dann darf ich auch selbst nicht hinhalten. Wenn ich von anderen Konsequenzen aus Fehlern in unterschiedlichsten Bereichen ihres Lebens erwarte, dann muss ich auch selbst Konsequenzen aus eigenen Fehlern ziehen. Weil viele von uns das nicht tun, sind wir in diese Glaubwürdigkeitskrise geraten.

Wie äußert sich diese Krise?

Sie verdunkelt das Licht der frohen Botschaft, die wir zu verkünden haben und treibt Menschen in Scharen aus der Kirche. Das ist zwar, wie ich finde, nach wie vor der falsche Schritt. Aber ich kann ihn derzeit niemandem verdenken. Ich würde mir nur wünschen, dass diese Menschen zurückkämen, wenn sie die Kirche irgendwann auch wieder anders erleben könnten. Aber das ist zurzeit nur eine vage Hoffnung.

Zuletzt gab es Ärger um Äußerungen von Weihbischof Puff, der Medien Methoden der Nazi-Propaganda unterstellt hat. Sie haben sich davon unter anderem auf Facebook distanziert.

Die Nazi-Keule herauszuholen, finde ich nie gut. Ansgar Puff kann es gemeint haben, wie er will: Wenn er ein Video aufnimmt, dann ist das keine spontane, sondern eine überlegte Äußerung. Da kann und muss man ausschließen, dass etwas falsch verstanden werden kann. Am besten, indem man solche Vergleiche gar nicht erst anstellt. Und es fällt ja in eine Reihe von desaströsen Kommunikationsfehlern: Der Kardinal formuliert eine Entschuldigung, die aber nicht als solche verstanden wird. Das Erzbistum lädt Journalisten für ein Informationsgespräch ein, verlangt ihnen aber eine Verschwiegenheitserklärung ab. Und dann bemüht der Weihbischof auch noch einen Vergleich, den er anschließend nicht so gemeint haben will. Wie beim Schneeballeffekt vergrößert und verstärkt das den Unmut und den Frust.

Wie bewerten Sie das persönlich?

Mir selbst geht es da nicht anders als den Seelsorgern, den ehrenamtlich Tätigen und ungezählten Gläubigen: Wenn ich morgens die Zeitung aufschlage oder die Nachrichten höre, denke ich ein ums andere Mal: Um Himmels willen, doch jetzt nicht auch noch das! Wann hat das Ganze denn mal ein Ende?

Das fragen manche Leserinnen und Leser uns auch. Sie meinen aber damit die ständigen Berichte.

Was? Nein, so meine ich es ausdrücklich nicht. Für das Desaster tragen diejenigen Verantwortung, die es anrichten, nicht die, die davon berichten.

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