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Interview

Magdalena Hinterdobler
„Für meine Stimme ist Strauss einfach fantastisch“

6 min
Eine Frau gestikuliert lächelnd.

Wird die Rolle der Marschallin im „Rosenkavalier“ singen: Magdalena Hinterdobler

Für die Sopranistin gibt es neben ihrem Auftritt im renovierten Kölner Opernhaus ein weiteres Debüt: Sie wird erstmals die Marschallin im „Rosenkavalier“ interpretieren.

Frau Hinterdobler, Sie beteiligen sich in herausgehobener Position, als Interpretin der Marschallin im „Rosenkavalier“, an der Wiedereinweihung des Kölner Opernhauses – und das ist zugleich Ihr Rollendebüt. So was gibt’s doch nicht zweimal in einem Sängerinnenleben, oder?

Also, die Einweihung – das ist in der Tat das erste, aber vielleicht nicht das letzte Mal. In Frankfurt, wo ich im Ensemble bin, soll ja ein neues Opernhaus gebaut werden. Wie das in Köln geworden ist, finde ich total schön. Ich liebe diese 50er-Jahre-Ästhetik, und diese ganze Anlage mit Schauspiel und Kinderoper – es ist alles sehr gelungen. Ich glaube auch, dass die Leute die Oper wirklich in Besitz nehmen können. Schon das Eröffnungsfest hat das Signal gesetzt: Das ist keine elitäre Veranstaltung nur für eine dünne Bildungsschicht. Deshalb ja auch die Idee mit dem ebenerdigen Foyer. Tatsächlich ist Oper eine Kunstform, die jeden ansprechen kann.

Die Marschallin ist, wie gesagt, Ihr Rollendebüt. Damit treten Sie gerade in Köln in große Fußstapfen. Kiri Te Kanawa hat an diesem Haus, am 17. April 2010, ihre Karriere beendet – hintergründig genug mit der Partie der Marschallin.

Ja, das beeindruckt mich sehr. Ich habe früh, als 14‑Jährige, angefangen mit professionellem Gesang, und meine Gesangslehrerin hat mir damals gesagt: Hör dir die Kiri Te Kanawa an, die ist für dich ein gutes Vorbild, weil eure Stimmen ähnlich sind. Deshalb bewegt mich das sehr, dass sie eine meiner Vorgängerinnen war.

Der Gesang der Marschallin hat fast etwas Liedhaftes

Als Sie jetzt das Angebot für die Kölner Eröffnungsproduktion bekamen – was haben Sie da spontan gedacht und gefühlt?

Natürlich fragt man sich sofort: Ist es schon so weit? Es ist ja bei der Marschallin immer die Frage: in welchem Alter…

Strauss und Hofmannsthal setzten das Alter der Figur auf 32…

Ja, da irgendwo. Ich bin jetzt Ende 30, also an der historisch gedachten Figur noch ziemlich nah dran. Die Aufführungstradition sieht aber doch so aus, dass die Marschallin als eine Altersrolle aufgefasst wird. So oder so ist das Wesentliche nicht das Alter, sondern die Interpretation. Es geht nicht um die stimmliche Herausforderung, sondern darum, dass man möglichst viel Emotion in den Phrasen transportiert – und dazu bei fortgeschrittener Gesangskarriere eben auch die Fähigkeit hat. Es gibt da eine unendliche Fülle an Nuancen, die diese Partie so anders machen gegenüber allem, was ich vorher gesungen habe – also der Chrysothemis in Strauss‘ „Elektra“ und der Senta im „Fliegenden Holländer“. Man braucht, glaube ich, ganz andere Voraussetzungen. Bei den anderen Partien kann man sich an den großen emotionalen Ausbrüchen festhalten, während der Gesang der Marschallin etwas Zurückgenommenes, fast Liedhaftes hat.

