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Infrastruktur-AnschlägeLinksextreme Szene in NRW radikalisiert sich zunehmend

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Polizeibeamte der Spurensicherung begutachten im Juli vergangenen Jahres an einem Gleisabschnitt in Düsseldorf sechs Kabel, die durch einen Brandsatz zerstört wurden.

Polizeibeamte der Spurensicherung begutachten im Juli vergangenen Jahres an einem Gleisabschnitt in Düsseldorf sechs Kabel, die durch einen Brandsatz zerstört wurden. 

Die weitaus größte Anteil der Sabotageakte in NRW wird Linksextremisten zugeordnet. Polizeigewerkschafter spricht von „ersten Parallelen zur Gründungsphase der RAF“. 

Um die Stromversorgung zu kappen, haben Unbekannte in einem Umspannwerk in Erkrath bei Düsseldorf einen Brandsatz deponiert. In einer anderen Nacht wurden Telekommunikationsmasten in Langenfeld angesägt, ein Tunnel an der A46 brannte lichterloh. Die Infrastruktur der nordrhein-westfälischen Bahn wurde im letzten halben Jahr gleich 14-mal angegriffen.

Im September 2025 beispielsweise wurden auf der Nord-Süd-Zugstrecke zwischen Köln und Düsseldorf wichtige Signalanlagen zerstört. Unbekannte hatten nachts einen unterirdischen Schacht geöffnet und alle Kabel mit einem Trennschleifer gekappt. Einen Monat zuvor hatten zwei Brandsätze die Strecke zwischen Duisburg und Düsseldorf, mit täglich 700 bis 800 Verbindungen im Fernverkehr bundesweit eine der wichtigsten Trassen, zwei Tage lang lahmgelegt.

2652 Sabotageakte in den vergangenen sieben Jahren

Von 2019 bis Ende 2025 wurden von der nordrhein-westfälischen Polizei 1188 Straftaten mit dem „Oberangriffsziel Infrastruktur“ und 1464 Straftaten mit dem „Oberangriffsziel Handel/Wirtschaft“ registriert. Bei Letzteren wurden in erster Linie die Betriebsmittel und Funktionsfähigkeit von Zulieferern oder Dienstleistungsbetrieben großer Infrastruktur-Vorhaben wie etwa den Braunkohle-Tagebauen in NRW angegriffen.

Der weitaus größte Anteil dieser Sabotageakte wird Linksextremisten zugeordnet. Bei den Infrastruktur-Angriffen sind es 1074, bei den Attacken gegen die Unternehmen aus dem Handel oder der Wirtschaft 1296. Dies ist der Antwort des nordrhein-westfälischen Innenministeriums auf eine Anfrage aus dem Landtag zu entnehmen.

Eine Polizistin sichert Spuren an angebrannten Kabeln in der Nähe von Bahngleisen am Hauptbahnhof Düsseldorf.

Eine Polizistin sichert Spuren an angebrannten Kabeln in der Nähe von Bahngleisen am Hauptbahnhof Düsseldorf.

In Bekennerschreiben versuchen die Linksextremisten, ihr Tun mit unterschiedlichen weltanschaulichen Überzeugungen zu rechtfertigen. Am häufigsten wird ein vorgebliches Engagement für den Klimaschutz genannt. Es werde suggeriert, „die Klimakrise könne nur mit der Beseitigung der derzeitigen Staats- und Gesellschaftsordnung und der Etablierung einer kommunistischen oder herrschaftsfreien, anarchistischen Gesellschaft abgewendet werden“, konstatiert das Bundesamt für Verfassungsschutz: „Gewaltorientierte Linksextremisten versuchen, militante Aktionen und Straftaten als legitime Protestformen innerhalb der Klimaprotestbewegung zu etablieren.“

Terrorakte als angeblicher Kampf für den Klimaschutz

Dies zeigen auch die Bekennerschreiben in NRW, die überwiegend auf der linksextremistischen Internetplattform „de.indymedia“ veröffentlicht werden. In einem Pamphlet vom August vergangenen Jahres beispielsweise heißt es, die Bahnstrecke bei Duisburg sei mit einem Brandsatz angegriffen worden, um „im Rhein-Alpen-Korridor“ die Verbindung wichtiger wirtschaftlicher Regionen Europas vorübergehend zu kappen.

