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Fall Vincent Kompany18 Stunden Arbeit am Tag - kann das gesund sein?

Nach einem Zusammenbruch des Bayern-Cheftrainers infolge einer Hirnhautreizung fragt sich nicht nur die Fußballwelt, ob deren Protagonisten zu viel abverlangt wird.

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ARCHIV - 12.10.2026, Norwegen, Stavanger: Fußball: Champions League, vor dem Vorrundenspiel Viking Stavanger - FC Bayern München. Vincent Kompany, Trainer vom FC Bayern München, nimmt vor dem Abschlusstraining an einer abschließenden Pressekonferenz teil. (zu dpa: «Spitzentrainer im Fußball: Wie viel Belastung ist zu viel?») Foto: Peter Kneffel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

18 Stunden am Tag für den Fußball. Vincent Kompany hat angekündigt, sein Arbeitspensum zu reduzieren.

Erschienen früher Spieler beim FC Bayern verkatert oder zu spät beim Training, dann versuchte man sie mit einer Geldstrafe wieder auf den Pfad der Tugend zu bringen. Heute droht eine Strafe, die scheinbar mehr schmerzt als der finanzielle Verlust: Sie müssen auf dem Vereinsgelände bleiben, bis Vincent Kompany Feierabend macht. Und das kann dauern.

Der Chefcoach des FC Bayern München gilt als nimmermüdes Arbeitstier. Von 18-Stunden-Tagen ist zu lesen, von Trainingsvorbereitungen, Gegnersondierungen, Umbaumaßnahmen am Leistungszentrum, Besprechungen auch mal abends um zehn, da liegen andere schon in ihren Betten. Sein ehemaliger Trainer bei Manchester City, Pep Guardiola, bescheinigte Kompany ein „unglaubliches Arbeitsethos“. Er selbst sagte in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“: „Mich würde es traurig machen, wenn ich das Gefühl hätte, nicht mein Bestes gegeben zu haben. Ich muss mir das jeden Tag im Spiegel bestätigen können. Dieser Antrieb ist bei mir stets da gewesen.“ Seine Mutter habe ihm mitgegeben, dass es Menschen, deren Migrationsgeschichte man an der Hautfarbe erkennen könne, zweimal so schwer hätten, einen Job zu finden. Deshalb habe er sich schon als Jugendlicher geschworen: „Ab jetzt arbeite ich doppelt so hart, dann werde ich doppelt so gut.“

Die größte Aufgabe von uns ist, ihn zu schützen, auch vor sich selbst
Max Eberl

Nachdem Kompany am Freitag vor einer Woche auf dem Trainingsgelände zusammengebrochen war und ins Krankenhaus gebracht werden musste, erging sich nicht nur die Fußballwelt in Spekulationen. Schon als Kompany am Wochenende zuvor beim Spiel gegen Leipzig nur auf der Bank saß und seinen Co-Trainer Aaron Danks an der Linie coachen ließ, war die Rede von einem „ziemlich saftigen Virus“.

Fünf Tage nach dem Zusammenbruch meldeten sich die Bayern nun mit der Diagnose: „Man hat gefunden, was es ist: Es ist eine Hirnhautreizung, die den Zwischenfall am Freitag heraufbeschworen hat“, sagte Eberl in einer Pressekonferenz vor dem DFB-Pokalspiel gegen Magdeburg. Auslöser können  verschiedene Bakterien oder Viren sein, je nachdem kommen auch unterschiedliche Therapien in Frage. Symptome sind oft starke Kopfschmerzen und die typische Nackensteifigkeit, die auch bei einer Hirnhautentzündung auftritt. Laut Eberl habe Kompany die Klinik bereits verlassen und könne sich nun zu Hause seiner Reha widmen. Die da heiße: „Ruhe und Medikamente“.

Aber was heißt Ruhe für einen Menschen mit so einem Stress-Beruf? Wann Kompany an die Seitenlinie zurückkehrt, ließ Eberl offen und trat energisch auf die Bremse: „Jetzt ist er gerade aus dem Krankenhaus raus. Der Vorfall ist jetzt fünf Tage her. Und jetzt wird schon gefragt, wann ist er wieder da?“ Kompany bekomme „die Ruhe und die Zeit, die er braucht, um gesund zu werden. Und wenn die Ärzte sagen, es sieht gut aus, dann weiß ich, dass er der Erste ist, der sich ins Auto setzt und an die Säbener Straße kommt“, sagte der 53 Jahre alte Eberl.

Der Münchner Sportvorstand widersprach in der ARD der Vermutung, dass Kompanys Kollaps die Folge einer zu großen Belastung sei, der gerade auch Trainer im Profi-Fußball ausgesetzt sind. „Es ist eine Krankheit. Die kann jeder von uns bekommen. Das hat nichts mit dem Druck zu tun, den wir in der Bundesliga haben.“ Der Chefcoach selbst hatte bereits einige Stunden zuvor allerdings angekündigt, nach seiner Auszeit sein Arbeitspensum reduzieren zu wollen und sich vor allem um mehr Schlaf zu bemühen.

