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Künstler aus Leverkusen zwiegespaltenWenn die Maschine die Kunst übernimmt

7 min

Dieses Bild wurde mithilfe von KI erstellt. Die Anweisung lautete, die Diskrepanz zwischen der Leverkusener Künstlerszene und der KI darzustellen.

KI ist immer mehr in den Alltag von vielen Menschen integriert. So auch in der Leverkusener Kunstszene.

„Was ist der perfekte Einstieg für einen journalistischen Text über ‚Künstliche Intelligenz in der Kunst‘?“ Das wollte die Redaktion von einer Künstlichen Intelligenz wissen. Die Maschine auf der anderen Seite des Meeres aus Einsen und Nullen antwortet prompt: „Künstliche Intelligenz malt, komponiert und schreibt – und stellt damit die vielleicht grundlegendste Frage der Kunst neu: Wer ist der eigentliche Schöpfer?“

Was Journalistinnen, Künstlern und Musikern Stunden und Nerven kostet, erledigt die Maschine in Momenten – mal besser, mal schlechter, aber immer ohne Zögern. Spätestens der Chatbot ChatGPT – entwickelt vom US-amerikanischen Unternehmen OpenAI und seit Ende 2022 öffentlich zugänglich – hat diese Entwicklung beschleunigt wie kein anderes Werkzeug zuvor. ChatGPT ist ein sogenanntes Sprachmodell: Es wurde mit Milliarden von Texten aus dem Internet trainiert und kann Fragen beantworten, Texte schreiben, komplexe mathematische Aufgaben lösen, übersetzen, zusammenfassen – und eben auch Kunstwerke entwerfen oder Musikstücke schreiben. Seither folgten ähnliche Systeme für Bilder, Musik und Video. Die Frage, die sich bei all dem aber stellt, ist dieselbe: Unterstützt die Künstliche Intelligenz die Kreativität eines Individuums – oder bedroht sie sie? Dazu haben Menschen aus der Leverkusener Kunstszene dieser Redaktion ihre Eindrücke geschildert.

Luna Keller hat zumindest in der Musik eine klare Haltung. Die Leverkusener Singer-Songwriterin verweist auf den fehlenden Schaffensprozess: „Die Menschen, die beschließen, einfach mit einem Knopfdruck Kunst zu machen, berauben sich selbst der Möglichkeit, den kreativen Prozess zu leben. Die Geschichte hinter einem Song ist für mich fast so wichtig wie der Song selbst, und bei KI-Liedern fehlt diese Form von zwischenmenschlicher Verbindung. Und dann sind da noch ethische Fragen. Sehr viel KI wurde mit Daten von Künstlern trainiert, die dafür nicht entlohnt wurden. KI verändert die kreative Industrie jetzt schon, aber ich denke, dass von Menschen gemachte Kunst sich davon nicht ersetzen lässt.“

Laut einer Studie der US-Investmentbank Morgan Stanley aus dem Januar 2026, die diese jährlich macht, um Hörgewohnheiten festzustellen, hören rund 36 Prozent aller Befragten regelmäßig KI-generierte Musik – durchschnittlich fast zwei Stunden pro Woche. Unter den 18- bis 44-Jährigen konsumieren zwischen 50 und 60 Prozent wöchentlich bis zu drei Stunden davon. Das Entscheidende: Die meisten tun das, ohne es zu wissen, da es oft nur Hintergrundmusik in den Sozialen Medien ist.

Eine andere Studie des Marktforschungsinstituts Ipsos (mit Sitz in Paris, eines der weltweit größten seiner Art) belegt das mit erschreckender Präzision: Von 9000 Befragten konnten 97 Prozent nicht zuverlässig unterscheiden, ob ein Song von einem Menschen oder einer Maschine stammt. Generative KI – also jene Art, die auf Befehl selbst etwas erzeugt – wird mit riesigen Mengen menschlich geschaffener Inhalte trainiert: Millionen von Bildern, Musikstücken und Texten finden ihren Weg ins Datenkonstrukt. Daraus extrahiert die KI statistische Muster und kombiniert sie auf Befehl neu. Was herauskommt, wirkt oft verblüffend gut. Im Netz hat sich dafür längst ein Begriff etabliert – „AI Slop“: massenweise generierter, beliebig wirkender KI-Content, der Soziale Netzwerke flutet und kaum noch von echten Inhalten zu unterscheiden ist.

