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Extreme TemperaturenHitzeschutzmaßnahmen im Kreis Euskirchen stoßen an ihre Grenzen

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Eine Seniorin schiebt ihren Rollator über einen Flur. Rechts ist im Vordergrund ein Ventilator zu sehen.

Hitze macht vor allem älteren Menschen zu schaffen. In Altenheimen im Kreis wird dabei vor allem auf die Flüssigkeitszufuhr geachtet.    

Die Hitzewelle hat den Handlungsbedarf offenbart. Doch Kitas, Krankenhäuser und Altenheime auch im Kreis Euskirchen sehen Finanzierungsprobleme.

Tropische Nächte und tagelang Temperaturen von mehr als 35 Grad – und das im Juni. Die Hitzewelle am kalendarischen Sommeranfang hat vielen einiges abverlangt. Auch in der vergangenen Woche kletterten die Temperaturen häufig über die 30-Grad-Marke. Nun kühlt es wieder ab, doch klar ist: Die Hitzewelle im Juni wird nicht die letzte im Kreis Euskirchen gewesen sein.

Klimaforscher gehen davon aus, dass sie künftig häufiger vorkommen. Grund dafür: der menschengemachte Klimawandel. Hitzeschutz, gerade bei vulnerablen Gruppen wird immer wichtiger und in Kitas, Krankenhäusern und Altenheimen im Kreis auch schon umgesetzt. Doch die jüngste Hitzeperiode hat gezeigt, dass das an vielen Stellen noch nicht reicht.

Nicht alle Fenster haben Außenrollladen

Mehr als 30 Grad im Raum und das schon morgens um 8 Uhr. Die Räume in der Kita Blayer Straße der Stadt Zülpich heizten sich im Laufe der Hitzewelle immer weiter auf. Lüften konnten die Mitarbeiterinnen erst mit Dienstbeginn um frühestens 7 Uhr, da waren es draußen bereits mehr als 28 Grad. Hinzukommt, dass in der Kita nicht alle Fenster über Außenrollladen verfügen.

Für Kinder und Erzieherinnen wurden die heißen Tage zur Belastungsprobe. Die Kita Blayer Straße ist einer von sieben Kindergärten, deren Trägerin die Stadt Zülpich ist. In allen Einrichtungen habe man auf die hohen Temperaturen reagiert, berichtet die Stadt Zülpich. So seien die Tagesstruktur an die Hitze angepasst und viele Trinkmöglichkeiten geschaffen worden.

Eltern können ihre Kinder früher aus der Kita abholen

Elektrische Wärmequellen wurden reduziert und Räume, die über 30 Grad aufheizen, sollten nicht mehr genutzt werden. Zusätzlich stattete die Stadt die Einrichtungen mit Ventilatoren und bei direkter, nicht vermeidbarer Sonneneinstrahlung auch mit Klimageräten aus. Ähnliche Maßnahmen ergriffen auch AWO und DRK, die beide zahlreiche Kitas im Kreis Euskirchen betreiben.

Doch wenn es draußen immer heißer wird und es nachts nicht abkühlt, kommt man mit diesen Maßnahmen nicht mehr weit – das hat die Hitze im Juni deutlich gemacht. Sicherlich, Eltern können ihre Kinder auch früher abholen oder gleich ganz Zuhause lassen, nur ist das eben längst nicht in allen Familien möglich. Was wollen die Kita-Träger also langfristig tun, um gegen Hitze besser gewappnet zu sein?

Über Sonnenschutz und Begrünung wird diskutiert

Grundsätzlich sei es schwierig, diese Frage pauschal zu beantworten, sagen alle drei Träger. Schließlich seien alle Gebäude unterschiedlich. Die Stadt Zülpich verweist bei langfristigen Maßnahmen wie Klimaanlagen oder automatischen Lüftungssystemen darauf, dass es dafür ausreichend finanzielle Mittel brauche. DRK und AWO geben hingegen an, über konkrete Maßnahmen nachzudenken.

„Diskutiert werden derzeit unter anderem zusätzliche Verschattungslösungen, Sonnenschutz, Begrünungsmaßnahmen, Verbesserungen bei der nächtlichen Auskühlung von Gebäuden sowie weitere technische und organisatorische Möglichkeiten, die Einrichtungen insgesamt widerstandsfähiger gegenüber Hitze zu machen“, teilt Ralf Krutwig vom DRK-Kreisverband mit.

Wir haben eine sogenannte passive Kühlung über eine Wärmepumpe mit Tiefenbohrungen.
Babsi Großer, Kita Familienbande

Auch die AWO überprüft nach eignen Angaben kontinuierlich, wie der Hitzeschutz verbessert werden könne: „Dazu gehört insbesondere die Installation weiterer Klimageräte in den Einrichtungen, sofern die baulichen und technischen Voraussetzungen dies zulassen.“ Tatsächlich gebe es bereits AWO-Kitas mit fest installierten Klimageräten, auch automatische Lüftungssysteme werden geprüft. Das man es auch bei 38 Grad Außentemperatur einigermaßen kühl haben kann, beweist die von einem Verein betriebene Kita Familienbande in Zülpich.

