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Museum LudwigSelten so schöne weiße Wände gesehen

Das Kölner Museum Ludwig feiert eine Ikone der Fotografie mit einer extrem sparsamen Ausstellung. Geht das Wagnis auf?

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Eine Frau schaut in die Kamera.

Der Kopf zur Violine: Man Rays Aufnahme „Kiki“ (1926) ist im Museum Ludwig zu sehen.

Als Emmanuel Radnitzky, ein mittelmäßig begabter Maler, im Jahr 1918 die Fotografie für sich entdeckte, war die Menschheit zum ersten Mal davon überzeugt, die Welt sei bis in den letzten Winkel durchfotografiert und all ihrer Geheimnisse beraubt worden. Radnitzky, besser bekannt als Man Ray, amerikanischer Champion der Pariser Dadaisten-Szene, zog daraus den Schluss, die Kamera auf die banalsten Dinge zu richten, die er finden oder inszenieren konnte (etwa auf den Inhalt eines ausgekippten Aschenbechers), oder sie wie einen Pinsel zu benutzen: als Werkzeug, um Ungesehenes zu erzeugen.

Seine besten Bilder entstanden in der Dunkelkammer, als magische Tricks, denen er in aller Bescheidenheit den Namen Rayografien verlieh. Manchmal griff er aber auch buchstäblich zum Pinsel, um einer Fotografie das gewisse Etwas zu verleihen. Auf diese Weise entstand etwa seine Ikone, die „Violine von Ingres“ (1924), benannt nach dem französischen Maler Jean-Auguste-Dominique Ingres, der gleichermaßen dafür bekannt war, gerne Geige zu spielen und nackte Frauen im Bad zu porträtieren. Dessen „Große Badende“ stellte Man Ray mit seiner Lebensgefährtin Alice Prin nach, die dem Fotografen so den nackten Rücken zuwandte, dass ihr Oberkörper die Form eines Streichinstruments annahm. Um die Illusion zu vollenden, malte Man Ray ihr die f-förmigen Schalllöcher auf den fotografierten Leib.

Man Rays „Violine von Ingres“ ist seit 2022 die teuerste Fotografie der Welt

Seit vier Jahren ist ein früher Abzug des Motivs die teuerste Fotografie der Welt; er wurde beim Auktionshaus Christie’s für 12,4 Millionen Dollar versteigert. Nicht schlecht für einen schmutzigen Witz auf Kosten des klassischen Kunstgeschmacks: Im Amerikanischen heißen die Schalllöcher „f‑Holes“. Auch das Kölner Museum Ludwig besitzt einen der seltenen, allerdings etwas weniger kostbaren Abzüge der „Violine“, weshalb Miriam Szwast, Fotokuratorin am Ludwig, jetzt eine ganze Ausstellung um das millionenfach auf Postkarten gedruckte Fabelwerk arrangierte. Ein dankbares Thema, denn allein mit der Geschichte des Modells Alice Prin, berühmt geworden als „Kiki vom Montparnasse“, könnte man Ausstellungshallen füllen. Außerdem steht die Karriere, die Man Rays Aufnahme machte, vom obskuren Kunsthandwerk zum Objekt der allgemeinen Begierde, im Grunde für die Fotografie als Ganzes.

Warum bezeichnet Miriam Szwast „Man Ray: Kiki“ dann als Wagnis? Weil sie ihre Ausstellung, dem Konzept der Kölner Fotoraum-Schauen folgend, lediglich aus der eigenen Sammlung bestücken kann. Diese umfasst zwar mehr als 70.000 Werke, aber offenbar nicht genug zum Thema passende Bilder, um mehr als ein Dutzend Originale präsentieren zu können. Selten sah man im Ludwig so viel von den schönen weißen Wänden. Aber geht man dafür ins Museum?

Eine Frau dreht uns den Rücken zu. Sie trägt Schalllöcher wie ein Cello.