Museum Morsbroich steht vor Herausforderung

Damit wird sich auch zwangsläufig das Museum Morsbroich auseinandersetzen müssen. Seit Jahrzehnten ist es die wichtigste Adresse für zeitgenössische Kunst in Leverkusen. Die dortige Kunstvermittlerin Lucia Riemenschnitter hat den Einzug der Maschine in den Arbeitsalltag bereits selbst erprobt: In einem Projekt für blinde und seheingeschränkte Besucher ließ sie Gemälde von einer KI beschreiben. Das Ergebnis war verblüffend – systematisch, detailgenau, Farbe für Farbe. „Es war eigentlich viel genauer, als ein Mensch es hätte machen können“, sagt sie. „Aber der emotionale Aspekt blieb auf der Strecke – das, was ein Bild in mir auslöst, fehlte.“ Dass KI in irgendeiner Form in den Ausstellungsräumen auftauchen wird, hält sie für wahrscheinlich: „Kunst greift ja immer gesellschaftliche Themen auf.“ Die Frage nach der Autorenschaft beantwortet sie klar: „Wenn jemand etwas mit KI erschafft und das als sein eigenes Werk verkauft, ist das Betrug. Wenn man aber offen damit umgeht, die KI als Werkzeug nutzt, um etwas Neues zu erschaffen, kann daraus auch ein Kunstwerk entstehen.“

Lucia Riemenschnitter ist die Kunstvermittlerin im Museum Morsbroich Leverkusen. Hier geht sie mit den von ihr betreuten Kindern und dem Künstler Harald F. Müller durch das von Müller neu gestaltete Foyer und Treppenhaus des Museums.

Lucia Riemenschnitter ist die Kunstvermittlerin im Museum Morsbroich Leverkusen und soll die Kunst an Interessierte verständlich weitergeben

Norbert Kaluza hat darauf eine pragmatische Antwort gefunden. Der Leverkusener Keramikkünstler fotografiert seine fertigen Skulpturen und lässt sie schon mal von der KI analysieren. „Es kamen unheimlich schmeichelhafte Sachen raus, da bin ich immer etwas skeptisch.“ Also wurde er präziser. „Wenn ich sage, ich hätte gerne eine kunsthistorische Analyse, dann bekomme ich wirklich vernünftiges Zeug.“ Die KI analysiere Elemente, Materialien, Formen, ordne ein und stelle Bezüge her – und man könne sich tatsächlich mit ihr unterhalten. Als Sparringspartnerin im Zweifel schätze er die Maschine besonders: „Ich sage dann zum Beispiel: Ich empfinde, die Skulptur ist noch nicht fertig. Ich würde sie gerne bemalen – was hältst du davon? Und dann bekomme ich eine Liste von Pro und Kontra, mit der ich mich auseinandersetzen kann.“

Kaluza ist nicht nur bildender Künstler, sondern schreibt auch. Häufig zu seiner eigenen Kunst. Dort zieht er eine Grenze: „Ich habe meinen eigenen Stil. Was von der KI rauskommt, ist geglättet – damit fühle ich mich nicht wohl. Das Schaffen selbst, der Prozess – das ist nicht ersetzbar. Auch nicht bei Schriftstellern, auch nicht bei Musikern.“ Das gelte auch für seine Arbeit mit Keramik, die für ihn etwas Therapeutisches habe, scherzt er.

