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Musical statt Tanz im Depot 1„Wir machen uns wieder einmal lächerlich“

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Richard Siegals „Ballet of Difference“ wurde vom Kölner Publikum gefeiert – eine eigene Tanzsparte bekam es trotzdem nicht.

Richard Siegals „Ballet of Difference“ wurde vom Kölner Publikum gefeiert – eine eigene Tanzsparte bekam es trotzdem nicht.

Die freie Tanzszene und die Kulturpolitik in Köln blicken mit Unverständnis auf die Vermietung des Depot 1 an ein Musical.

Die Entscheidung, das Depot 1 im Schauspiel Köln zum Musicaltheater umzuwidmen und an die privaten Kulturunternehmer Frank Blase und Marc Schneider für ihr Stück „Kick Like a Woman“ unterzuvermieten, sorgt in der Tanzszene der Stadt weiter für Unruhe und Unverständnis – genauso wie die Kommunikation der Stadt. Bernd Schlenkrich vom Theater im Bauturm ist Vorstandsmitglied im Verein für Darstellende Künste (VDK), der Interessenvertretung für die Freie Tanz-, Theater- und Zirkusszene in Köln.

Darüber, dass die Stadt mit Blase über das Depot 1 verhandelte, sagt Schlenkrich, sei die Freie Szene erst am 22. Dezember vergangenen Jahres vom Kulturdezernenten informiert worden. „Und auch das nicht proaktiv, sondern erst auf unsere Nachfrage nach dem Stand der Dinge.“ In der freien Szene lebe man schon lange länger mit dieser Art von  Kommunikation, nehme sich manchmal nur noch als Spielball wahr und nicht als wertvollen Bestandteil der Kölner Kulturszene. „Trotzdem ist die aktuelle Entwicklung beängstigend. Und wenn Lena tom Dieck [die Projektleiterin der Depot-Neuausrichtung] jetzt behauptet, die Sache wäre mit der freien Szene abgesprochen gewesen, wirft das ein falsches Bild auf die Haltung des VDK. Wir wussten davon gar nichts, mit uns hat niemand gesprochen.“

Mit der Vermietung des Depot 1 seien die Konzepte, die man über einen längeren Zeitraum gemeinsam in der AG Depotopia entwickelt habe, wie im Handstreich weggewischt worden. „Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle Menschen, die an der Arbeitsgruppe beteiligt waren“, sagt Schlenkrich. „Jetzt ist von der ursprünglichen Idee fast gar nichts mehr übrig. Das ist der Tod des Kooperationshauses.“

Die Szene fühlt sich nicht ernstgenommen

An die Hoffnung, dass die Stadt das Depot 1 nach Ablauf des Vertrages mit den Musical-Machern, doch noch dem Tanz überlasse, möchte sich Schlenkrich nicht klammern. „Das ist doch naiv, zu glauben, dass ein Investor nach fünf Jahren brav da rausgeht. Und dass es im nächsten Doppelhaushalt wieder Geld für eine eigene städtische Tanzkompanie geben wird, ist ebenfalls höchst unwahrscheinlich.“

Das Bild zeigt Bernd Schlenkrich vom Bauturm-Theater. (Archivbild)

Das Bild zeigt Bernd Schlenkrich vom Bauturm-Theater. (Archivbild)

Kern der Konzeption sei gewesen, einen Raum für die Entwicklung des Tanzes zu finden. Es habe dabei immer auch die Idee gegeben, die Räumlichkeiten des Depot 1 zu nutzen, vor allem, „damit einige der größten Player in der hiesigen freien Tanzszene endlich einmal in Köln präsent sein können, und auch für Festivalproduktionen“. Jetzt bleibe die Frage, wie viel Zugriff die freie Szene überhaupt auf das Depot 2 haben werde. „Die Dispositionshoheit hat das Schauspiel und wird es als weitere Spielstätte nutzen.“ Das Kooperationshaus, zeigt sich Schlenkrich überzeugt, hätte dringend benötigte Luft geschaffen. Viele der vorhandenen Häuser seien derzeit in ihrer Struktur gefährdet, stünden deshalb weniger für freie Gruppen zur Verfügung, produzieren und spielen auch weniger. Was auch bedeute, dass freie Bühnenschaffende immer weniger Aufträge bekämen.

