Die USA sind am Ende. Diesen Schluss legt das Bühnenbild nahe, das J. Cole für seine diesjährige Welttournee erdacht hat. Zu sehen ist die Nachbildung einer typischen amerikanischen Townhall – allerdings in einer Art Horrorfilm-Setting. Das Rathaus liegt verlassen da, wird allmählich von Efeu bewuchert. Im Hintergrund stehen karge, vereinzelte Bäume, immer wieder sorgen Nebelmaschine und flackerndes Licht für Endzeitstimmung.
Die Townhall ist in den Vereinigten Staaten das Symbol bürgerlicher Emanzipation. In einer solchen wurde die Unabhängigkeitserklärung verabschiedet oder die US-Verfassung unterzeichnet. Sie steht für das Prinzip, dass politische Macht von unten, vom Volk ausgeht. J. Cole hat für diese Verklärung nichts übrig. Seine Musik thematisiert das, was diese Gesellschaft produziert: Armut, Gewalt, Drogenmissbrauch, Rassismus.
Musik über das Leid in den USA
Die Tour ist nach dem gleichnamigen, dieses Jahr erschienenen Album „The Fall-Off“ benannt, was man mit Absturz oder Verfall übersetzen könnte. Kurz nach Beginn des Konzerts am Donnerstagabend fordert der Rapper das Publikum auf, die Mittelfinger in die Luft zu strecken. „Was weißt du schon von meiner Leidenschaft? Was weißt du schon von meinem Schmerz? Was weißt du schon von meinem Kampf?“, heißt es in dem Song „Run a Train“. J. Cole rappt davon, wie es ist, sich seit Kindesbeinen auf den eigenen Überlebensinstinkt verlassen zu müssen, rappt von einer Welt, in der es einfacher ist, sich mit dem Verkauf von Drogen über Wasser zu halten als mit legaler Arbeit, in der Freunde in Bandenkriegen ums Leben kommen.
Diese Welt ist der Ort Fayetteville im US-Bundesstaat North Carolina. Dort wuchs Jermaine Lamarr Cole, der auf einem amerikanischen Militärstützpunkt in Frankfurt am Main geboren wurde, auf. Es haue ihn um, wenn er Konzerte fern der Heimat spiele und das Publikum jeden seiner Songs auswendig mitrappen könne, sagt er in der mit knapp 14.000 Besuchern nahezu ausverkauften Lanxess-Arena. Trotzdem: „Wir kommen von verschiedenen Orten.“ Eine so schöne Stadt wie Köln sei völlig anders als „The Ville“. Er liebe diese Stadt, aber „es gibt immer wieder Momente, in denen ich nicht wieder nach Hause kommen möchte.“
„The Fall-Off“-Tour als Schlussstrich?
Diese innere Zerrissenheit verarbeitet der Rapper in Songs wie „Ville Mentality“, dem sechsten Lied des Konzerts. Es ist eine Mentalität der Verpanzerung. Niemals werde er sich verarschen lassen, niemals seinen Stolz aufgeben, niemals seinen Schmerz zeigen, bekräftigt J. Cole und fragt sich gleichzeitig, wie lange er mit dieser Einstellung noch durchhalten werde. „Verdammt, es wird nicht lange dauern, bis ich verschwinde. Ihr nennt es weglaufen, ich nenne es fliehen.“
Vielleicht ist es die „The Fall-Off“-Tour, die den herbeigesehnten Schlussstrich zieht und den Zeitpunkt besiegelt, an dem J. Cole verschwindet. Vor fünf Jahren postete der Rapper bei Instagram eine Notizbuchseite, auf der er die Stationen der „Fall-Off-Ära“ bis zur Veröffentlichung des Albums markierte. Verschiedene Features und „Revenge of the Dreamers III“, das dritte Kompilationsalbum seines Labels Dreamville, hatte er da bereits durchgestrichen, sein sechstes Studioalbum „The Off-Season“ und ein weiteres Mixtape waren in Planung. „Ich muss hier erst noch ein paar Sachen abhaken, bevor ich abhaue“, schrieb J. Cole.
Die Rettung vor dem Absturz ist Akzeptanz
So ist der Absturz auch ein Szenario, das J. Cole, der als einer der einflussreichsten Rapper unserer Zeit gilt, für sich persönlich durchspielt. Der Spagat zwischen Street-Credibility, dem Druck des Musikgeschäfts und der Verantwortung als Familienvater zieht sich durch „The Fall-Off“. Und der Rapper versteht es, diesen Kontrast künstlerisch zu transportieren.
Das Konzert beginnt J. Cole von der Tribüne aus – mit dem Song „39 Intro“. Ein Scheinwerfer fängt ihn in der abgedunkelten Arena wie zufällig ein. Er sitzt im schwarzen Kapuzenpullover zwischen seinen Fans, singt sanft ins Mikrofon – von der Sehnsucht nach Weite und Ferne, „auf halbem Weg zu den Sternen“. Dann schlägt der Beat um, wird schroff. Und J. Cole singt nicht mehr, sondern rappt im aggressiven Ton, während er sich seinen Weg durch die Menge zur Bühne bahnt. „Ich gehe wieder rein, lasst mich wieder rein.“
Der Ausweg, die Rettung vor dem Absturz, ist die Akzeptanz. Und deshalb ist es J. Cole ein Anliegen, „Love Yourz“ zu spielen – ein Song, der den Vergleichsdruck in unserer Gesellschaft anprangert: „Du wirst niemals glücklich sein, bis du das liebst, was du hast“. Dieses Lied, stellt er kurz vor dem Ende der Show fest, „ist die wahrhaftigste Scheiße, die ich je geschrieben habe.“