Tatsächlich ist Oper eine Kunstform, die jeden ansprechen kann.
Magdalena Hinterdobler, Sopranistin

Ihr Stimmfach ist eigentlich das des jugendlich-dramatischen Soprans. Das ist aber die Marschallin nicht, sie ist ein lyrischer Sopran…

(Lacht) Ja, das ist schon eine Herausforderung. Ich muss ungewöhnlich leise Töne finden – wobei einem die Partie allerdings auch die Chance gibt, sich vieles erarbeiten zu können, was sonst auf der Strecke bleibt. Es geht in dieser Oper nicht darum, wer am lautesten singen kann, sondern darum, wer die anrührendsten Klänge findet.

Eine emanzipierte Rolle

Die Marschallin ist eine einzigartige und geniale Erfindung von Hofmannsthal und Strauss. Trotzdem hat auch sie ein Vorbild: die Gräfin aus Mozarts „Figaro“. Sehen auch Sie da Gemeinsamkeiten?

Ich habe die Gräfin nie gesungen – und glaube auch nicht, dass sie jetzt noch kommt, denn das Mozartfach wird ja heute immer leichter besetzt. Ja, ich sehe da schon Ähnlichkeiten – und trotzdem ist Strauss‘ Figur ganz anders. Die Marschallin ist ja sehr emanzipiert, unabhängig – und darin imponiert sie mir auch außerordentlich. Wie das schon losgeht: eine verheiratete Frau mit einem jungen Liebhaber im Bett. Dazu eine Figur des Hochadels mit einem riesigen Hofstaat, die aber nicht herrscht, sondern sich durch einen souveränen Charme auszeichnet, durch eine große, gelassene Grandezza…

Eine Frau erzählt etwas.

Ist Ensemblemitglied der Oper Frankfurt: die Sängerin Magdalena Hinterdobler

Die aber auch von Trauer umflort ist. Der „Rosenkavalier“ gilt zwar gemeinhin als musikalische Komödie, als besonders lustig empfinde ich ihn aber keineswegs.

Das stimmt. Wenngleich es hier – und das ist sehr wichtig – nicht um ein Sterben, sondern um ein Weiterleben in Würde und Selbstachtung geht. Und um die Konfrontation mit dem Phänomen der vergehenden Zeit. Ich für mich würde mich freuen, diese Rolle noch in 15, 20 Jahren singen zu können. Denn es gibt in jedem Lebensabschnitt etwas, wovon man sich verabschieden muss. Das sind eigene Erfahrungen, die in die Interpretation einfließen können. Ich zum Beispiel denke jetzt an die Zeit, da ich Anfang 20 war, Studienalter und so weiter. Das ist vorbei – und ich habe trotzdem nicht das Gefühl, kurz vor dem Tod zu stehen. Verlust ist oft ja auch mit Gewinn verbunden. Und wenn man bei all dem die Gelassenheit der Marschallin aufbringt, dann fragt man sich, zunächst als Zuschauerin, doch auch: Warum kann ich das nicht so machen wie die? Den Flow des Lebens nicht akzeptieren?

Viel Lob für Gürzenich-Dirigent Andrés Orozco-Estrada

Kommen wir noch mal zur Musik. Strauss hat den „Rosenkavalier“ mit dem ausdrücklichen Vorsatz komponiert, nach der hart an der Atonalität vorbeischrammenden „Elektra“ eine Mozart-Oper zu schreiben. Trotzdem ist auch im „Rosenkavalier“ viel Wagner drin. Mozart und Wagner – wie geht das zusammen?

Also, für meine Stimme ist Strauss einfach fantastisch. Wenn ich wieder reinkommen will, singe ich immer irgendwas von Strauss. Für meinen Typ von Sopran ist er der beste Komponist. Die Marschallin ist natürlich noch was Besonderes: Es gibt da diese Konversationsstrecken, dann aber wieder die hochmelodischen Teile. Was unglaublich schwierig ist: das so locker hinzubekommen, dass jeder Text, jeder Rhythmus stimmt – etwa im Dialog mit dem Ochs auf Lerchenau. Es kommt halt oft so leichtfüßig daher, ist aber unheimlich schwer. Schwer ist es auch, in der tieferen Mittellage gut übers Orchester zu kommen.