„Wir haben eine sogenannte passive Kühlung über eine Wärmepumpe mit Tiefenbohrungen. Vereinfacht erklärt: Hier wird Wasser im tiefen Erdreich abgekühlt und dann an die Fußbodenheizungen im gesamten Gebäude übertragen“, berichtet Babsi Großer vom Vorstand des Vereins: „Wir kühlen so den Fußboden auf etwa 20 Grad herab, womit wir im Erdgeschoss am Vormittag die Zieltemperatur von 23 Grad erreicht haben, am Nachmittag bis zu maximal 25 Grad im Erdgeschoss und bis zu 27 Grad im Obergeschoss.“ Ein deutlicher Unterschied zu 34 Grad am Nachmittag in der Kita Blayer Straße.

Trinkwasserspender sind in der Notaufnahme installiert

Sowohl das Marien-Hospital in Euskirchen als auch das Kreiskrankenhaus in Mechernich berichten, dass es während der Hitzewelle ein deutlich erhöhtes Patientenaufkommen in ihren Zentralen Notaufnahmen gegeben habe. Zum normalen Patientenaufkommen stießen dehydrierte Menschen, Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen infolge der Hitze und Patienten mit Vorerkrankungen, die sich durch die heißen Temperaturen verschlechterten.

Das Marien-Hospital habe für solche heißen Tage in der Notaufnahme zwei Trinkwasserspender installiert, berichtet eine Sprecherin. In den Krankenhäusern selbst werde auch baulicher Hitzeschutz diskutiert. Der Einbau außenliegender Verschattungssysteme oder die Installation energieeffizienter Kühl- und Lüftungssysteme seien Beispiele, die mit Förderungen realisiert werden könnten, teilt die Sprecherin weiter mit.

Expertenteam entwickelt Hitzeschutzkonzept

In Mechernich werden nach Angaben von Sprecherin Jennifer Linke bereits der OP, die Intensivstation und die Radiologie klimatisiert. Sie sagt aber auch: „Ein flächendeckender Einsatz von Klimaanlagen in allen Krankenhausbereichen wäre jedoch aus energetischer und ökologischer Sicht nicht zielführend.“

Aktuell entwickele ein Expertenteam das Hitzeschutzkonzept mit Blick auf künftige Hitzewellen weiter. Vor allem nachhaltige Maßnahmen wie Verschattung, optimierte Lüftungskonzepte, angepasste Betriebsabläufe, kostenloses Trinkwasser sowie gezielte bauliche Verbesserungen stünden dabei im Vordergrund. 

Im Seniorenheim kann nachts gelüftet werden

Besonders alten Menschen machen hohe Temperaturen zu schaffen. Im Gegensatz zu den Kitas kann in den Seniorenheimen zumindest nachts gelüftet werden. Problematisch sei allerdings, dass einige Bewohnerinnen und Bewohner auch tagsüber immer wieder die Sonnenrollos und Fenster geöffnet haben, berichtet Malte Duisberg, Geschäftsführer des Evangelischen Alten- und Pflegeheims in Gemünd.

In deren beiden Häusern in Kall und Gemünd sowie im Resi-Stemmler-Haus des Marien-Hospitals in Euskirchen stand bei der jüngsten Hitzewelle vor allem die Flüssigkeitszufuhr im Fokus. Gezielt habe man den Bewohnerinnen und Bewohnern Trinkanreize gegeben, heißt es aus den drei Häusern.

Eis und Wassermelonen für die Senioren

Im Resi-Stemmler-Haus seien für definierte Patientengruppen auch individuelle Infusionskonzepte erstellt worden. In Gemünd und Kall gab es laut Duisberg zusätzlich Eis und Wassermelonen. Zudem seien Gruppenangebote abgesagt oder in den Vormittag verschoben, Sonnenschirme aufgestellt und Räume konsequent verdunkelt worden, teilt Duisberg mit.

Trotz der hohen Belastung durch die Temperaturen sei es aber weder zu Verletzungen noch Todesfällen aufgrund der Hitze gekommen, betont Duisberg. Klimatisiert seien in den beiden EvA-Häusern nur die Schwesternzimmer. Bodenventilatoren sorgten in den Wohnbereichen für eine bessere Luftzirkulation. Die komplette Ausstattung mit Klimaanlagen sei aktuell nicht möglich.

Noch fehlen Ideen

„Hier bedarf es größerer Finanzierungsunterstützung, um entsprechend nachrüsten zu können“, so Duisberg. Diese Entscheidung müsse aber über den Gesetzgeber erfolgen. Als Maßnahme, die man nun selbst ergreifen wolle, nennt Duisburg die Überprüfung aller innenliegenden Sonnenschutzvorhänge auf ihre Wirkung. Darüber hinaus werden derzeit keine langfristigen Maßnahmen diskutiert.

