Die Reihe „Sonntags um vier“ setzt auf Niederschwelligkeit. Vielschichtig bleibt das gebotene Programm mit Werken von Bacewicz, Schnittke und Mozart.
Kölner PhilharmonieModerne kann einfach, Mozart komplex sein

Feierte am Sonntag, dem Tag des Konzerts, seinen 22. Geburtstag: Jacques Forestier
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Niederschwelligkeit ist ein neuer Trend in der Klassik, dem auch die Konzerte der Reihe „Sonntags um vier“ in der Kölner Philharmonie folgen, die von der Musikjournalistin Charlotte Oehlschlägel moderiert werden. Anderswo nennt sich das „Relaxed Performance“, man kann zum Beispiel kommen und gehen, wie man will. So etwas geht in der Philharmonie nicht, aber es wurden Postkarten verteilt, auf denen man notieren sollte, „was dich begeistert“. Vier davon wurden vorgelesen: „Klang der Instrumente“, „Singen im Chor“, „Kommen und Genießen“ … Auch die befragten Mitwirkenden der Kammerakademie Neuss wussten kaum mehr zu sagen als „mein Instrument, die Bratsche“ oder „nette Kollegen“. Isabelle van Keulen, die künstlerische Leiterin des Ensembles, bemerkte dagegen: „Komponieren auf dem Niveau von Mozart.“
Dessen Sinfonia concertante Es-Dur KV 364 bildete das Hauptwerk des Nachmittags. Auf die Hörreise wurde das Publikum mit dem Hinweis geschickt, es gehe um ein „Pingpong-Spiel“ zwischen den Soloinstrumenten Violine und Bratsche. Das natürlich auch, doch Isabelle van Keulen am tieferen Soloinstrument und der fantastische junge Geiger Jacques Forestier aus Kanada am höheren zeigten mit den Neusser Musikern vor allem, wie unglaublich vielschichtig Mozarts Doppelkonzert trotz seines vordergründig freundlichen Klanggewands angelegt ist. Wie im ersten Satz die Tuttistimmen und die Soli fein austariert ein filigranes Ganzes ergeben, wie im langsamen zweiten Satz tatsächlich der Dialog von Geige und Bratsche im Mittelpunkt steht und wie der Presto-Schlusssatz mit unaufgeregter Präzision dahinfegt
Geburtstagsständchen für Violonist Jacques Forestier
Jacques Forestier, der an diesem Tag seinen 22. Geburtstag feierte und dem man statt einer Zugabe ein Geburtstagsständchen darbot, fügte sich in den Klangkörper ein, als säße er sonst am ersten oder auch zweiten Pult frei von Allüren und Virtuosengehabe. Isabelle van Keulen nahm man ihr Plädoyer für die Bratsche ab, die Freude an der sonoren Klangentfaltung dieses Instruments in der Alt-Lage, deren Part in puncto Virtuosität dem der Geige in nichts nachsteht.
Zuvor bot das Konzert zwei sehr interessante Miniaturen aus dem 20. Jahrhundert. Den Anfang machte das Divertimento für Streichorchester der polnischen Komponistin, Schriftstellerin und Pädagogin Grażyna Bacewicz. In drei kurzen Sätzen – einem tänzerisch-musikantischen mit zahlreichen Glissandi, einem klagend dissonanten und einem scherzhaften Marsch im 6/8-Takt – entfaltet sich eine fassliche, unterhaltsame Musik. Es ist handwerkliche Spielmusik, fern von jedem avantgardistischen Dogmatismus, ganz ähnlich wie Alfred Schnittkes schlitzohriges „Spiel mit Musik“, das den Titel „Moz-Art à la Haydn“ trägt.
Jacques Forestier und Isabelle van Keulen, diesmal beide an der Violine, warfen sich gemeinsam mit der in zwei kleine Streichorchester aufgeteilten Kammerakademie in einem furiosen Parcours Zitatfetzen von Mozart und Haydn um die Ohren, ehe das Ganze – ganz nach dem Vorbild von Haydns Abschiedssinfonie – im schleichenden Abgang der Musiker endete. Das Fazit dieses Nachmittags: Klassik des 20. Jahrhunderts kann einfach, Mozart dagegen komplex sein.
