Am Nordrand von Küppersteg liegt ein ehemals zum Schloss Reuschenberg gehörender Forst. Seit 100 Jahren werden auf dem Friedhof dort Tote bestattet.
FriedhöfeAuf dem Reuschenberg ist der größte Begräbnisort Leverkusens

Ein großer Park, der auch Friedhof ist: So präsentiert sich der Friedhof Reuschenberg mit seinen Eichen, Buchen und Ahornbäumen.
Copyright: Peter Seidel
Um kurz nach 10 Uhr läutet die Glocke der Trauerhalle mit hellem Ton auf dem Friedhof Reuschenberg – Zeichen dafür, dass ein Verstorbener aus der Halle hinaus zu seiner letzten Ruhestätte gebracht wird. Die Parkplätze direkt vor und links neben dem Haupteingang zum Friedhof sind gut belegt. Besucher kommen und gehen. Mitarbeiter eines Gartenbauunternehmens mähen im Auftrag der Stadt die Rasenflächen. Das Knattern von Motoren, die Bewegungen von Menschen auf den Wegen, zwischen den Bäumen vermischen sich mit dem Rauschen, das manchmal aus dem Blätterdach über dem Besucher in 15, 20 Metern Höhe zu vernehmen ist, und Vogelgezwitscher. Wer das große Holzkreuz links des Eingangs passiert und den breiten, geraden Hauptweg in Richtung Trauerhalle entlanggeht, verlangsamt unwillkürlich den Schritt.
Vor allem Eichen, Buchen und Ahornbäume säumen die Wege. An einem Eichenstamm hängt in mehreren Metern Höhe ein Nistkasten für Fledermäuse. Das zwanzig Hektar große Gelände auf dem Reuschenberg ist Friedhof und Park zugleich. Und der Friedhof feiert in diesem Jahr ein rundes Jubiläum: Vor 100 Jahren, 1926, wurden hier die ersten Toten beigesetzt. Jedenfalls hält ein Zeitungsartikel aus der Mitte der 1960er Jahre dieses Jahr für den Beginn der Bestattungen fest.

Ein Fledermauskasten auf dem Friedhof Reuschenberg
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Heute ist der Friedhof zwischen Küppersteg und Opladen nicht nur der größte, sondern auch der einzige, der alle Bestattungsformen anbietet, wie Carina Schlößer, stellvertretende Betriebsleiterin der städtischen Friedhöfe, bei einem Rundgang erzählt. Es gibt sogar drei Grabfelder ohne städtische Gestaltungsvorschriften. Die sind für Urnen- oder Sarggräber ansonsten sehr genau: Bei einem Urnenwahlgrab von einem mal einem Meter Fläche müssen zum Beispiel 30 Prozent, bei einem Erdwahlgrab von 1,20 Meter Breite 50 Prozent für Bepflanzung unversiegelt bleiben.
Auf den besonderen Feldern ist das nicht so. Die Gräber hier dürfen etwa komplett mit Marmorplatten bedeckt sein, was etwa bei Roma-Familien sehr beliebt ist. Ebenfalls bei Roma sehr beliebt: Einzel- oder Familiengruft. Eine dieser Gruften sorgte auf dem Reuschenberg vor Jahren für Probleme, denn, unsachgemäß angelegt, sackte sie, als ein weiteres Familienmitglied in der Gruft bestattet wurde, seitlich ab. Stahlträger sichern die Konstruktion. Die Friedhofsverwaltung versorgt sich für die Bestattung in einer Gruft ständig mit einem, geringen Vorrat an Fertiggruften, um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein.
Für die Natur auf dem Friedhof kooperiert die Stadt mit dem Naturschutzbund Deutschland und dem Naturgut Ophoven. Ob die Siebenschläferfamilie, die sich in den Bäumen am Erdlager neben der Trauerhalle auf dem Friedhof angesiedelt hat, das wusste, ist nicht bekannt. Aber jedenfalls lebt sie jetzt da. Viele Grabfelder sind nur sehr locker mit Gräbern belegt, der breite, gepflasterte Weg führt für uns in Richtung auf den nordwestlichen Rand des Friedhofsgeländes. Ein Grabfeld ist mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. „Da nisten Erdbienen“, erläutert Schlößer. Hier wird erst mal niemand beerdigt.