Britta Reinhardt kennt jene Grenze auch, nur hat sie diese anders erfahren. Die Leverkusener Malerin nutzt eigentlich keine KI, bis ihr Webdesigner für ihre neue Internetseite vorschlug, ein KI-generiertes Bild dort zu platzieren. „In Sekunden war ein Raum geschaffen.“ Staunen war das erste Gefühl der Malerin. Dann kam etwas anderes. „Man sah, dass irgendwas nicht stimmte. Ich kann gar nicht sagen, was mir daran nicht gefallen hat. Aber er war für mich nicht ganz authentisch. Da habe ich gemerkt: Das bin ich nicht.“

Was Reinhardt beschreibt, ist das Einbüßen einer gewissen Individualität. Studierende können ganze Hausarbeiten von der KI schreiben lassen, Bewerbungen und E-Mails können in Sekunden generiert werden, Werbespots in der ARD-Pause während Olympia stammten von der KI statt von Grafikdesignern. „Es fallen viele Sachen weg, wo früher Menschen dahinter waren. Heute geht das alles schneller. Aber wo führt das hin?“, fragt sich die Künstlerin. „Dieses Zwischenmenschliche fehlt mir“, sagt Reinhardt. „Wir sägen da alle an unserem Existenzast.“

Land NRW bietet KI-Weiterbildung an

Rechtlich sei die Lage noch weit hinter der Realität, findet Reinhardt. „Da fehlt noch ganz viel an Transparenz. Dass man KI kennzeichnen muss, dass man irgendeine Art von Vergütung bekommt, wenn die eigenen Werke verwendet werden.“ Die Fütterung der KI-Systeme mit urheberrechtlich geschützten Werken ohne Wissen der Urheber hält sie für ein strukturelles Problem: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass da viel genommen wird – und wir Künstler gar nicht wissen, dass unsere Sachen da drin sind. Im Endeffekt ist es eigentlich Diebstahl.“

Künstlerin Britta Reinhardt (2.v.r.), ihr Partner Hamouda Benzaid (2.v.l.) und das Musiker-Duo Sami Fatih (r.) und Axel Vanlerberghe.

Der Staat beobachtet die Entwicklung. Das zeigt das Kompetenznetzwerk K3 – kurz für KI, Kunst, Kultur –, das das Land NRW seit Anfang 2026 fördert und 23 Institutionen aus Kultur, Hochschulen und Kulturpolitik verbindet. In der Projektförderung von Medienkunst unterstützt das Land Projekte, die KI einsetzen oder thematisieren; etwa am Theater an der Ruhr in Mülheim, wo mit Mitteln des Ministeriums eine eigene Programmlinie für neue Technologien in der künstlerischen Produktion entstand.

Ein Sprecher des Kulturministeriums erklärte dieser Redaktion diesbezüglich: „Künstliche Intelligenz bedeutet für Künstlerinnen und Künstler eine große Chance – und ist gleichzeitig in manchen Bereichen auch eine riesige Herausforderung. Viele fragen sich, was die Entwicklungen für ihren Beruf bedeuten. Wir unterstützen unsere kreativen Köpfe, indem wir das Wissen über KI in Kunst und Kultur besser vernetzen und nutzbarer machen.“ Dabei seien Vergütung und Urheberrecht die drängendsten offenen Fragen. Das K3-Netzwerk soll „bis 2028 mit zwei Millionen Euro gefördert werden, die zum Aufbau einer Geschäftsstelle und den Ausbau von Weiterbildungsangeboten ab Herbst 2026 sowie von künstlerischen Residenzen ab 2027 in unterschiedlichen Kultursparten“, so der Sprecher weiter.

Die KI, die am Anfang des Textes zu einem guten Einstieg gefragt wurde, wurde auch nach einem guten Ende und einer guten Pointe gefragt. Ihre Antwort: „Wer schöpft, wer erfindet, wer fühlt – das sind keine technischen Fragen. Solange die Antwort darauf noch seitens der KI zögert, gehört sie dem Menschen.“ Die Betonung dürfte dabei auf dem Wort „solange“ liegen.