Als Gustav Mahler im Mai 1911 starb, lag von seiner letzten Sinfonie nur der Kopfsatz in einer aufführbaren Version vor. Lange Zeit wurde Mahlers „Zehnte“ einzig durch dieses fast 25 Minuten dauernde Adagio repräsentiert, dessen allmählich verlöschender Schluss auf ideale Weise einen sanften Übergang ins Jenseits zu versinnbildlichen schien.
Dass der Komponist die übrigen vier Sätze in Gestalt einer durchgehenden, meist vierzeiligen Partiturskizze hinterlassen hat, war allgemein bekannt. Aber niemand traute sich an diesen geheimnisumwitterten Torso heran. Auch wehrte sich Mahlers Witwe Alma lange Zeit gegen jede Vollendung des Werkes von fremder Hand - nicht zuletzt, weil es darin mehr oder minder deutliche Hinweise auf ihre kriselnde Ehe gab.
Anfang der 60er Jahre gelang es dann doch noch, die greise Rechtsnachfolgerin umzustimmen; seither ist ein ganzes Bündel von Komplettierungsversuchen entstanden, die sich vor allem in den letzten beiden Sätzen ganz erheblich unterscheiden. Hier wird die Quellenlage leider besonders dünn und es bedarf schon einiger Fantasie, aus den dürren Linien der Partiturskizze den Willen des Komponisten zu ermitteln.
Ein Orchester der Weltklasse
Die Urmutter all dieser Versionen hat der britische Musikwissenschaftler Deryck Cooke erstmals 1960 vorgelegt und danach noch mehrfach revidiert; sie lag nun auch beim Gastspiel der Staatskapelle Dresden in der eher schwach besuchten Kölner Philharmonie auf den Pulten.
Dass hier ein Orchester der Weltklasse im Einsatz war, wurde eher an der durchgehend hohen Klangqualität hörbar als an der Spielpräzision, die gegen Ende der gut 80 Minuten dauernden Aufführung doch merklich nachließ. Ganz wunderbar gelang der Beginn des Adagio-Kopfsatzes: Pur und scheu tastete sich die einleitende Unisono-Linie der Bratschen vor; ihre Mündung in den satten, weichen Fis-Dur-Klang des Hauptthemas wurde mit angemessenem Gänsehaut-Effekt zelebriert.
Wo der Komponist noch die Tradition des romantischen Mischklangs beschwört, Streicher und Blechbläser in einem dunkel leuchtenden Bronzeton verblendet, da war die berühmte „sächsische Wunderharfe“ ganz besonders in ihrem Element. Die beim späten Mahler deutlich hervortretenden Spalttendenzen indes, die Groteskwirkungen, das schmerzhafte Gellen der hohen Holzbläser, hatten die Dresdner weniger auf dem Schirm.
Dass die Qualität des Stückes nach dem von Mahler noch selbst fertiggestellten Kopfsatz abnimmt, ist unüberhörbar. Für manche Spannungsflaute trug allerdings auch Chefdirigent Daniele Gatti die Verantwortung - unter seinen Händen wirkten die Formteile eher verklebt als verbunden; es fehlte die große Erzähllinie, die Magie der Übergänge.
Für Mahler-Puristen bleibt das letzte Wort des Komponisten nach wie vor der erschütternde Schluss der „Neunten“. Aber die „Zehnte“ folgte noch einmal einer ganz neuen Konzeption und Form-Dramaturgie; das kann nur eine Gesamtdarstellung des Fragmentes zeigen - so spekulativ die Ausfüllung seiner Freiräume auch bleiben mag.

