Der neue Tag hat gerade angefangen, da fährt der letzte Schnellbus nach Burscheid-Hilgen, in einer Quettinger Backstube geht das Licht an und eine Botin bringt die Zeitung zu den Lesern.
24 Stunden in LeverkusenWenn es nachts in Quettingen nach frischem Brot riecht

Stefan Willeke bereitet Brötchen fürs Backen vor.
Copyright: Peter Seidel
Kurz vor Mitternacht liegt die Kölner Straße in Opladen weitgehend verlassen da. In der lauen Sommerluft sind hier nur wenige Passanten unterwegs. Die „Stadtschänke“ ist noch offen, aber drinnen wird aufgeräumt, die letzte Runde ist ausgeschenkt. Vor der Kneipe genießen ein paar Männer ihr letztes Kölsch. Um die Ecke auf der Humboldtstraße sitzen auch noch ein paar Männer vor dem „Tre Boss“. Zum Busbahnhof hin belebt es sich. An den Tischen vor der Kneipe „Altes Rathaus“ ist Betrieb.
Serie „24 Stunden in Leverkusen“
Leverkusen ist eine lebendige Stadt, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Für unserer Serie „24 in Leverkusen“ verbringen unsere Reporter aufgeteilt auf mehrere „Schichten“ einen ganzen Tag in der Stadt, um herauszufinden, was sich auch dann in der Stadt abspielt, wenn die meisten Menschen nichts davon mitbekommen. Heute geht es um die Zeit zwischen 0 und 4 Uhr. (nip)
0.15 Uhr: An der Busbucht H4 warten ein paar junge Leute auf die letzte SB24 nach Hilgen. Auch Marvin. „Ich bin fast jeden Mittwoch in Opladen“, erzählt der 24-Jährige aus Hilgen. Er kommt gerade vom Kulturausbesserungswerk an der Kolberger Straße, wo er sich mit Freunden zum Dartspielen und Kickern trifft. Heute gab es was zu feiern: „Ich hab’ meine Ausbildung als Bürokaufmann im Berufskolleg an der Bismarckstraße absolviert.“ Wieso fährt er mit dem Bus nach Hilgen und nicht mit dem Auto? „Wir trinken meist ein paar Bier, dann geht das mit dem Auto nicht mehr.“
0.28 Uhr: Die SB24 mit Fahrer Sven Ringler am Steuer hält. Ungefähr ein Dutzend Nachtschwärmer steigen zu. Ringlers Dienst hat um 18 Uhr begonnen. Die Fahrt hoch nach Hilgen ist für diese Schicht seine letzte. Ringler mag die Spätschicht: „Ich hab’ so tagsüber mehr Zeit für unseren Sohn.“ Der 35-Jährige ist erst seit sechseinhalb Monaten Vater.

Sven Ringler am Steuer des Busses der Linie SB24
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Er steuert den Bus aus der Stadt heraus. Alle paar Haltestellen leert sich der Bus um ein, zwei Passagiere. Ringler arbeitet seit dreieinhalb Jahren für die Herweg Busbetrieb GmbH, die bestimmte Linien für die Wupsi fährt. Er mag seinen Job, das Strukturierte – „Man weiß, wann die Arbeit anfängt und wann sie aufhört“ – und den Kontakt mit den Passagieren – „Es ist sehr interessant, mit was für Menschen man da so in Kontakt kommt.“ Ringler war früher Garten- und Landschaftsbauer. „Aber irgendwann war ich es leid, bei Wind und Wetter draußen zu sein.“ 17 Minuten nach der Abfahrt erreicht der Bus schon die Burscheider Innenstadt.
0.55 Uhr: Weitere zehn Minuten später hält Ringler pünktlich am Raiffeisenplatz in Hilgen. Endhaltestelle: Die letzten beiden Fahrgäste, ein junges Paar, steigen aus. Ringler macht einen Kontrollgang durch den Bus. Aber seine Fahrgäste haben ihre Siebensachen alle mitgenommen.
Jetzt geht es zurück zum Betriebshof der Wupsi in der Fixheide. Ringler fährt über die L188 bis Neuboddenberg. An der Sankt-Nikolaus-Kirche biegt er in den Krummen Weg ab. An der Einmündung der Straße Auf dem Herberg liegen zwei mobile Warnbaken mitten auf der Straße. Ringler hält den Bus an, schaltet das Warnblinklicht ein, steigt aus und stellt die Baken wieder hin. Weiter geht’s. Sicher sei es auch manchmal stressig, im Berufsverkehr während der Frühschicht oder wenn es viele Baustellen gebe, sagt er. „Aber im Großen und Ganzen ist das der erste Job, bei dem ich sage: Das mache ich bis zur Rente.“
Ab und an steht auch mal eine klare Ansage an bestimmte Passagiere an. Ringler: „Es gibt klare Regeln im Bus.“ Eine davon: Rauchen verboten. „Wenn ich das mitbekomme, fordere ich den Betreffenden auf, an der nächsten Haltestelle auszusteigen.“ Fast immer ist es damit erledigt. Nur sehr selten muss Ringler Kollegen aus der Leitstelle für einen besonders uneinsichtigen Fahrgast hinzurufen.
Der Busfahrer redet darüber nur auf Nachfrage. Von selbst erzählt er viel lieber von den schönen Seiten seiner Arbeit. Zum Beispiel über Kindergarten- oder Schulkinder als Passagiere. „Wenn eine Klasse oder eine Kita-Gruppe in den Bus einsteigt und einen Ausflug macht: Das sind für mich die schönsten Fahrten. Kinder begrüßen einen, sagen: ‚Hallo Herr Busfahrer!‘ Und Kinder sind ehrlich und neugierig. Die stellen einem Fragen.“