Eine Blühwiese auf dem Friedhof Reuschenberg
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Ein paar Schritte weiter klärt ein Schild in einer bunt blühenden Wiese mit hohen Gräsern den Friedhofsbesucher auf und bittet, das blühende Areal nicht zu betreten. Am nordwestlichen Rand zeigt eine Inschrift auf einem großen Naturstein den besonderen Charakter des mehrere Meter breiten Grabfeldes an. Carina Schlößer weist mit der Hand nach links am Zaun entlang, der den Friedhof begrenzt: „Dieser ganze Bereich ist für anonyme Bestattungen. Der älteste Teil ist komplett mit Urnen belegt, aber auch noch viele weitere Flächen.“
Hier werden unter anderem Menschen beerdigt, die ohne Nachkommen gestorben sind oder für deren Bestattung jedenfalls niemand Verantwortliches aufzutreiben ist. Aber es gibt auch Bürgerinnen und Bürger, die testamentarisch eine anonyme Bestattung festlegen. Ihre Beerdigung, in den allermeisten Fällen ihre Asche in einer Urne, relativ selten gibt es aber auch anonyme Sargbestattungen, erfolgt meist frühmorgens, ohne Trauergemeinde. Die Asche von 54 Männern und Frauen wurde so 2025 zu Grabe getragen, 16 Menschen anonym in Särgen beerdigt.

Das anonyme Grabfeld auf dem Friedhof Reuschenberg
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Die Stadt selbst sorgt jedoch dafür, dass ihre Namen nicht völlig in Vergessenheit geraten. Einmal jährlich im Oktober wird ihrer in einer Gedenkfeier auf dem Friedhof gedacht. Im Beisein des Oberbürgermeisters werden alle Namen der anonym bestatteten Toten eines Jahres verlesen und für jeden und jede wird eine Kerze entzündet.
Manchmal lassen auch Freunde eine Plakette mit dem Namen des oder der hier bestatteten Toten anfertigen. „Die Leute organisieren die Plakette und wir kleben sie dann an eine der Stelen hier“, erläutert Schlößer.

Ein muslimisches Grab auf dem Friedhof Reuschenberg
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Hier im nördlichen Teil des Friedhofs ist auch das Grabfeld für muslimische Bestattungen. Es ist nicht exklusiv Muslimen vorbehalten, auch Menschen anderen Glaubens könnten hier beerdigt werden, so Schlößer. Eine Besonderheit ist aber, dass alle Gräber nach Mekka ausgerichtet sind. Eine weitere hat mit der Begräbnistradition in muslimisch geprägten Kulturen zu tun: Es gibt keine Grabpflegevorschriften, „wohl aber Gestaltungsvorschriften“, sagt Schlößer.
Die stellvertretende Friedhofschefin wünscht sich für das Gelände auf dem Reuschenberg insgesamt ein Mehr an Möglichkeiten. „Unser Ziel wäre, ein bisschen mehr Leben auf den Friedhof zu bringen“, sagt sie. In anderen Kommunen Nordrhein-Westfalens sei etwa Fahrradfahren auf Friedhöfen erlaubt, Hunde dürften – an der Leine – mitkommen. „Dann könnten Eltern am Wochenende mit ihren Kindern hier Radfahren üben“, sagt Schlößer.
Auch einen Kinderspielplatz könnten Schlößer und ihre Kollegen in der Friedhofsverwaltung sich hier vorstellen. Und ein Café: Eine Gaststätte auf dem Friedhof war sogar schon in den 60er Jahren Thema. Die städtischen Planer brachten sie als Option ins Spiel, als der Reuschenberg zum Leverkusener Zentralfriedhof ausgebaut werden sollte.
Auch der Plastikmüllflut auf dem Friedhof möchte Schlößer entgegenwirken, verursacht etwa durch die Grablichter, die in Kunststoffhülsen stecken. Das Thema werde mit den LED-Grablichtern immer schlimmer. „Wir sammeln die Batterien aus dem Müll. Aber es gibt biologisch abbaubare Grablichter. Die brennen auch zwei Tage. Und die könnte die Stadt in einem Automaten am Eingang zum Kauf anbieten.“ Leider seien jedoch alle diese Überlegungen unter den Fachleuten der Friedhofsverwaltung bisher am Widerstand der Politik gescheitert.

Den Gedenkort für Sternenkinder markiert eine schlichte Stele.
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Auf dem Weg zurück in Richtung Haupteingang des Friedhofs kommen wir an einer freien Fläche rechts des Hauptweges vorbei. Eine schlichte, zweigeteilte Stele aus Naturstein steht dort mitten auf der Wiese, in einem mit Naturstein eingefassten Rechteck. Drumherum liegen Steine – oft in Herzform – mit Vornamen. Bunte Windspiele stecken im Erdreich, daneben stehen kleine Engelsfiguren: „Das ist der Gedenkort für Sternenkinder“, erklärt Schlößer. Dass es diesen Ort der Erinnerung an tot geborene oder kurz nach der Geburt gestorbene Kinder hier auf dem größten städtischen Friedhof gibt, daran hatte die Verwaltung im Frühjahr die Grünen erinnert, als diese eben einen solchen öffentlichen Gedenkort forderten. Auch auf dem katholischen Friedhof in Quettingen steht seit vielen Jahren eine Stele, die an Sternenkinder erinnert.