Mechtild Tellmann vom KulturNetzKöln bezeichnet die Entscheidung ebenfalls als schwierig, weil sie an dem Gremium der AG Depotopia vorbeigegangen sei. In der Szene fühle man sich nicht ernst genommen, wenn es erst einen Ratsbeschluss und eine Arbeitsgruppe gebe, die zwei Jahre lang getagt habe: „Und dann wird uns so etwas einfach nur mitgeteilt. Es wäre schön gewesen, wenn es dazu wenigstens eine Sitzung gegeben hätte zum Thema: Wie geht man das jetzt an, wie könnte das Konzept verändert werden? Denn es existiert ja ein Konzept, das sich auf das Depot bezieht – und davon wird nun nicht mehr allzu viel übrig bleiben können.“ Tellmann betont, in der freien Szene gebe es immer eine Kompromissbereitschaft: „Wir müssen ja ständig Kompromisse eingehen. Insofern sind wir auch gut darin, welche zu finden, mit denen wir auch leben können. Nur müssen solche Kompromisse mit uns besprochen werden. Sie können uns nicht einfach auferlegt werden.“

Fast 70 internationale Kompanien interessierten sich für Köln

Ralph Elster, kulturpolitischer Sprecher der CDU im Rat, findet deutlichere Worte für die Entscheidung: „Jetzt haben wir mal wieder das klassische Desaster rund um den Tanz in Köln.“ Die Ausschreibung habe fast 70 internationale Kompanien begeistert. „Das war eine Wahnsinnschance. Das an einer Million scheitern zu lassen, ist hanebüchen. Da wird ein Bullshit betrieben, um ein paar hunderttausend Euro rausziehen. Leider machen wir uns mit diesem Rohrkrepierer wieder einmal lächerlich“, sagt Elster. „Jetzt haben wir gehört, dass das Musical, das nun Einzug halten soll im Depot 1, noch eine Option hat auf eine Verlängerung. Wenn diese fünf Jahre meint, reden wir von zehn Jahren ohne Tanz. Das ist konzeptionslos“, so Elster.

Eine Kompanie sei nicht das Teuerste. „Wir würden auch Landesförderung bekommen, man hätte in der Stadt schauen können, wo man Geld auftreiben kann. In Genf wurde der Kompanie aufgetragen, 50 Prozent durch Gastspiele selbst einzuspielen. Es ist unglaublich, wie der Ratsbeschluss kassiert worden ist, ohne dass das noch mal neu diskutiert wurde.“ Der Tanz bringe eine hohe Auslastung bei geringen Kosten. Er erreiche ein sehr junges und internationales Publikum. Auch die Infrastruktur mit zwei ausbildenden Hochschulen sei einmalig. Das sei genau das, was man brauche, um den Standort Köln zu beleben. Er verlange von der Verwaltung, dass sie sich Gedanken mache, wie man das organisiere.

Ralph Elster ist kulturpolitischer Sprecher der CDU im Rat der Stadt Köln.

Ralph Elster ist kulturpolitischer Sprecher der CDU im Rat der Stadt Köln. (Archivbild)

„Wir müssen am Offenbachplatz 500.000 Menschen begrüßen. Wir können nicht so weitermachen mit den Zahlen, die wir jetzt haben. Das rechtfertigt die Investitionen nicht. Wir investieren nicht 800 Millionen Euro, dass der Schuppen an 200 Tagen im Jahr dunkel bleibt.“ Er könne sich auch vorstellen, dass man die Kinderoper und auch das große Haus nutze. „Da muss etwas gehen. Die Bühnen selbst müssen auch die Chance begreifen, die im Tanz steckt. Das ist sonst eine Lachnummer, wenn wir uns als Dreispartenhaus bezeichnen“, zeigt sich der CDU-Politiker überzeugt.