Damit wolle man gegen die Umweltzerstörungen des „industriellen Systems“ protestieren. Anders als die „Mainstream-Umweltbewegung“ versuche die Bewegung nicht, „die Mächtigen“ zu umwerben und mit Argumenten zu überzeugen, sondern setze auf Konfrontation. „Die Zeit, an einer Versöhnung der Seiten zu arbeiten, ist vorbei“, hieß es im Bekennerschreiben.

Autos mit Farbe beschmiert und den Auspuff mit Bauschaum verstopft

Wie absurd die Aktionen dabei gelegentlich sind, zeigt ein Beispiel aus dem Jahre 2023. Auf einem Autozug, der in Bahnhof Herne über Nacht abgestellt wurde, wurden 123 Pkw mit Farbe beschmiert. Bei manchen war der Auspuff auch noch mit Bauschaum verstopft worden.

„Wir feiern das Ende des Carpitalism“, hieß es anschließend im Bekennerschreiben.„Carpitalism“ setzt sich aus dem Englischen „car“ für Auto und „capitalism“ für Kapitalismus zusammen. In dem Text wurden dann die Internationale Automobilausstellung (IAA) in München und der G20-Gipfel der weltweit wichtigsten Industrie- und Schwellenländer im indischen Delhi als Beispiele für unerträgliche „Heucheleien und Verschleierungsstrategien“ genannt.

Die Täter zu finden, ist schwierig

Wer hinter den Anschlägen steckt, ist unklar. Die Ermittlungen im linksextremistischen Umfeld sind schwierig. Dort etwa Quellen anzuwerben, ist für die Sicherheitsbehörden wesentlich schwerer als unter Rechtsextremisten, wo der Hang zum Verrat und zur persönlichen Vorteilsnahme deutlich ausgeprägter ist, sagen Insider.

Da hilft meist auch kein Geld. Nach dem Anschlag auf die Stromversorgung des E-Automobilherstellers Tesla im März 2024, der auch Tausende Haushalte in Brandenburg traf, versuchte das Bundeskriminalamt, die Ermittlungen mit einer Belohnung von bis zu einer Million Euro voranzutreiben - bisher jedoch ohne Erfolg.

Linksextremisten veröffentlichen Anleitungen zum Brandsatz-Bau

Bei Sabotage-Anschlägen in NRW reklamiert häufig das linksradikale „Kommando Angry Birds“ die Urheberschaft für sich. Die bisher unbekannten Mitglieder der Gruppe agieren aus „antikapitalistischen und ökologischen“ Motiven, heißt es beim Verfassungsschutz. Die „Industrie“ werde mit einem „Tumor“ gleichgesetzt, der „neutralisiert“ werden müsse. Die Terrorgruppe veröffentliche zudem „Anleitungen zur Herstellung von Brandsätzen“. In der Hoffnung, dass das weitergegebene Wissen dabei hilft, die „von ihnen verhasste bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung“ zu vernichten.

„Wir merken, dass sich die linksradikale Szene zurückmeldet“, betonte der NRW-Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Erich Rettinghaus, bezüglich der Anschläge auf die nordrhein-westfälische Bahninfrastruktur im vergangenen Jahr: „Wir dürfen nicht nur Rechtsradikalismus entschlossen bekämpfen, sondern auch den Linksradikalismus.“ Die Taten „dieser Gewaltbereiten“ seien „gut kalkuliert und geplant“ und würden „große Schäden anrichten“.

„Die Politik ist ermahnt, nicht wegzuschauen“

„Man kann durchaus von einer neuen Radikalisierung innerhalb der linken Szene, wie wir sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben, sprechen“, so Rettinghaus auf Anfrage: „Auch kann man in der Entwicklung und Radikalisierung erste Parallelen zur Gründungsphase der RAF erkennen.“ Die Politik sei „ermahnt, nicht wegzuschauen“.

Das dies in NRW nicht geschieht, scheint sicher zu sein. Innenminister Herbert Reul (CDU) jedenfalls hat schon mehrfach die Verletzlichkeit der hiesigen Infrastruktur thematisiert sowie linksextremistische Sabotage als Terror-Akte eingestuft. Am kommenden Mittwoch will er bei der Vorstellung des aktualisierten „Lagebildes Linksextremismus“ Informationen und Einschätzungen zu der radikalisierten Szene in NRW öffentlich machen.