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Kuratorin des Museums Morsbroich„Kunst ist nicht nur ein schönes Bild über einer Couch“

Die 46-jährige Kielerin Thekla Zell ist seit 2020 Kuratorin des Museums Morsbroich.

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Seit fünf Jahren ist Thekla Zell Kuratorin des Museums Morsbroich.

Seit fünf Jahren ist Thekla Zell Kuratorin des Museums Morsbroich.

Seit fünf Jahren ist Thekla Zell Kuratorin des Museums Morsbroich. Im Interview sprach die Kielerin über die Bedeutung von Kunst gerade in diesen Zeiten, ihre Arbeit und die Auswirkungen der Leverkusener Finanzkrise darauf.

Woher kam Ihr Interesse an Kunst und welche Rolle hat es für Sie in der Kindheit und Jugend gespielt?

Zell: In meiner Familie war Kunst etwas ganz Normales. Meine Eltern haben sich beide hobbymäßig viel mit Kunst beschäftigt und ich habe früh als Kind angefangen zu malen und Objekte zu machen. In der Schule hatte ich Kunstleistungskurs und wollte mich ursprünglich an einer Kunstakademie bewerben, um freie Malerei oder freie Kunst zu studieren. Durch eine tolle Kunstlehrerin bin ich dann erstmals mit Kunstgeschichte in Berührung gekommen und war total begeistert. Nach der Schule habe ich Kunstgeschichte und Germanistik studiert, zuerst in Augsburg, und nach einer Babypause dann in Stuttgart und später die Promotion in Kiel.

Was bedeutet der Beruf der Kuratorin? Was ist das Besondere an dem Job?

Meine Aufgaben in Morsbroich bestehen aus zwei Bereichen. Der eine Bereich ist das Konzipieren einer Ausstellung, also: Welches Thema wollen wir zeigen und warum? Dazu zählt unter anderem, die Ausstellungsidee vollständig umzusetzen, von der Geldbeschaffung über die Erstellung des Programms und die Verhandlung von Leihverträgen bis hin zur Installation in den Räumen. Auf der anderen Seite bin ich zuständig für die Sammlung Malerei, Skulptur und Installation des Museums. Hier bin ich zum Beispiel auch verantwortlich für den Leihverkehr, das heißt, welche Werke wohin verliehen werden. Wir erhalten viele Anfragen von externen Museen weltweit und prüfen dann mit Restaurator:innen, ob diese speziellen Kunstwerke reisen dürfen. Abhängig vom Werk, reise ich auch selbst mit und bin dabei, wenn die Kunst ausgepackt und in den Museen an die Wand gehängt wird. Letztens war ich in Madrid und Barcelona, um ein Werk von Gerhard Richter zu begleiten. Das Besondere ist für mich, dass der Beruf sehr abwechslungsreich ist. Für mich ist kein Tag gleich, weil ich bei jedem Projekt und jeder Ausstellung mit anderen Menschen zusammenarbeite. Man stellt sich immer wieder neuen Herausforderungen und lernt permanent dazu.

Woher kommen die Ideen für Ausstellungsthemen?

Die kommen aus der Gegenwart. Wir verfolgen genau, was in der Gesellschaft, in der Politik und in der Kunst passiert. Ich schaue mir sehr viele Ausstellungen von zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern an und verfolge, was sie machen. Die Kunst, die wir hier zeigen, muss zur programmatischen Ausrichtung des Hauses und zu den Räumlichkeiten bei uns passen.

Was heißt das?

Wir verstehen uns als ein Haus, das etablierte Positionen zeigt, aber auch jüngere Künstler:innen, die experimenteller arbeiten. Unsere Räume sind keine klassischen Museumsräume und bieten sich nicht für große Installationen an. Wir laden oft Künstlerinnen und Künstler ein, ortsspezifische Installationen zu machen, extra für die Räume. Bilder von Claude Monet würden wir hier beispielsweise nicht zeigen. Zum einen sind sie nicht zeitgenössisch, zum anderen verfügen wir nicht über die notwendige Klimaanlage zum Schutz der Bilder. Dafür bieten sich unsere Räumlichkeiten für Kunst an, die viel Licht braucht, da wir große Fenster haben.

Was ist für Sie die größte Herausforderung an dem Job?

Momentan gibt es zwei große Herausforderungen. Die eine ist die finanzielle Lage der Kultur allgemein und insbesondere hier in der Stadt, die es einem schwer macht, zu planen. Die andere Herausforderung ist eine politische. Ich mache mir große Sorgen, wie sich die Gesellschaft radikalisiert und verändert und demokratische Werte in Frage gestellt werden. Die Freiheit der Kunst ist für mich essenziell, Politik und Staat dürfen sich nicht in Inhalte und Programme einmischen.

Das Museum steht auch immer wieder wegen der niedrigen Besucherzahlen in der Kritik. Wie erklären Sie sich das und wie wirken Sie dem entgegen?

