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120 Jahre Baptisten in LeverkusenWie ein junger Pastor den Blick nach vorn richtet

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Pastor Enrico Klee (44) möchte seine Gemeinde in die Zukunft führen und vor allem Kinder und Jugendliche einbinden.

Pastor Enrico Klee (44) möchte seine Gemeinde in die Zukunft führen und vor allem Kinder und Jugendliche einbinden.

Die Baptisten feiern in diesem Jahr ihr 120-jähriges Bestehen in Leverkusen. Der junge Pastor Enrico Klee möchte seine Gemeinde zukunftssicher machen.

Eine Kinderspiel-Ecke und Sofa im Kirchenraum, moderne Lieder auf dem Konzertflügel und ein gemeinsames Essen oder Volleyballspiel nach der Messe: Wer die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (EFG) an der Gustav-Freytag-Straße in Wiesdorf besucht, trifft nicht auf eine Gemeinschaft, die sich in ihrer Vergangenheit verliert. Dabei hätte sie aktuell dazu allen Grund: Die Baptisten feiern in diesem Jahr ihr 120-jähriges Bestehen in Leverkusen. Stattdessen richtet Pastor Enrico Klee den Blick vor allem nach vorn.

Der 44-Jährige steht seit 2023 an der Spitze der Gemeinde. Als Nachfolger des in Ruhestand gegangenen Pastors bewarb er sich auf die bundesweit ausgeschriebene Stelle und wechselte aus Ostwestfalen nach Leverkusen. Dass er einmal Baptistenpastor werden würde, war keine große Überraschung. „Ich komme aus einer baptistischen Familie, damit bin ich aufgewachsen“, sagt Klee, der Evangelische Theologie studierte. Heute führt er eine Gemeinde mit 127 Mitgliedern und zahlreichen Freunden, deren Geschichte bis ins Jahr 1906 zurückreicht.

Vom Wohnzimmer zur Kirchengemeinde

Begonnen hat alles mit kleinen Stubenversammlungen in Opladen durch Ludwig Friderici und seine Ehefrau. Einige Gläubige trafen sich damals privat zum gemeinsamen Beten und Bibellesen über einer Backstube. Daraus entwickelte sich über Jahrzehnte eine feste Gemeinde. 1932 wurde an der Manforter Straße die Christuskapelle eingeweiht, 1966 wurde in das neu erbaute und bis heute bestehende Gemeindezentrum in Wiesdorf umgezogen.

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Dieses Foto eines Männerchors der Baptisten stammt aus den Gemeindechroniken.

Dieses Foto eines Männerchors der Baptisten stammt aus den Gemeindechroniken.

Die Geschichte verlief nicht immer geradlinig: Während der NS-Zeit wurden Gottesdienste kontrolliert, der Pastor und viele weitere Gemeindemitglieder wurden eingezogen, von denen nicht alle wiederkehrten. Pastor Klee blickt auf diese Zeit durchaus kritisch zurück. „Unsere Kirche hat sich in der Zeit des Nationalsozialismus nicht mit Ruhm bekleckert“, sagt er offen. Zu lange habe man die tatsächliche Entwicklung des Regimes unterschätzt. Gleichzeitig erzählt die Geschichte der Gemeinde auch von Menschen, die Verantwortung übernahmen. So soll ein Hausmeister 1944 während eines Luftangriffs unter Einsatz seines Lebens eine Brandbombe entfernt und dadurch größeren Schaden an der Kapelle verhindert haben. Da es die Kirche der  Nachbargemeinde, der Freien evangelischen Gemeinde Leverkusen-Wiesdorf („FeG“) schlimmer getroffen hatte, fanden die Gemeinde für mehrere Jahre Zuflucht und man teilte sich die Räumlichkeiten.

Das Gemeindezentrum an der Gustav-Freytag-Straße 1 besteht seit 1966 und feiert in diesem Jahr ebenfalls rundes Bestehen (60 Jahre).

Das Gemeindezentrum an der Gustav-Freytag-Straße 1 besteht seit 1966 und feiert in diesem Jahr ebenfalls rundes Bestehen (60 Jahre).