Das teuerste Fotomotiv der Welt: „Le Violon d’Ingres“ von Man Ray

Aus dem Wenigen gewinnt Szwast immerhin erstaunlich viel. Im ersten Raum geht es vor allem um Alice Prin, die Man Ray in allen erdenklichen Lagen ablichtete. Das Ludwig besitzt einen Abzug des schönen „Kiki“-Porträts mit großem Schatten, einen solarisierten Rückenakt, bei dem Prins Körper durch massive Überbelichtung zur beinahe abstrakten Form wird, und einen Schnappschuss, auf dem sie verlegen eine andere Ingres-Nackte kopiert. Anders als das Original verdeckt Prin ihre Scham, mutmaßlich, so Szwast, weil ihr aufgrund von Unterernährung die Schamhaare ausgefallen waren. Peinlich war ihr demnach vor allem ihre Armut. Die Kuratorin zeigt diese kleine Aufnahme neben einer Postkarte des Ingres-Aktes und einem Porträt, das Man Ray von seinem Mit-Dadaisten Tristan Tzara machte. Tzara stützt den Kopf auf seinen Arm, wie es Ingres malte, bleibt ansonsten aber hochgeschlossen.

Mit solchen Arrangements wird aus „Kiki“ zwar noch keine handelnde Person. Aber doch mehr als „das Modell“; eine Reproduktion von Prins Gemälde „Die Wäscherinnen“ erinnert zudem daran, dass sie selbst eine (brotlose) Künstlerin war. Andere Exponate, etwa eine Aufnahme des Montmartre von Brassai, wirken hingegen wie Füllmaterial, und der Ausschnitt eines dadaistischen Films, in dem Prins Hinterteil die Hauptrolle zu spielen scheint, fügt dem Klischee des lustigen Pariser Nachtlebens nicht viel hinzu.

Die Geschichte des Kölner Bilds hält noch eine Pointe bereit – leider ohne Beleg

Im zweiten Ausstellungsraum folgt der „Money Shot“, Man Rays „Violine“ aus der Ludwig-Sammlung, flankiert von zwei Reproduktionen, mit denen Szwast die komplizierte Geschichte des Motivs zu illustrieren versucht. Die Ursprungsfassung mit den aufgemalten „f-Löchern“ erschien 1924 in der surrealistischen Zeitschrift „La Littérature“ und gehört heute dem Centre Pompidou. Für den zweiten Abzug arbeitete Man Ray mit dem Negativ und „brannte“ Kiki die Schallschlitze mithilfe von Schablonen in der Dunkelkammer auf den Leib. Allerdings stellte er diese Version, die den Rekordpreis erzielte, wohl erst 1962 in Paris öffentlich aus. Das plötzliche Interesse animierte ihn dann, von einer Reproduktion des an einen amerikanischen Privatsammler verkauften Abzugs ein neues Negativ und davon drei weitere Abzüge zu erstellen; einen davon bekam der Kölner Sammler L. Fritz Gruber, der seine Sammlung später ans Museum Ludwig verkaufte.

Versteht man das alles, ohne eine Führung gebucht zu haben? Vermutlich nicht. Auch Vitrinen, in denen Szwast einen Briefwechsel zwischen Gruber und Man Ray ausbreitet, helfen dem Laien nicht unbedingt weiter, und ein ausgelegtes Magazin, in dem ein Skandal um gefälschte Man Rays verhandelt wird, stürzen diesen vielleicht in zusätzliche Verwirrung. Immerhin lernt man hier, dass perfekte Abzüge von Fotografien, deren Urheber (wie Man Ray) mitunter pfuschten, in der Regel zu schön sind, um wahr zu sein.

Um den Kölner Abzug braucht man sich keine Sorgen zu machen; der ist von Perfektion weit entfernt und macht dies mit der Aura seiner Geschichte wieder wett. Die hat vielleicht noch eine Pointe parat, denn Renate Gruber, die Witwe von L. Fritz Gruber, erzählte zu Lebzeiten gerne, der Rekordabzug habe ihrem Mann bereits gehört. Doch dann habe Man Ray das Bild zurückerbeten, um es nach Übersee zu verkaufen; als Entschädigung bekamen sie die spätere Version. Eine schöne Geschichte, die leider den Makel hat, dass niemand mehr lebt, der sie bestätigen oder widerlegen könnte.


„Man Ray: Kiki“, Fotoraum im Museum Ludwig am Dom, Köln, Di.–So. 10–18 Uhr, bis 13. Juni 2027