Auch die kulturpolitische Sprecherin der SPD, Maria Helmis-Arend, spricht von einem weiteren von mehreren Rückschlägen für den Tanz in Köln. „So wurde beispielsweise das hervorragende Ballet of Difference vor die Tore der Stadt gesetzt. Und dann habe ich über die letzten Jahre beobachtet, dass das Konzept für das Depot immer weiter eingedampft wurde.“ Schließlich sei nur noch eine Art Gemischtwarenladen übrig geblieben. „Wir hatten als SPD-Fraktion die klare Haltung, das Depot als rechtsrheinischen Kulturort für die darstellenden Künste, als Haus für die freie Szene zu etablieren. Und nur für die freie Szene. Unser Vorschlag wurde damals aber von CDU, Volt und Grünen abgelehnt und durch einen aufweichenden Beschluss ersetzt. Was jetzt passiert ist, ist also ein Stück weit auch ein erwartbares Ergebnis der damaligen Entscheidung“, sagt Helmis-Arend.

Kulturdezernent Stefan Charles verteidigt die Entscheidung

Brigitta von Bülow, kulturpolitische Sprecherin der Grünen, wundert sich über die Art, in der die Neuplanung in der Sondersitzung des Betriebsausschusses Bühnen am vergangenen Freitag bekannt gegeben wurde. „Nach meiner Kenntnis war bislang das Depot 2 als Musicalstandort vorgesehen. Auch dass der Carlsgarten neu gestaltet und die Grotte im Carlsgarten abgebaut werden soll, habe ich ebenfalls erst auf der Sondersitzung erfahren.“ Dem Betriebsausschuss als Aufsichtsrat liege dazu keine Beschlussvorlage vor. „Die Arbeitsgruppe Depotopia hat sich lange mit der Zukunft des Depots befasst, und wir haben dazu Beschlüsse gefasst. So wie ich das sehe, gelten diese Beschlüsse so lange, bis neue gefasst werden.“ Sie wünsche sich, so von Bülow, nun erst einmal ein Fact-Sheet zum Vorgang. „Kommunizieren und gemeinsam eine Lösung finden wäre eine gute Möglichkeit.“

Bei den Grünen ist Brigitta von Bülow kulturpolitische Sprecherin. (Archivbild)

Bei den Grünen ist Brigitta von Bülow kulturpolitische Sprecherin. (Archivbild)

Kulturdezernent Stefan Charles verteidigt die Entscheidung hingegen. „Die Alternativen“, so Charles, lauteten, „entweder, nur einen Teil des Depots zu bespielen, oder gar nichts“. Das sei der schwierigen Haushaltssituation der Stadt geschuldet. Hinzu komme, dass der Umzug der Bühnen an den Offenbachplatz bekanntermaßen große zusätzliche Kosten verursache. Das Depot in seiner Gesamtheit zu bespielen, sei in dieser Lage finanziell nicht darstellbar gewesen und die jetzige Lösung sei die bestmögliche. „Wir brauchen ja auch noch die zusätzlichen Mittel von 500.000 Euro pro Jahr, um den Ort überhaupt zu bespielen“, so Charles.

Ursprünglich habe man dem Unternehmer und Kulturveranstalter Frank Blase vorgeschlagen, das Depot 1 anzumieten, der habe sich aber erst jetzt dazu entschieden. Das Depot 2 könne mit viel weniger Aufwand, mit der Hälfte an Technik und Personal, bespielt werden. „240 Zuschauende finden im kleinen Depot Platz, was eine attraktive Größe für viele Produktionen der freien Szene bedeutet“, so Charles. „Wir konnten das Depot für einen wirklich niedrigen Mietpreis für 15 Jahre anmieten, die Nutzung ist also für längere Zeit angedacht. Dieser Kompromiss ist das einzige Modell, das wir im ersten Schritt umsetzen können. Sobald sich der Ort etabliert hat, hoffe ich, dass wir das ganze Depot bespielen können.“