Das Grabfeld für Kindergräber auf dem Friedhof Reuschenberg
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Ein paar Schritte weiter, auf der anderen Seite des Wegs, ist ein Grabfeld Kindergräbern vorbehalten. Ansonsten gibt es die nur noch auf dem Friedhof Birkenberg. Kinder bis zum Alter von fünf Jahren werden hier beerdigt, auch Fehl- oder Totgeburten. Die Grabstellen sind mit 60 Zentimetern Breite und einem Meter Länge viel kleiner als die für Erwachsene. Schlößer weist darauf hin, dass einige dieser Kindergräber offenbar seit Längerem nicht mehr besucht wurden, während andere einen frisch gepflegten Eindruck machen. „Für mich ist das in gewisser Weise ein Zeichen dafür, dass die Eltern des Kindes mit dessen Tod abgeschlossen haben, also vielleicht irgendwie darüber hinweggekommen sind, wenn so ein Grab auch mal einen etwas naturbelasseneren Eindruck macht.“
Auf dem Weg hinaus liegt links das Grab der zwölfjährigen Angelina, die Ende Januar 2025 bei einem Autounfall in Opladen ums Leben kam. Es ist über und über mit Grablichtern, Blumen, Herzen, bunten Windlichtern und Schmetterlingen bedeckt.
Zentralfriedhof der Stadt
„Der Platzmangel auf den Leverkusener Friedhöfen ist prekär geworden. Wenn nichts geschieht, darf in einem knappen Jahrzehnt keiner mehr sterben.“ Das schrieb am 13. Januar 1965 die „Kölnische Rundschau“ über die fehlenden freien Grabstätten in Leverkusen in einem Artikel, der sich im Stadtarchiv findet. Unter der Überschrift „Die Stadt macht den Toten Platz“ berichtet der Autor über den Plan des damals erst seit einem Jahrzehnt kreisfreien Leverkusen, einen Zentralfriedhof anzulegen und damit der Platznot Abhilfe zu schaffen: im Reuschenberger Wald, wo es seit 1926 einen mit sechs Hektar freilich deutlich kleineren Friedhof gab. 34 Hektar groß sollte der Gottesacker werden. Nach der Empfehlung des städtischen Bauausschusses für den neuen Großfriedhof von November 1961 wurden im Herbst 1964 dafür dann schon mal 20 Hektar Wald kahlgeschlagen.
Eine städtische Delegation hatte sich für den Plan eines Zentralfriedhofs Anregungen in Münster und Bremen geholt. 1968 wollte man mit der Anlage des neuen Friedhofs fertig sein, bei Kosten von sechs Millionen Mark. Den Verkehr zum und vom Zentralfriedhof sollte die noch zu bauende Landesstraße 293 aufnehmen. Die Trasse war nördlich des Mühlenwegs parallel zu diesem gedacht.
Doch dazu kam es nie. Nach Januar 1965 muss ein Umdenken in der städtischen Politik eingesetzt haben. Womöglich erreichten den Stadtrat zu viele Beschwerden aus den Stadtteilen von Bürgern, die für den Besuch bei toten Familienangehörigen weite Wege fürchteten. Leverkusen hat sieben dezentrale städtische, vier katholische und einen jüdischen Friedhof. Die Größe der Anlage auf dem Reuschenberg drückt sich auch in der Zahl der Beerdigungen aus. 2025 wurden hier 472 Tote beerdigt. Die Zahlen für die weiteren Friedhöfe: Manfort – 273, Scherfenbrand – 235, Birkenberg – 224, Lützenkirchen – 93, Bergisch Neukirchen – 83 und Mülheimer Straße – 73 Beerdigungen.
Statt 34 hat der Friedhof Reuschenberg knapp 20 Hektar Fläche. Und, da war sich der Autor der „Kölnischen Rundschau“ schon vor 61 Jahren sicher, ist heute in besserem Zustand als vor dem Kahlschlag: „Der Waldbestand, der teilweise aus üblen Sträuchern und krummen Bäumchen bestand, soll schöner als zuvor werden.“ (ps)
