Die Neuversiegelung schreitet ungebrochen fort, die Feuerwehr wurde für kommende Katastrophen aufgerüstet.
Versiegelung in LeverkusenFünf Jahre nach dem Hochwasser: Was ist von den guten Vorsätzen geblieben?

Die Wupper am 17. Juli 2021, morgens um 2.40 Uhr beim historischen Höchststand, von der Brücke Düsseldorfer Straße flussabwärts fotografiert. Die braune Flut stank nach Öl und Chemie, alle paar Sekunden schlug ein Baumstamm gegen die Brücke.
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Aus der Jahrhundertflut am 14. Juli 2021 solle man Lehren ziehen, wenigstens die Zunahme der Flächenversiegelung zurückschrauben, das war kurz nach dem 14. Juli 2021 ein umfassender Konsens. Ein Beispiel? Selbst die AfD und der Aufbruch Leverkusen als Gruppierungen, von denen wenigstens die AfD den menschengemachten Klimawandel bis heute nicht als Fakt akzeptiert, forderten 2021, neue Versiegelung auf ein Minimum zu reduzieren. In weitgehend gleich formulierten Anträgen liegen die historischen Anträge vom August 2021 im Rats-Archiv und sind immer noch nachzulesen. In gefährdeten Lagen sollte neue Versiegelung ganz verboten werden; die AfD schlug die systematische Entsiegelung von Kfz-Stellflächen vor.
Das ist fünf Jahre her. Natürlich forderten das nicht nur die populistischen Rechten aus dem Schock heraus, sondern besonders auch demokratische Parteien. Die Begriffe Entsiegelung und Schwammstadt im Munde zu führen, das hatte damals einen höchst konkreten Hintergrund. Als in den feuchten Häusern in Opladen und Schlebusch die Trockengeräte liefen, war es einfacher, diese Dinge einzufordern. Die sonst sparsame Bürgerliste forderte gar die Einrichtung eines neuen Dezernats für Umwelt-, Klima- und Katastrophenschutz.
Grüne und SPD schrieben, man müsse alle Bauleitpläne prüfen und gegebenenfalls neu aufstellen. Über alle demokratischen Parteiengrenzen hinweg sorgte man sich in einem politischen Antrag darüber, dass sich eine Katastrophe, wie die im Juli ’21 wiederholen könne. Gezeigt hatte sich auch, dass die ausgedehnten Asphaltflächen der Autobahnen Straßenzüge geflutet hatten, etwa die Bismarckstraße und über den Mutzbach auch den Lindenhof. Auch das war ein Thema.

Die versiegelte Fläche Leverkusens ist im Klimaatlas NRW rot dargestellt.
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In einer Sondersitzung stellte der damalige Oberbürgermeister Uwe Richrath bewegt fest, „das Klima“ habe mit Brutalität zugeschlagen. In der Folge erging ein Arbeitsauftrag an die Stadtverwaltung: Eine Grünsatzung mit einem Verbot von Schotterflächen und anderen Scheußlichkeiten der Außenraumgestaltung und die Verwirklichung des Schwammstadtprinzips, also der Versickerung des Regenwassers auf eigenem Grund durchzusetzen, wenigstens für neue Bauvorhaben.
Aber mit den Monaten kippten Vorsätze. Auch weil es mächtige Gegner gab: Ein einflussreicher Schlebuscher Anwalt zerpflückte die Grünsatzung, auch der Eigenheim-Bauinvestor Gernot Paeschke machte sich dagegen stark.
Bis heute ist tatsächlich wenig in Sachen Versiegelung geschehen: Es gibt Vorhaben für vergleichsweise kleine Flächen, die die Stadt entsiegeln will: Stichwort Parkplätze Musikschule und Scharnhorststraße. Unbekannt ist aber, wie viele Vorgärten seit 2021 neu und erlaubt zu Parkplätzen umgebaut wurden, wie viele Gärten mit Folie und Schotter wasserdicht und pflanzenfrei gemacht wurden. Das ist laut NRW-Bauordnung zwar verboten; die Vorschrift wird in Leverkusen aber nicht angewendet.
Belastbare Daten zum Versiegelungsgrad sind immer noch nicht öffentlich zu finden
Klare und belastbare Daten zu finden, anhand derer sich die Zunahme der Flächenversiegelung auch nach dem verheerenden Hochwasser 2021 quadratmetergenau nachweisen ließe, ist schwierig. In der offiziellen statistischen Landesdatenbank für die Kreise und Städte gibt es etwa keine Tabelle zu „Versiegelung“.
Auf einen weiteren Verlust versickerungsfähigen Bodens deutet aber einiges hin: Von 2023 auf 2024 vergrößerte sich etwa die Wohnbaufläche in der Stadt Leverkusen innerhalb eines Jahres um einen Hektar, genauso wie die Verkehrsfläche. Die mit Vegetation bestandene, also potenziell versickerungsfähige Fläche, schrumpfte von 2023 auf 2024 um einen Hektar, das gibt die Datenbank des Landes NRW her.
Das Dresdner Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung wertet Satellitendaten aus. Mit der Instituts-Webseite IÖR-Monitor lassen sich aufschlussreiche Karten und Kurven auch für Leverkusen generieren. Sie zeigen: Die Summe bebauter Flächen in Leverkusen ist ungebrochen steigend; die des Freiraums sinkend. Auch wenn es in den Ohren der Hochwasser-Opfer von 2021 vielleicht entmutigend klingen mag: Wenig deutet darauf hin, dass sich etwas ändert: Bebauungspläne auf der grünen Wiese wurden und werden aufgestellt, manche sehen zwar vor, dass das Regenwasser auf dem eigenen Grund versickern können soll. Ob das auch zu 100 Prozent so funktioniert, ob nicht Vorschriften das verhindern, wie in der Vergangenheit in der Siedlung Kreuzbroich, muss man sehen.
Folgen hatte das Hohwasser dafür an anderer Stelle: Der Katastrophenschutz wurde ausgebaut und die Leverkusener Feuerwehr konnte zulegen, schaffte etwa Fahrzeuge mit mehr Bodenfreiheit an und Pumpen und Generatoren, eine Sandsackfüllmaschine. Ein neues Sachgebiet Bevölkerungsschutz wurde in der Verwaltung eingeführt, Pläne erarbeitet und aktualisiert.
Die Information und Kommunikation zur Bevölkerung waren 2021 mangelhaft: Ausschließlich der „Leverkusener Anzeiger“ hatte in der Flutnacht vom 14. auf den 15. Juli aktuelle Informationen auf der Webseite. Menschen ohne Internet waren abgeschnitten: Radio Leverkusen sendete Musik – keine aktuellen Informationen. Der WDR war ein Ausfall. Heute gibt es Pläne für Lautsprecherwagen, die Feuerwehr darf über eine Leitung sogar das Programm von Radio Leverkusen „kapern“ und selbst Durchsagen an die Hörer machen.
