Mehr Angebot, bessere Erreichbarkeit: Der VDV fordert von Bund und Land klare Finanzierungsentscheidungen für den Nahverkehr.
Neue StudieWie viel Nahverkehr kann sich NRW noch leisten?

Zwei Regionalzüge fahren in den Kölner Hauptbahnhof ein. Der VDV fordert deutlich höhere Investitionen in den öffentlichen Personennahverkehr von NRW bis zum Jahr 2040. Foto: dpa
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Wie viele Regionalzüge, S-Bahnen, Stadtbahnen und Busse kann sich Nordrhein-Westfalen in Zukunft noch leisten? Reicht das Geld bis 2040 nur noch für das Aufrechterhalten des Status Quo einschließlich von Modernisierungen, oder kann es sich lohnen, Angebot und die Qualität spürbar zu verbessern? Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) spricht von einer Richtungsentscheidung und hat ein neues Leistungsgutachten für das bevölkerungsreichste Bundesland und ganz Deutschland vorgelegt, das beide Szenarien durchspielt. Der VDV ist der Branchenverband des öffentlichen Personen- und Schienengüterverkehrs mit rund 700 Mitgliedsunternehmen, darunter auch die Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB).
Wieviel Geld stecken Bund und Land pro Jahr in den öffentlichen Nahverkehr in NRW?
Im Jahr 2024 waren das 4,48 Milliarden Euro. Das bevölkerungsreichste Bundesland bietet auch das größte ÖPNV-Angebot in Deutschland. Die Fahrgeldeinnahmen decken aber nur 35 Prozent der gesamten Betriebskosten, das liegt knapp über dem Bundesdurchschnitt (33 Prozent).
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Wie sieht das erste Szenario aus?
Beim ersten Szenario geht es lediglich darum, die Substanz zu erhalten und die Qualität zu verbessern. Dabei wird das heutige ÖPNV-System technisch und strukturell erneuert. Konkret bedeutet das die Modernisierung von Betriebshöfen und Werkstätten, die Erneuerung der Fahrzeugflotten von Bahnen und Bussen sowie die Umstellung der Busflotten auf Elektroantriebe. Außerdem sollen zentrale Prozesse digitalisiert und automatisiert werden. Das gilt zum Beispiel für das Ticketangebot. Das Verkehrsangebot wird mit einem Plus von einem Prozent nur leicht steigen, die Nachfrage wegen der demografischen Entwicklung leicht sinken, weil es weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter gibt, die zwischen Wohnort und Arbeitsplatz pendeln müssen. Das gilt vor allem für das Ruhrgebiet und die ländlich geprägten Kreise.
Was bedeutet das für den Finanzierungsbedarf?
Er wird dennoch weiter steigen. Von 4,48 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 8,47 Milliarden im Jahr 2040. Das sind rund 89 Prozent oder rund 250 Millionen pro Jahr. Davon sind 106 Millionen Euro auf die allgemeine Inflation zurückzuführen, heißt es in der Untersuchung.