Dass die hohe Arbeitsbelastung Kompany geschwächt haben könnte, darauf deutet zumindest eine frühere Aussage Eberls hin, der sich in der Pressekonferenz am Tag nach dem Zusammenbruch eindringlich an den eigenen Verein wandte: „Die größte Aufgabe von uns ist, ihn zu schützen, auch vor sich selbst.“ Eberl schien sich dabei auch an die eigene Geschichte erinnert zu haben. Anfang 2022 gab er seinen Posten als Geschäftsführer Sport bei Borussia Mönchengladbach auf und begründete das mit einem Burn-out.

Kann man gesund sein, gesund werden und bleiben mit einem 18-Stunden-Tag, der auf einen wartet? Noch dazu unter dem Dauerdruck der Öffentlichkeit? An der Uniklinik Köln beschäftigen sich Forscher gerade mit der Frage, wie chronischer Stress das biologische Alter beeinflusst. Ständige Überlastung könnte altersunabhängige Körperveränderungen über verschiedene biologische Mechanismen beeinflussen. Dazu zählen unter anderem eine anhaltende Aktivierung der Stresshormonregulation, Entzündungsprozesse und oxidativer Stress, Veränderungen der DNA-Methylierung, eine Beeinträchtigung der Mitochondrien sowie eine Verkürzung der Telomere. Auch die mitunter nicht idealen Arbeitsbedingungen mit fehlenden Handlungsspielräumen oder fehlenden sozialen Beziehungen rücken dabei in den Fokus.

Müssen Topkräfte also umschulen? Brauchen wir ein System der Doppelspitzen, um Belastung zu teilen? Spricht man mit dem Psychiater Dr. Peter Hotz, Chefarzt an der Tagesklinik am Friesenplatz, dann erfährt man Differenzierteres. „Die Stundenanzahl allein ist nicht das Problem. Ich begegne immer mal wieder Menschen, die so ein enormes Arbeitspensum eher belebt und beflügelt.“ Warnzeichen, dass die Belastung zu viel werde, müsste man deshalb anders messen: Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen, ständige Gereiztheit, Zynismus, Gefühlskälte, Kopf- oder Rückenschmerzen, zählt Hotz auf.

Aus dieser Bewunderung ziehen sie dann wieder den Treibstoff um weiterzumachen, um noch mehr Liebe und Anerkennung zu erreichen
Dr. Peter Hotz, Psychiater

Natürlich sind es nicht nur Managertypen, die diese Symptome niederstrecken, aber gerade erfolgreiche Menschen neigten dazu, sie lange zu verleugnen. Was nach Aussage von Hotz einfach daran liegt, dass es viele Menschen, die als Kind mit einem „hohen Leistungsideal“ aufgewachsen sind, in die öffentlichkeitswirksame Top-Führungsetage schaffen. „Häufig haben diese Menschen als Kind erlebt, dass Eltern Leistung belohnen und mangelnde Motivation oder Unlust mit Liebesentzug bestrafen.“ Als Reaktion erfüllen sie mit großem Ehrgeiz die Ansprüche ihrer Umwelt. „Viele sind dadurch dann sehr erfolgreich, werden bewundert. Und genau aus dieser Bewunderung ziehen sie dann wieder den Treibstoff um weiterzumachen, um noch mehr Liebe und Anerkennung zu erreichen.“ Innerlich bliebe allerdings häufig eine Leere zurück, außerdem ein geringes Selbstwertgefühl. „Solange der Blick immer nur nach außen geht, verliert man das Gefühl dafür, was einem eigentlich selbst guttun würde, was einen persönlich ausmacht“, sagt Hotz.

Häufig lassen sich die eigenen Ideen und Ziele nicht so einfach umsetzen, weil sie sich nicht mit den Grenzen decken, innerhalb derer man agieren kann. „Vielleicht will der Chef was ganz anderes. Dann ist das so, als gäbe der Ferrari dauernd Gas, während aber die Handbremse gezogen ist.“ Zudem sei die Bestätigung nur im Außen zu suchen, statt inneren Überzeugungen zu folgen ein „nie erreichbares Ziel, ein Fass mit Loch“. Der Gedanke, sich mal rauszuziehen, löst dann Panik aus.