Sven Ringler hat seine Spätschicht beendet.
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1.20 Uhr: Wir erreichen den Betriebshof der Wupsi und Ringler stellt den Bus auf dem Parkplatz ab, den ihm die Kollegen an der Betriebshofeinfahrt zuweisen. Er hat jetzt Schichtende. Zwei Kilometer weiter nördlich, an der Lützenkirchener Straße in Quettingen, hat der Arbeitstag gerade erst angefangen.
Wer sich der Bäckerei und Konditorei Willeke nachts durch die stillen Quettinger Straßen nähert, muss schon Hunderte Meter vor der Backstube eigentlich nur noch seiner Nase folgen. Der Duft von frisch gebackenem Brot liegt in der Luft.
1.45 Uhr: Die Tür zur Backstube auf der Rückseite der Bäckerei steht weit offen. In der Backstube ist es sehr warm. Auf großen Rollcontainern liegen bereits fertig gebackene Brote. Auch Croissants sind schon fertig. Bäckermeister Stefan Willeke gerät ins Schwärmen, während er süße Brötchen vor dem Backen mit Flüssigei einsprüht. „Es gibt fast nichts Schöneres, als wenn morgens ein Croissant oder Schokocroissant aus dem Ofen kommt. Von der ganzen Aromatik und vom Geruch her.“

Fertig gebackenes Brot in der Backstube der Bäckerei Willeke
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Zwischendurch melden sich die großen Backschränke laut piepend, wenn die Backzeit abgelaufen ist. Es herrscht eine Art konzentrierte Betriebsamkeit. Die Bäckergesellen Irina Bongard und Lukas Friedrich stehen an der Abwiegemaschine, die Sauerteigstücke automatisch auf die richtige Größe portioniert und über ein Förderband in ihre Richtung transportiert. Sie nehmen die Teigrohlinge herunter, kneten sie noch einmal durch und legen sie zur Weiterverarbeitung auf ein Backblech. „Das ist Sauerteigbrot mit etwas Hefe für Zwiebelstangen“, erläutert Willeke.
Jetzt kümmert er sich um Brötchen. „Die reifen über Nacht, genau wie Plunderteilchen. Da haben sie viel Zeit, Geschmack zu entwickeln“, sagt er. Er nimmt ein hölzernes Regal, auf dem vielleicht zwei Dutzend Brötchenrohlinge liegen, legt oben ein Backblech drauf, dreht das Ganze einmal, sodass die Teigstücke jetzt auf dem Blech liegen. Jetzt wird auch der feine Längsritz sichtbar, entlang dem der Teig beim Backen des Brötchens aufplatzt. Willeke achtet darauf, die Teigstücke auf dem Blech möglichst nicht zu berühren. Nur wenn zwei aneinanderkleben, zieht er sie vorsichtig auseinander. „Dieser Teig ist sehr empfindlich. Jede Berührung kann seine Entwicklung im Backofen stören.“

Isabelle Willeke streicht Tortenguss auf Erdbeerkuchen.
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2.15 Uhr: Nebenan ist Willekes Tochter Isabelle damit beschäftigt, Tortenguss mit einem Pinsel, den sie in einen großen Kupferkessel tunkt, vorsichtig auf Erdbeerkuchen zu verteilen. „Wir machen den Guss selbst“, erläutert sie. Dann nimmt sie einen weiteren, altertümlich aussehenden kupfernen Topf mit flüssiger Aprikosenmarmelade und geht mit ihm hinüber zu Blechen voller noch warmer Puddingteilchen, die Willeke vorhin aus dem Backschrank geholt hatte. Kupfer leite Wärme besser als Stahl, die Marmelade brenne deshalb darin nicht an beim Erhitzen, so die junge Konditormeisterin. „Ich aprikotiere die jetzt, damit sie glänzen.“

