Analyse zum Papst-SchreibenPech für Marx – er muss sich weiter grillen lassen

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Marx darf nicht gehen 100621

Erzbischof Reinhard Marx

Der Brief an Kardinal Reinhard Marx, in dem der Papst das Rücktrittsgesuch des Münchner Erzbischofs ablehnt, ist ein echter Franziskus. Leider, muss man in diesem Fall sagen. Als Jesuit, ganz in der Tradition seines Ordensgründers Ignatius von Loyola, konzentriert – oder besser: reduziert – der Papst individuelles und institutionelles Versagen der Kirche angesichts sexuellen Missbrauchs auf die Frage der persönlichen Läuterung von Amtsträgern.

Gute Vorsätze, sagt der Papst in seinem dreiseitigen Antwortschreiben auf die Eingabe von Marx aus dem Monat Mai, reichen nicht. Man muss auch „das Fleisch auf den Grill legen.“ Das ist eine für Franziskus urtypische Metapher: suggestiv, bildmächtig, aber in ihrer Gewalttätigkeit auch prekär und – ein zweites Mal „leider“ – unterkomplex. In seinem Rücktrittsschreiben hatte Marx dem Papst erklärt, es gehe für ihn „im Kern darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten.“

Dieses Bekenntnis würdigt der Papst in seinem Brief als „christlichen Mut, der sich nicht vor dem Kreuz fürchtet, und der keine Angst davor hat, sich angesichts der schrecklichen Wirklichkeit der Sünde zu erniedrigen“. Für diesen Mut dankt er seinem „lieben Bruder“ gleich zu Beginn.

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Dann belehrt er den Rücktrittswilligen, dass die von Marx festgestellte Krise der Kirche „anzunehmen“ sei. Eine Vogel-Strauß-Politik helfe nicht. Darin ist er sich mit Marx einig – und das kann man auf diejenigen gemünzt lesen, die immer noch die Dimension des Missbrauchsskandals kleinreden. Aber: Auch „Soziologismen und Psychologismen helfen nicht weiter“, fährt Franziskus fort. Damit versetzt er der Frage nach Funktion oder Dysfunktion jeder Form menschlicher Vergemeinschaftung, aber auch der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals einen Tritt mit dem päpstlichen Pantoffel.

Bischöfe Heße und Schwaderlapp warten noch auf Antwort

Die Kirche, so lautet die Auskunft des Papstes übersetzt, ist keine Gemeinschaft wie jede andere. In ihr gelten andere Gesetze. Das ist das klassische Abwehrargument von Gegnern struktureller Reformen, nach denen die Erkenntnisse zu den Ursachen und begünstigenden Faktoren von sexuellem Missbrauch aber geradezu schreien. Es seien nicht „die Untersuchungen, die uns retten werden“.

Rettend sei es allein, sich als Sünder vor Gott zu bekennen. Daraus folgert Franziskus, Marx solle tun, was er nach einem Rücktritt zu tun gedachte: sich verstärkt der Seelsorge widmen und sich einsetzen für eine geistliche Erneuerung der Kirche. „Und genau das ist meine Antwort, lieber Bruder“, schreibt der Papst. „Mach weiter, so wie Du es vorschlägst, aber als Erzbischof von München und Freising.“

Man wird folgern dürfen, dass er damit auch die Rücktrittsangebote des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße (früher Personalchef und Generalvikar in Köln) sowie des Kölner Weihbischofs Dominikus Schwaderlapp abschlägig bescheiden wird. Beide warten seit Mitte März auf Antwort. Für Marx kam sie jetzt überraschend schnell.

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Dass er oder wer auch immer sie nicht verstehen muss, hat der Papst natürlich bedacht. „In brüderlicher Zuneigung“ rät er ihm: „Denk an das, was Petrus im Angesicht des Herrn hörte, als er ihm auf seine Weise seinen Verzicht anbot: »Geh weg von mir, denn ich bin ein Sünder« – und die Antwort hörte »Weide meine Schafe!«“

Bemerkenswert ist, wie Missbrauchsopfer darüber denken. Der Papst moderiere Marx’ „erschütternde Einsicht“ in die Verantwortung für ein „System aus Missbrauch und Vertuschung“ einfach weg, so die Betroffenen-Initiative „Eckiger Tisch“ in einer Stellungnahme. Der Papst nehme Marx’ Angebot die Wucht und entlaste zugleich sein eigenes Amt.

Erzbischof Marx hat Pech gehabt

Pech für Marx. Er muss sich weiter grillen lassen: Mit seinem Verbleib im Amt wird der Blick nun verstärkt auf seine Verfehlungen insbesondere in seiner Zeit als Bischof von Trier fallen. Und auf die Ernsthaftigkeit seines Rufs nach einer umfassenden Erneuerung der Kirche. Darin liegt in der Tat die Last, auch die spirituelle Last der päpstlichen Entscheidung. Doch erstens hätte Franziskus all das auch schon sagen können, als er Marx erlaubte, das Rücktrittsgesuch am 4. Juni bekanntzugeben.

Mit einer Woche Abstand wirkt das Ganze nun wie ein Stück aus dem Jesuiten-Theater: ein geistliches Schauspiel über Schuld und Sühne und Leidensfähigkeit. Und zweitens ist das Bischofsamt weder eine Folterkammer für Märtyrer noch ein Straflager und auch kein Fitnessstudio für geistliche Übungen und fromme Selbstertüchtigung. Wer die Macht des Amtes missbraucht oder unverantwortlich gehandelt hat, der muss auch dafür geradestehen. Ein Rücktritt oder eine Abberufung ist in diesem Sinne die angemessene, die gerechte Reaktion. Ein Zeichen an die Opfer ist es auch: Das Tun und Unterlassen in der Kirche hat Folgen – auch für die Mächtigen.

Folgen für Kölner Kardinal Woelki noch unklar

Bleibt die Frage, was das alles für Kardinal Rainer Woelki heißt. Wenn der Papst Marx im Amt hält, obwohl er gehen wollte – wird er Woelki, der bleiben will, dann nicht erst recht weitermachen lassen?

Die päpstlichen Visitatoren, die schon am Wochenende ihre Inspektion im Erzbistum Köln beenden, werden in ihren Protokollen vieles stehen haben, was nicht nur Woelkis Umgang mit dem Missbrauchsskandal betrifft, sondern auch die Lage eines Bistums, in dem das Vertrauen in den Bischof am Boden liegt. Ob der Papst nach der Lektüre des Visitatoren-Berichts auch seinem Bruder Rainer in Köln ein „Mach weiter!“ als Bußakt für Bischöfe aufgibt, dass ist nicht ausgemacht.

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