„Es gibt ein großes Engagement innerhalb der Gemeinde, Gastfreundschaft und immer wieder eine starke soziale Ader“, sagt Pastor Enrico Klee. Diese zeigt sich bis heute: Seit rund drei Jahrzehnten wird jede Woche mit der „FeG“ der „Sonntagstreff“ organisiert, bei dem obdachlose und sozial benachteiligte Menschen in Wiesdorf eine warme Mahlzeit erhalten. Nach Beginn des Ukraine-Krieges stellte die Gemeinde für zweieinhalb Jahre ihre Räume für eine Familie mit neun Kindern zur Verfügung und unterstützte sie später beim Umzug und der Renovierung in ein eigenes Haus.

Nachwuchsarbeit im Zentrum der Gemeinde

Besonders wichtig ist Klee die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Während viele Kirchen über Nachwuchssorgen klagen, investiert die Gemeinde bewusst in junge Angebote: Jeden Sonntag findet parallel zum Gottesdienst ein Kindergottesdienst für Drei- bis Zwölfjährige statt und es darf gespielt werden: Drinnen gibt es einen Tischkicker, draußen Fußball. Für Teenager ab 14 Jahren gibt es regelmäßige Treffen. Gemeinsam wird gekocht, gespielt oder Sport gemacht. „Wir versuchen, junge Menschen aktiv einzubeziehen“, sagt Klee.

Die Christuskapelle in Manfort war der erste Kirchenbau der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (EFG) in Leverkusen.

Die Christuskapelle in Manfort war der erste Kirchenbau der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (EFG) in Leverkusen.

Das zeigt sich auch in der Musik. Im hellen Gemeindesaal stehen ein Konzertflügel und ein Schlagzeug. Moderne Kirchenlieder gehören längst selbstverständlich zum Programm. „Natürlich gibt es manchmal Diskussionen darüber“, sagt der Pastor mit einem Lächeln. „Aber wir wollen bewusst auch neue Lieder singen. Als wir zu Weihnachten mit der elektrischen Orgel ‚Oh du Fröhliche‘ gesungen haben, haben wir festgestellt, dass die Orgel nicht mehr zu uns passt.“

Wir sehen uns als Familie, in der jeder herzlich willkommen ist.
Pastor Enrico Klee (44)

Auch Menschen mit Migrationsgeschichte finden in der Gemeinde ein Zuhause. Seit Anfang des Jahres darf eine türkisch-armenische Gemeinde jeden Sonntagnachmittag ihre Gottesdienste in der Freikirche abhalten, weil sie keine eigenen Räumlichkeiten haben. „Wir sehen uns als Familie, in der jeder herzlich willkommen ist“, sagt Pastor Klee.Regelmäßig besuchen Christen aus dem Iran die Gottesdienste oder sind feste Gemeindemitglieder geworden. Predigttexte und Lieder werden teilweise ins Farsi übersetzt, manchmal gibt es sogar Simultanübersetzungen und spezielle Gottesdienste. Für Klee sind Erzählungen aus ihrer Heimat bewegend: „Jede iranische Familie hat in der Verwandtschaft jemanden, der ins Gefängnis gekommen ist oder ermordet wurde. Wir können über die Religionsfreiheit in Deutschland froh sein“, so der junge Pastor.

Sein Wunsch für die Zukunft klingt deshalb erstaunlich schlicht. Wenn die Gemeinde eines Tages ihr 150-jähriges Bestehen feiert, sollen vor allem viele Kinder durch die Räume laufen. „Mein Traum ist eine quirlige Gemeinde, in der junge und ältere Menschen gut miteinander leben“, sagt Klee. „Kindergeplapper darf man dabei ruhig hören.“


Baptisten in Leverkusen

Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde (Baptisten) wurde 1906 gegründet. Anders als in den evangelischen Landeskirchen taufen Baptisten Menschen erst nach einem persönlichen Glaubensbekenntnis. Das Gemeindezentrum an der Gustav-Freytag-Straße 1 besteht seit 1966 und feiert in diesem Jahr ebenfalls Jubiläum: Das Gebäude wird 60 Jahre alt. (chb)