Leverkusener FaustballerEine Randsportart für Kraft und Verstand

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Vor dem eigentlichen Faustballspiel gibt es zahlreiche Trainingsspielchen.

Leverkusen – Jakob hat beide Hände fest am Ball, seinen Blick auch. Die Blicke der anderen liegen auf ihm. Es ist sein Aufschlag. Schritt nach links, Schritt nach rechts. Dann löst er seine rechte Hand, holt aus und schlägt. Lange ist der Ball in der Luft, doch ein bisschen Kraft fehlt, er senkt sich knapp vor dem Netz zu Boden.

30 Kinder unter 12 Jahren

Faustball heißt der Sport, den er da betreibt. Freitagnachmittags treffen sich beim TSV Bayer 04 Leverkusen mittlerweile 30 Kinder, um „eine Mischung aus Volleyball und Tennis“ zu spielen, wie Holger Mele erklärt. Er ist Co-Trainer der U 12, der ganz Kleinen. Das Prinzip ist schnell erklärt: Zwei Mannschaften, ein Netz, der Ball muss mit den Armen drüber geschlagen werden. 40 mal 20 Meter ist das Feld groß, die Besonderheit: Einmal darf das Spielgerät vor jedem Schlag auf den Boden prallen, beim zweiten Mal gibt es einen Punkt für den Gegner. Vor etwa zwei Jahren haben noch weniger als zehn Kinder mitgemacht. Woher kommt das plötzliche Interesse?

Bundesliga und Abitur

Alina Tiemesmann, ist 19 Jahre alt und bereits seit elf Jahren dabei. Mittlerweile spielt sie mit dem TSV Bayer in der Bundesliga, reist dafür jeden Sonntag durch die gesamte Republik und trainiert stundenlang, mehrmals pro Woche. Parallel trainiert sie die U 15, nebenbei macht sie auch noch ihr Abitur: „Das geht schon“. Über die Jahre habe sie sich an einen Alltag gewöhnt, der kaum Freizeit zulässt. „Der Sport ist ein bisschen extravagant“, erklärt sie: „Es geht um Kraft, Verstand und Ballgefühl. Die Mischung mag ich.“

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Das Trainerteam: Hannah Roese, Niklas Hodel, Finn Dercks und Alina Tiemesmann (von links)

Für Alina Tiemesmann ist Faustball mehr als ein Hobby, Persönlichkeitsentwicklung und Disziplin habe sie dort gelernt, auch einen respektvollen Umgang mit anderen Menschen. „Hier muss man immer gucken, dass alle einbezogen sind, nicht nur als Trainerin.“ Das hat auch regeltechnische Gründe: Von den fünf Spielern einer Mannschaft darf jeder pro Spielzug nur einmal den Ball schlagen, drei werden also immer gebraucht, bis der Ball über dem Netz ist. Es komme „viel weniger auf Individualität an als zum Beispiel im Fußball. Es geht vor allem darum, den Mitspieler in Szene zu setzen.“

Eine Faust, ein Ball und viel Konzentration: Darauf kommt es beim Faustball an. Und der Spaß kommt auch nicht zu kurz.

Und wo sind nun die ganzen Kinder herkommen? „Keine Ahnung, wie der Niklas die aus dem Boden gestampft hat“, sagt Tiemesmann. Die Rede ist von Niklas Hodel, dem Trainer der U 12, jener bunt durchmischten Truppe, die etwa die Hälfte des Leverkusener Faustball-Nachwuchses stellt. Der erzählt: „Wir haben Faustball an vielen Schulen in Leverkusen vorgestellt, das Interesse ist riesig.“ Irgendwann, so sein Wunsch, soll Faustball einen festen Platz im Schulsport haben.

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Er trainiert auch Jakob, einen der Jüngsten der Gruppe. Noch bevor der Achtjährige im Trainingsspiel zum Aufschlag ansetzt, erzählt er uns von seinem Hobby: „Ich kenne hier fast alle. Das macht total Spaß.“ Auch, weil sein Freund und Klassenkamerad Lukas Tölg dabei ist. Irgendwann wollen beide Bundesliga spielen. Sie sind seit über einem Jahr im Verein, fühlen sich sichtbar wohl.

Familiäre Athmosphäre

In einer „wirklich familiären Atmosphäre“, wie Trainer Niklas ein bisschen stolz erzählt. Familiär, das trifft auch im wörtlichen Sinne zu: Der Bruder von Holger Mele ist im Trainerteam, genau wie ihre Mama Ella, 82 Jahre alt. „Eigentlich stimmt das nicht“, erklärt sie uns. Sie sei nur aus Geselligkeit dabei. Dafür allerdings gibt sie viele Anweisungen, macht die kleinen Trainingsspielchen mit: So schlägt man den Ball mit links, so wird am Netz geschmettert. Sie scherzt mit den Kindern, lacht, hat Spaß am Sport. Verglichen mit anderen Aufschlagspielen haftet Faustball durch die langsamen, kraftvollen und präzisen Schläge eine konzentrierte Gemächlichkeit an. Eine, die sich auch bei den Trainern wiederfindet.

Lukas Tölg und Jakob Dahlmann (beide 8) mit Ball.

Jakob bekommt noch einen Versuch. Es ist zwar nur ein Trainingsspiel, aber die Aufregung ist groß. Wieder mit rechts, er holt aus. Diesmal mit genug Power, aber zu wenig Präzision. Der Ball fliegt unter dem 1,60 Meter hohe Netz, das den Grundschüler weit überragt, hindurch. Jakob läuft kurz raus, in die Arme von Ella: Nicht schlimm! Entscheidend sind in diesem Training doch andere Dinge.

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