Die Besucherzahlen sind durch Corona eingebrochen und es ist schwer, sich davon zu erholen. Aber aktuell steigen die Zahlen. Wir versuchen auf allen Wegen, dass möglichst viele Menschen zu uns kommen, das ist unser Ansporn. Es gibt zum Beispiel einmal im Jahr die Morsbroicher Kunsttage. Das ist ein langes Wochenende, an dem der Eintritt frei ist und wir ein ganz vielfältiges Programm zeigen. Wenn ich mit Menschen ins Gespräch komme, merke ich, dass viele das Schloss zwar kennen, zum Beispiel von Hochzeiten, aber gar nicht wussten, dass wir auch ein Museum sind. Auch Kooperationen mit anderen Häusern helfen, mehr Besucher:innen auf Morsbroich aufmerksam zu machen. Im nächsten Jahr werden wir eine Doppelausstellung zur kürzlich verstorbenen Künstlerin Rune Mields zusammen mit der Kunsthalle Gießen organisieren, die dadurch ein breites Publikum an beide Orte bringen soll.

Wieso ist es für Kulturbetriebe so schwer, sich von dem Corona-Einbruch zu erholen?

Ich glaube, es hat den Museen geschadet, dass sie bei den Corona-Schutzverordnungen teilweise in eine Kategorie mit Freizeitbelustigungsinstitutionen, wie zum Beispiel Casinos, gruppiert wurden. Dabei sind Museen ebenso Orte der Bildung. Die Vorstellung, dass Museumsbesuche zwar nette Freizeiterlebnisse sind, man sie aber nicht unbedingt braucht, hat einen Imageschaden hinterlassen. Und hier liegt ein grundlegendes Problem vor, das man auch in der aktuellen Situation der Stadt sieht: Solange Kultur eine freiwillige Leistung der Städte und Kommunen bleibt, wird sie in finanziell schwierigen Situationen, wie der, in der sich jetzt Leverkusen befindet, hintenangestellt. Das vermittelt einen minderen Stellenwert, der suggeriert, man könne auf Kultur verzichten – das halte ich für sehr problematisch.

Warum?

Weil Kultur von Grund auf mit dem Menschen verknüpft ist. Schaut man sich die Geschichte der Menschheit an, sieht man zugleich eine Geschichte der Kultur. Ich verstehe es als ein Grundbedürfnis, dass Menschen sich kreativ und visuell äußern. Kunst ist ein Medium der Kommunikation und nicht nur ein schönes Bild über einer Couch. Da steckt für mich zugleich auch eine ganze Gesellschaftsstruktur dahinter, Werte, Politik, Themen der Zeit. Anhand der Kunstgeschichte sieht man, was die Menschen zu bestimmten Zeiten beschäftigt hat. Das Museum Morsbroich hat sich vor 75 Jahren gegründet, um die zeitgenössische Kunst und damit auch zeitgenössische Gesellschaftsfragen zu thematisieren.

Was ist das Besondere an der Gründungsgeschichte des Museums Morsbroich?

1951 hatte die Leverkusener Politikerin Bertha Middlehauve die Initiative gestartet, ein Museum in dem damals unbewohnten Schloss Morsbroich zu eröffnen. Und zwar eines, das sich mit der Kunst der Gegenwart beschäftigt. Das war damals eine absolute Ausnahme und auch umstritten. Morsbroich ist das erste neu gegründete Museum für Gegenwartskunst in Deutschland nach 1945. Es hatte den ganz konkreten Anspruch, basierend auf demokratischen Werten, jegliche Art von Kunst zu zeigen, unabhängig von Richtungen und Stilen. Also auch eine ganz klare Anti-Nazi-Haltung, das Gegenteil von dem, was während der Nazidiktatur passierte, als man Kunst für Propagandazwecke missbraucht hat. Und deswegen betonen wir regelmäßig, gerade jetzt im 75. Jubiläumsjahr des Museums, wie wichtig es ist, dass es solche Orte gibt – Orte, die auch frei von wirtschaftlichen Faktoren eine Existenzberechtigung haben, weil sie Orte der Gemeinschaft sind. Es gibt eine Definition vom International Council of Museums (Icom), was ein Museum ist. Unter anderem steht dort, dass ein Museum eine Institution im Dienst der Gesellschaft ist, die nicht gewinnorientiert ist, die demokratische Werte vertritt, nachhaltig, partizipativ, divers und inklusiv ist. Das versuchen wir hier zu leben und erinnern uns immer wieder daran.

Was wünschen Sie sich für die nächsten sechs Jahre?

Ich wünsch mir, dass sich die finanzielle Situation entspannt, damit wir planen können und weiter anspruchsvolle Ausstellungen und Programme durchführen können wie bisher. Natürlich wünsche ich mir auch, dass noch mehr Menschen zu uns kommen. Auch Leverkusener:innen, die noch nie hier waren. Jede:r ist hier willkommen, auch bei einer Ausstellungseröffnung. Viele wissen nicht, dass man für eine Eröffnung keine Einladungskarte braucht, Eröffnungen kostenlos sind und es keinen Dresscode gibt. Man kann kommen, wie man ist, und hat die Möglichkeit, spontan reinzuschauen und für sich zu erkennen, ob die Ausstellungen einen interessieren und man wiederkommen möchte. So zum Beispiel auch bei unserer nächsten Ausstellung. Die Ausstellung verknüpft die besondere Geschichte von Morsbroich als ehemals bewohntes Schloss über neun zeitgenössische Installationen mit der Gegenwart und befragt das Museum als neutralen Raum.

„Das Schlafzimmer der Baroness. 9 Zimmer | 9 Gäste“, Eröffnung am Sonntag, 29. November, um 12 Uhr.