Wie das in Köln geworden ist, finde ich total schön. Ich liebe diese 50er-Jahre-Ästhetik, und diese ganze Anlage mit Schauspiel und Kinderoper – es ist alles sehr gelungen.
Sopranistin Magdalena Hinterdobler über die renovierte Kölner Oper

Da ist der Dirigent gefragt…

Das kriegt Andrés Orozco-Estrada mit dem Gürzenich-Orchester großartig hin – dass man diesen ganz normalen Konversationston noch haben kann und eben nicht dieses Wagnerhafte. Der Andrés schafft es übrigens – auch dank seiner eigenen musikalischen Sozialisation – ganz toll, die wienerische Walzersphäre lebendig zu machen. Das hat er einfach im Blut.

Eine Inszenierung mit Distanzeffekt

Was ist für Sie die größere Herausforderung: der Monolog am Ende des ersten Aktes – Octavian geht dann ja weg – oder das Frauen-Terzett am Ende des dritten?

Auf jeden Fall der Monolog. Da die Spannung zu halten, über diese Pausen hinüberzukommen, diese Zartheit zu finden – nun ja, ich werde das alles so richtig erst wissen, wenn es so weit ist. Da ist man dann ganz nackt.

Man könnte die Rolle – und die ganze Oper – auch negativ sehen: als Exzess einer dekadenten Adelswelt, die vor Langeweile nicht weiß, was sie noch anstellen soll. Muss uns all das eigentlich heute noch interessieren?

Das kann man vielleicht so sehen. Wobei man sagen muss, dass generell dieses Wiener Rokoko im „Rosenkavalier“ eine hochartifizielle, als solche dort erst erschaffene Welt ist. Also, ich finde es sehr gut, dass die Inszenierung von Marie-Ève Signeyrole das Ganze in unsere heutige Filmbranche verlegt – und allein damit einen Distanzeffekt erzeugt. Da ist die Marschallin die Regisseurin, der Ochs der Producer, der Octavian ein Darsteller. Auf der Bühne wird ein Film gedreht, in dem es um die Autobiografie der – selbst mitspielenden – Regisseurin geht.

Also nichts mehr mit Rokoko-Perücken und Kerzen – wobei die hinzuerfundene Handlung in der Handlung ja geradezu eine Masche des Regietheaters ist.

Na ja, wir sehen mehrere Ebenen, schon mit verschiedenen Epochen und so weiter. Also, das wird sehr gut und spannend. Mehr will ich nicht sagen – warten Sie’s ab.


Magdalena Hinterdobler wurde 1986 in Straubing geboren. Sie studierte Gesang bei Andreas Schmidt und in der Liedklasse von Helmut Deutsch an der Hochschule für Musik und Theater München sowie an der Bayerischen Theaterakademie August Everding. Seit der Spielzeit 2023/24 ist sie Ensemblemitglied der Oper Frankfurt, wo sie unter anderem für ihr Debüt als Eva in den „Meistersingern“ gefeiert wurde. Zuvor war sie Ensemblemitglied der Oper Leipzig, wo sie zahlreiche Wagner-Partien sang. Im vergangenen Sommer war sie erstmals bei den Bayreuther Festspielen als Gutrune, dritte Norn und Helmwige im von Christian Thielemann dirigierten „Ring“ zu erleben. Während des Kölner Operninterims im Staatenhaus trat Hinterdobler dort mehrfach als Gast auf, so als Chrysothemis in Strauss‘ „Elektra“.

Im „Rosenkavalier“, der Eröffnungsproduktion in der sanierten Riphahn-Oper am Offenbachplatz, gibt Magdalena Hinterdobler ihr Rollendebüt als Marschallin. Die Premiere ist am kommenden Sonntag, 16 Uhr. Regie führt Marie-Ève Signeyrole, das Gürzenich-Orchester spielt unter Andrés Orozco-Estrada. (MaS)