Die Erfahrungen von Kita-Trägern, Krankenhäusern und Pflegeheimen mit der vergangenen Hitzewelle zeigen, dass Hitzeschutz besonders für vulnerable Gruppen ein wichtiges Thema ist. Es wird aber auch deutlich, dass noch Ideen fehlen, wie man nachhaltig und wirtschaftlich verhindert, dass sich bei kommenden Hitzewellen Einrichtungen für Kinder, Kranke und Alte derart aufheizen wie im Juni.

Hitzeschutz ist kein Akut-Thema eines einzelnen Sommers mehr.
Ralf Krutwig, DRK

Die eine und für alle praktikable Lösung wird es wohl ohnehin nicht geben. Ralf Krutwig vom DRK etwa betont: „Hitzeschutz ist kein Akut-Thema eines einzelnen Sommers mehr.“ Es sei entscheidend, nun mit Kommunen, Gebäudeeigentümern und möglichen Fördermittelgebern tragfähige Lösungen zu entwickeln.

Ein entscheidender Faktor dabei wird sein: die Finanzierung. Aktuell ist Hitzeschutz Sache von Kommunen und Ländern. Doch viele fordern nun mehr Engagement des Bundes. So schließt sich etwa die Stadt Zülpich den Forderungen des Deutschen Städtetages an, dass dauerhafte und ausreichende Förderungen von Bund und Ländern für Hitzeschutz und Klimaanpassung nötig sind.

Und das Marien-Hospital unterstützt die Forderung der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Mittel aus dem Sondervermögen gezielt für Hitzeschutz und eine klimaresiliente Modernisierung der Krankenhäuser einzusetzen. Die Bundesregierung aber zeigt sich beim Thema Hitzeschutz aktuell noch sehr verhalten.


Die Zahl der Todesfälle ist am Hitzewochenende moderat gestiegen

Einen „äußerst moderaten“ Anstieg an Todesfällen hat die Kreispolizei Euskirchen währen der Hitzewelle verzeichnet. Dies sei aber kein Vergleich zu den Großbehörden in Köln oder Bonn, betont Sprecher Franz Küpper. Auch konnten die Todesfälle nach bisherigen Erkenntnissen nicht ausschließlich auf die hohen Temperaturen zurückgeführt werden.

„Die Verstorbenen litten überwiegend an erheblichen Vorerkrankungen“, berichtet Küpper. Die klare Feststellung eines Hitzetodes sei sehr schwierig, berichtet Dr. Thomas Mann, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Kreis Euskirchen. In vielen Fällen lasse sich nicht abschließend klären, ob derjenige an oder mit der Hitze gestorben sei. „In Deutschland wird sehr, sehr wenig obduziert“, führt Mann weiter aus.

Was wir machen können, sind statistische Auswertungen.
Dr. Thomas Mann, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes

Dementsprechend wisse man in vielen Fällen nicht genau, woran jemand gestorben sei. „Was wir machen können, sind statistische Auswertungen.“ So habe man in Köln beispielsweise festgestellt, dass an dem Hitzewochenende im Juni im Vergleich zu einem gewöhnlichen Sommerwochenende fast viermal so viele Menschen gestorben seien. Da lasse sich dann ein statistischer Zusammenhang feststellen.

Zwei Tote in indirektem Zusammenhang mit der Hitze gab es auch in Zülpich: Ein 85-Jähriger wurde tot aus dem Wassersportsee geborgen und ein 39-Jähriger ertrank im Neffelsee. „Das waren keine Hitzetote, sondern Badeunfälle“, betont Mann. Sicherlich häuften sich diese auch bei steigenden Temperaturen.

Ein Schlauchboot mit Tauchern der DLRG fährt über einen See.

Zahlreiche Einsatzkräfte waren bei der Suche nach dem 39-Jährigen im Neffelsee vor Ort.

Am letzten Juni-Wochenende dieses Jahres starben laut DLRG bundesweit mindestens 26 Menschen bei Badeunfällen – alles Männer. „Toxische Männlichkeit und Selbstüberschätzung – das ist das Problem“, fasst Mann es zusammen. Er sei selbst Schwimmer und beobachte immer wieder, wie Menschen sich selbst zu viel zu trauten.

An die Eigenverantwortung appelliert Mann mit Blick auf kommende heiße Tage. Kühl aufhalten, viel trinken und nicht zu viel Anstrengung lauten seine Tipps. Jeder und jede könne dafür Sorge tragen, dass das Gesundheitssystem nicht noch mehr belastet werde. Denn: „Wir waren auch hier an der Kapazitätsgrenze.“ Infos zum Eigenschutz bei Hitze gibt es auch beim Kreis Euskirchen.