Beim Besuch des Umweltbusses erforschten rund 30 Kinder die Tierwelt der Wupper.
Umweltbus-AktionstagMit Kescher und Lupe den Geheimnissen der Wupper auf der Spur

Mit Kescher und Gummistiefeln sucht Moritz (6) in der Wupper nach kleinen Wasserbewohnern.
Copyright: Charlotte Breidohr
Moritz stapft in seinen Gummistiefeln am Ufer der Wupper entlang. In der Hand hält der Sechsjährige eine Kunststoffdose, gefüllt mit Wasser, Schlamm und kleinen Larven. „Ich habe mit meinem Team schon eine ganze Schüssel Tiere gesammelt“, sagt er stolz. Mit dem Kescher und einem Pinsel habe er sie vorsichtig gefangen. Nur bei den kleinen, matschigen Exemplaren bleibt Moritz vorsichtig: „Die möchte ich nicht anfassen. Aber die größeren finde ich interessant.“
Seine Großmutter hatte ihm den Ausflug zum „Lumbricus“, dem Umwelt- und Forscherbus der Natur- und Umweltschutz-Akademie Nordrhein-Westfalen, vorgeschlagen. Eingeladen zu der vierstündigen Aktion am Mittwoch hatte auch der Naturschutzbund Leverkusen. Moritz war sofort einverstanden: Er wollte die Tiere in der Wupper erforschen. Nun steht er mit rund 30 weiteren Kindern auf der Schusterinsel in Opladen und erlebt den Fluss aus einer ungewohnten Perspektive. Statt nur auf die Wasseroberfläche zu schauen, suchen die jungen Forscher zwischen Steinen, Pflanzen und Schlamm nach den oft übersehenen Bewohnern des Gewässers.
Ein rollendes Labor bringt die Natur näher
Mit Keschern, Pinseln und Behältern ziehen die Kinder im Alter von sechs bis 13 Jahren gemeinsam zur Wupper. Die gefundenen Tiere werden vorsichtig aus dem Wasser genommen, im Umweltbus untersucht und anschließend wieder freigelassen. „Wir wollen möglichst wenig verändern“, betont Umweltpädagogin Regina von Oldenburg. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Matthias Nisbach betreut sie die Gruppe.

Die Umweltpädagogen Regina von Oldenburg und Matthias Nisbach (rechts) mit einigen der teilnehmenden Kinder vor dem Umweltbus „Lumbricus“.
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Im Umweltbus können die Fundstücke unter einer Lupe betrachtet und stark vergrößert auf einem Bildschirm gezeigt werden. Dann werden plötzlich Einzelheiten sichtbar, die mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind: die Bewegungen der Kiemen oder ein Flohkrebs, der aus seiner schützenden Hülle schlüpft. Solche Momente faszinieren nicht nur die Kinder. „Das werde ich auch nach 34 Jahren nicht leid, zu sehen“, sagt von Oldenburg. Seit 1992 begleitet die 62-Jährige das Projekt. Immer wieder erlebe sie, wie sich die Haltung gegenüber den vermeintlich unheimlichen Wasserbewohnern verändert. „Die Krabbeltiere, vor denen man sich zunächst ekelt, findet man plötzlich schön.“
Die Krabbeltiere, vor denen man sich zunächst ekelt, findet man plötzlich schön.
Der Lumbricus ist als rollendes Klassenzimmer und mobile Umweltstation in ganz Nordrhein-Westfalen unterwegs. Rund 180 Bildungseinsätze absolviert das Team pro Jahr. Meist arbeitet es mit weiterführenden Schulen, aber auch Kommunen, Naturschutzverbände, Vereine sowie Einrichtungen der Jugend- und Erwachsenenbildung können den Bus anfordern. Von Mitte März bis Mitte November läuft die Saison. Im Winter werden die Einsätze ausgewertet, neue Konzepte entwickelt und aktuelle Erkenntnisse aus den Fachabteilungen des Landesumweltamtes aufgearbeitet.
Das Angebot beschränkt sich nicht auf Flüsse und Seen. Auch Wald, Wiese, Hecke und Boden gehören zu den Themen. Zudem sollen Kinder und Jugendliche für Belastungen durch Umgebungs- und Freizeitlärm sensibilisiert werden. Dabei legt das Team Wert auf einen regionalen Bezug, beispielsweise indem gemeinsam Lärmkarten erstellt werden.
Kleine Tiere geben Auskunft über die Wasserqualität
An der Wupper geht es zunächst darum, den Fluss als Lebensraum erfahrbar zu machen. Denn dort leben längst nicht nur Fische: Schnecken, Muscheln, Würmer, Insektenlarven und Krebstiere gehören ebenfalls zum Ökosystem. Für viele Menschen seien das zunächst einfach „Krabbeltiere mit wenig Sympathiewert“, sagt von Oldenburg. Im Gewässer aber habe jedes Tier eine Aufgabe. Die Organismen trügen zur Selbstreinigungskraft des Wassers bei. Zugleich lasse sich aus ihrem Vorkommen auf die Wasserqualität schließen.
Die Umweltpädagogin versteht sich dabei als Übersetzerin. Hinter den Zusammenhängen stecke komplexes Wissen, das fachlich richtig, aber zugleich anschaulich vermittelt werden müsse. Am besten gelinge das durch unmittelbare Erfahrungen. „Die Kinder haben eine natürliche Neugier und einen Forscherdrang“, sagt sie. Sobald ein Tier aus dem Wasser geholt und unter die Lupe gelegt werde, wollten sie mehr erfahren: Wie sieht es aus? Was frisst es? Wie lebt es?
Durch diese Begegnung auf Augenhöhe entstehe eine Beziehung zu dem Tier. Das sei der beste Motor, um Wissen zu vermitteln. „Beim eigenen Fund wollen die Kinder es ganz genau wissen und verlieren ihre Ängste und Hemmungen“, sagt von Oldenburg. Die einzelnen Tiere stünden dabei stellvertretend für größere ökologische Zusammenhänge.
Langfristig sollen die jungen Teilnehmer achtsamer mit ihrer Umgebung umgehen. „Natur ist keine Kulisse, sondern ein Bestandteil unseres Lebens, von dem wir abhängig sind“, sagt die Umweltpädagogin. Zugleich dürfe der Spaß nicht zu kurz kommen. „Naturschutz kann erfreuen. Meine Kollegen und ich sind mit viel Herzblut dabei. Das ist für uns nicht nur ein Job.“
Dass so viele Familien zur Wupper gekommen sind, freut sie. Auch Moritz hat sein Fazit längst gezogen. „Das macht viel Spaß hier“, sagt er – bevor er sich wieder auf die Suche nach kleinen Tieren in der Wupper macht.