Dr. Peter Hotz, Psychiater Köln

Dr. Peter Hotz ist Psychiater und Chefarzt an der Tagesklinik am Friesenplatz

Natürlich könnten nicht nur hochbezahlte Führungskräfte betroffen sein, sondern auch die alleinerziehende Mutter mit einem Job in der Verwaltung. In gewisser Weise könne aber gerade der Spagat zwischen Kindern und Berufstätigkeit als Prophylaxe gegen das Ausbrennen wirken. „Wer so lebt, muss sich abgrenzen, und das ist gut“, sagt Hotz. Dem Arbeitgeber gegenüber, weil die Mitarbeiterin sich ja auch mal um die Kinder kümmern muss. Den Kindern gegenüber, weil die Mutter sich ja auch mal um die Arbeit kümmern muss. „Der zweite Verantwortungsbereich schützt uns dann davor, uns bis zur Selbstaufgabe in eine Sache reinzustürzen, auch wenn er natürlich zusätzlich Kraft kostet.“

Der Weg zum seelischen Gleichgewicht, und das ist eine gute Nachricht für Kompany, aber auch für alle anderen Belasteten, führt meistens nicht zwingend über eine komplette Abstinenz, einen Jobwechsel oder ein Sabbatical. Auf Hotz' Rezept steht da viel Banaleres: zwölf Minuten Auszeit. Und das täglich. Yoga, Spazierengehen, Musikhören, Meditation, sich ein Essen  kochen, Saxofon spielen, die Varianten sind da vielfältig. „Wichtig ist, dass diese zwölf Minuten eingehalten werden, koste es, was es wolle.“ Der Effekt übertreffe die zeitliche Investition bei Weitem: „Die Betroffenen lernen, dass ihre Auszeit keine Katastrophe nach sich zieht, dass sie weiterhin geschätzt werden. Das ist entlastend und erhöht die persönlichen Freiheitsgrade, statt immer weiter einer Möhre hinterherzulaufen, die sie im Zweifel noch nicht einmal haben wollen“, sagt Hotz.

Grundsätzlich unterstütze unser gesamtes Gesellschaftssystem mit dem ihm immanenten Wachstumszwang die Tendenz zur Überhitzung. „Es muss immer alles besser werden“, sagt Hotz. Auch im Fußballgeschäft steigt der Druck. Trainer Felix Magath berichtet in einem Interview mit der „Bild“-Zeitung, er habe selbst mit 40 Grad Fieber noch auf dem Platz gestanden. Zwar sei er dabei nicht zusammengebrochen, aber auch sein Körper habe den Preis zahlen müssen: Seit vielen Jahren lebe er mit einer „Macke am Herzen“. Magath sieht die Gesellschaft sowie die Vereine in der Pflicht, da wieder zu einem vernünftigen Maß zurückzukehren. Von selbst stoppe die Aufwärtsspirale nicht: „Arbeit gibt es im Fußball genügend, man könnte als Trainer Tag und Nacht arbeiten.“

Das ist in anderen Branchen nicht viel anders, wie auch der Psychiater Hotz bestätigt: „Selbst in unserer Klinik, die sich auf die Behandlung von Depression und Stressfolgeerkrankungen spezialisiert hat, stehe ich unter der Erwartungshaltung, immer neue Angebote zu entwickeln und besser zu werden.“

Für die Zukunft ist Hotz trotzdem voller Hoffnung, dass wir zu einem ausgeglicheneren Leben zurückkehren könnten. Schließlich habe man der kommenden Generation beigebracht, dass Gesundheit, Lebensfreude und Selbstverwirklichung wichtig sind. „Meine Kinder wissen längst, dass unser Leben nicht nur dafür da ist, unser schwaches Selbst mit Leistung und Anerkennung von außen zu pimpen. Die ruhen eher in sich selbst.“ Dazu passt dann auch der Zuruf vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit zum Weltmännertag am 3.11.: „Echte „Stärke heißt auch, auf sich selbst zu achten“.

Freunde, Sport, Gesundheit, Spaß, Ruhe, Entspannung, alles Dinge, die ein Mensch braucht und die wir uns für kein Gehalt der Welt kaufen können. Ex-Nationalspieler Matthias Sammer, bis 2016 Sportvorstand beim FC Bayern, kritisierte die Sorge um Kompany in einem Interview mit RTL/ntv und Sky zuletzt als heuchlerisch. Man müsse die „Einsamkeit und Verantwortung“ der Trainer benennen. Auch Menschen wie Kompany seien „verletzlich und können mal krank werden. Aber wir tun gerade so, dass das eigentlich nicht geht. Dann sind wir betroffen.“ Dabei sei ein gesundes und ausgeglichenes Leben nichts, was man einem Menschen abkaufen könne. Nicht einmal mit einem Trainergehalt beim FC Bayern.

Psychiater Hotz drückt es so aus: „Ein Chefcoach vom FC Bayern, der sagt, ‚ich brauche heute mal Zeit für mich, ich geh Billard-Spielen, Training fällt aus‘,  das ist ja geradezu unvorstellbar.“