Schöne neue S-Bahn-Welt: Ein Zug der neuen Generation hält am Bahnhof Köln Messe/Deutz. Bisher allerdings nur auf dieser Computer-Animation. Visualisierung: Alstom/Advanced & Creative Design
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Wohin fließt das Geld?
Vor allem in die zum Teil völlig veralteten Stadtbahnsysteme der Kommunen (plus 146 Prozent), die von Grund auf erneuert und zum Teil auch erweitert werden müssen. Der Betrieb von Regionalzügen und S-Bahn dürfte um 70 Prozent, der Busbetrieb um 86 Prozent teurer werden, weil dort auch teure Neuanschaffungen anstehen. Allein die Modernisierung der S-Bahn-Flotte im Rheinland mit 90 Zügen kostet über eine Laufzeit von 30 Jahren ab 2029 rund fünf Milliarden Euro.
Warum reicht das aus Sicht des VDV nicht aus?
Weil der Nahverkehr damit auf der Stelle tritt. Die Durchschnittsnote würde sich nicht verbessern. Sie beträgt derzeit 3,5. Überdies könnten Ausbauprojekte wie der Rhein-Ruhr-Express (RRX) zwischen Köln und Dortmund, in die schon viel Geld geflossen ist, auf halber Strecke abgewürgt werden. Das gilt auch für den Deutschlandtakt, der für 2040 vorsieht, dass alle großen Städte im Halbstunden- oder mindestens im Stundentakt miteinander verbunden sein sollen. Bei einem Ausbau des Angebots bis 2040 hingegen könnte sie auf 2,1 steigen. Vor allem die ländlichen Gebiete würden spürbar davon profitieren.
Das ist dann wohl ein Bestandteil des zweiten Szenarios.
Genau. Das „Deutschlandangebot 2040“ setzt auf einen flächendeckenden Ausbau des Angebots in allen Regionen. Darunter fallen in NRW neben dem Deutschlandtakt mit einem dichteren RRX-Angebot und Verbesserungen auf der Wupperachse zwischen Köln und Hagen, die gerade für 800 Millionen Euro generalsaniert wird, noch der Ausbau des S-Bahnangebots im Münsterland. Der längst begonnene Ausbau des Bahnknotens Köln zählt natürlich auch dazu.
Was ist bei diesem Szenario mit den Stadtbahnen und dem Busverkehr?
Bei den Bussen sollen auch auf dem Land Mindestbedienstandards eingeführt werden. Das Fahrplanangebot bei Stadtbahnen und Straßenbahnen soll um 40 Prozent steigen, die Sitzplatzkapazität in allen Zügen, Stadtbahnen und Bussen um 79 Prozent. Mit diesem Angebot dürfte sich die Nachfrage bis 2040 laut VDV um mindestens 26 Prozent erhöhen.
Kommen wir zum Geld. Wie teuer wird das? Und wer soll das bezahlen?
Der Finanzierungsbedarf steigt auf 15,67 Milliarden Euro pro Jahr (2040) – also ein Plus von 11,19 Milliarden gegenüber 2024. Pro Jahr müssten rund 700 Millionen Euro zusätzlich ausgegeben werden (plus 8,2 Prozent jährlich). Im Vergleich zur reinen Modernisierung erfordert das „Deutschlandangebot 2040“ zusätzliche 450 Millionen Euro jährlich. Besonders viel Geld verschlingt dabei ein landesweit flächendeckendes Busangebot, vor allem in Regionen, die aktuell noch wenig erschlossen sind.
Was sagt der VDV zu den beiden Szenarien?
Für Alexander Müller, Geschäftsführer ÖPNV beim VDV zeigt das „Deutschlandangebot 2040“, welches Potenzial in NRW steckt. „Bessere Takte, mehr Kapazität, verlässliche Anbindungen – von der Großstadt bis in den ländlichen Raum. Dafür müssen die Finanzströme neu geordnet werden. Das Gutachten liefert die fachliche Grundlage, jetzt sind politische Entscheidungen gefragt.“

Die Finanzierung ist gesichert: Der Ausbau der Bahnsteige für 90 Meter lange Züge auf der Linie 1 soll bis 2035 abgeschlossen sein. Foto: Imago
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Werden wir konkret. Wie sieht die Lage derzeit bei den Kölner Verkehrs-Betrieben (KVB) aus?
Der Stadtwerke-Konzern (SWK) soll der KVB wie berichtet in Zukunft maximal einen Verlust in Höhe von 160 Millionen Euro pro Jahr ausgleichen. Ohne einen solchen Kostendeckel wäre die Bonität der SWK langfristig nicht zu halten. Stadtkämmerin Dörte Diemert, das Mobilitätsdezernat, die SWK und die KVB erarbeiten derzeit mit der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers und einem politischen Begleitgremium ein Konzept, um Geld einzusparen. Dem Vernehmen nach steht dabei aber nicht nur die KVB im Fokus. Auch bei allen anderen Stadtwerke-Unternehmen wird demnach nach Einsparungspotenzialen gesucht – auch bei den Profitablen, wie der Rhein-Energie.
Ist ein Ergebnis in Sichtweite?
Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ laufen derzeit auf allen Ebenen Gespräche, eine spruchreife Lösung ist derzeit aber noch nicht in Sicht. Dabei drängt die Zeit, denn die Entscheidungen werden Einfluss auf die Aufstellung des städtischen Haushalts haben. Je nachdem braucht es zudem politische Beschlüsse. Das könnte zum Beispiel der Fall sein, wenn die KVB ihr Bahn- und Busangebot dauerhaft reduzieren oder die Pläne für den Ausbau des Schienennetzes teilweise auf Eis legen müsste.
Worauf muss sich die KVB einstellen?
Im aktuellen Sachstandsbericht an den Mobilitätsausschuss des Stadtrats geht die KVB davon aus, dass fünf Projekte gesichert und bis 2035 umgesetzt sein werden: der Ausbau der Ost-West-Achse, um dort auf der Linie 1 die bereits bestellten 90-Meter-Züge einsetzen zu können, die Bahnsteigverlängerungen für 70-Meter-Züge auf den Linien 4, 13 und 18, die Verlängerung der Linie 7 bis Zündorf-Süd, die Stadtbahn-Anbindung von Rondorf und Meschenich und der Umbau weiterer Haltestellen, damit sie barrierefrei zu erreichen sind.