Nachts werden in der Bäckerei und Konditorei Willeke auch schon Erdbeerkuchen mit Tortenglasur versehen und Plunderteilchen gebacken.
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2.30 Uhr: Wieder zurück in der Backstube führt Willeke den Besucher zu einem großen Teigrührer, aus dem der Azubi einen sehr weichen Teig mit einem Schaber herausholt. „Das ist der Teig für unser W genanntes Brot, ein Sauerteigbrot, das es nur am Freitag gibt.“ Will sagen, der Teig hat noch einen ganzen Tag Zeit zu reifen, bevor er in die Röhre kommt.
2.40 Uhr: Bevor der Besuch die Backstube wieder verlässt, will Willeke aber noch zeigen, was es mit dem Tourieren von Blätterteig auf sich hat. Er lässt ein großes Stück Blätterteig hin und her unter einer Art elektrischem Nudelholz hindurchgleiten und so zu einem platten und langen Rechteck formen. Dann nimmt er ein großes quadratisches Stück Butter, legt es auf den Teig und schlägt dessen Ränder darüber, sodass die Butterplatte bedeckt ist. Dann geht es wieder durch das Nudelholz. Anschließend werden die Ränder des Teigs wieder zur Mitte hin eingeschlagen und erneut wird das Ganze durchs Nudelholz geschickt. Am Ende entstehen durch diese Prozedur 144 Teigschichten. Und unwiderstehlich leckere Croissants.
3 Uhr: Aus der Backstube geht es an die Bushaltestelle gegenüber der Sparkasse in Lützenkirchen. Dort lädt Janine Rübsaat Zeitungen in ihr Auto. Sie trägt den „Kölner Stadt-Anzeiger“ aus, seit einigen Jahren aber auch die „Rheinische Post“. Seit vergangenem Jahr sind noch Mode- oder Gartenkataloge dazugekommen. Wie ist sie Zeitungsbotin geworden? „Ich bin eigentlich gelernte Zahnarzthelferin“, erzählt die 46-Jährige, während wir durch die Straßen Lützenkirchens und Quettingens fahren und sie immer wieder stoppt, um Zeitungen in Briefkästen zu stecken. Als sie sich jedoch nach der Geburt ihrer zwei Kinder in über 100 Bewerbungen um eine neue Anstellung bemühte, schlug ihr des Öfteren auch eine ausgeprägte Familienfeindlichkeit potenzieller Arbeitgeber entgegen, die in der Frage gipfelte, was denn wäre, wenn ihre Kinder mal krank würden.
Rübsaat gab den Versuch auf, in ihren alten Beruf zurückzukehren. Seit 14 Jahren trägt sie nun nachts zweieinhalb Stunden Zeitungen aus. Da das aber jetzt schon nicht reicht und künftig auch nicht – „Herr Merz möchte ja, dass ich meine Krankenversicherung selbst bezahle und nicht mehr über meinen Mann mitversichert bin“ – arbeitet sie tagsüber zusätzlich als Integrationshelferin mit einem vierjährigen Kindergartenjungen.

Janine Rübsaat steckt eine Zeitung in einen Briefkasten.
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Rübsaat legt Nacht für Nacht sicher zu Fuß ein paar Kilometer zurück. Manchmal muss sie einen langen Stichweg oder eine lange, oft auch nicht beleuchtete Einfahrt hinunter, um ganz am Ende die Zeitung an ihr Ziel zu bringen. Angst hat sie dabei nicht. „Tagsüber kann mir genauso viel passieren wie nachts“, stellt sie lakonisch fest. Doch die Arbeit als Zeitungsbotin bietet mitunter Herausforderungen der besonderen Art.
In der Corona-Pandemie schoss der Nachbar eines Abonnenten mit dem Luftgewehr in die Luft, als sich Rübsaat seinem Grundstück näherte. Während eines Sturms vor einigen Jahren war ein Baum in das Haus eines Kunden gekracht. Ein anderes Mal blockierte ein umgestürzter Baum ihre Fahrbahn: „Ich bin drübergeklettert, um die Zeitung zum Kunden zu bringen.“ Und natürlich hat sie beide Male die Feuerwehr alarmiert.
Wieder ein anderes Mal knickte sie nachts im Dunkeln mit dem Fuß um. Das hielt die Botin nicht davon ab, ihre zwei Zustellbezirke zu Ende zu bringen. Nur ein einziges Mal, als die Fahrbahn spiegelglatt war, musste sie in 14 Jahren ihre nächtliche Tour abbrechen.
Hat sie mal ans Aufhören gedacht? „Ich hab’ meine Kunden seit 14 Jahren. Viele von denen sind ältere Herrschaften. Da würde es mir schwerfallen, die im Stich zu lassen“, sagt sie. „Und sie danken es einem auch. Zu Weihnachten schenken sie mir eine Flasche Wein, rufen mich an oder schicken mir eine Karte. Ich weiß dann, dass ich es auch richtig mache. Das ist ein schönes Gefühl.“
Kurz nach 4 Uhr: Die Botin bringt ihren Begleiter hinunter nach Opladen, bevor sie zu den Zeitungen nach Lützenkirchen zurückfährt, die sie noch austragen muss. Sie trägt ein T-Shirt mit einem großen Herz drauf. Das passt.