ARD-Journalistin Annette Dittert stellte ihr neues Buch im ausverkauften Literatursalon Altenberg vor. Sie geht auf die Suche nach dem, was Großbritannien eigentlich zusammenhält.
AltenbergTiefer Einblick in die rätselhafte Seele Großbritanniens

Gibt in ihrem neuen Buch einen tiefen Einblick in die Seele der Briten: Die Journalistin Annette Dittert bei ihrer Lesung in Altenberg. Die Moderation hatte Literaturkritiker Denis Scheck.
Copyright: Stephanie Peine
Altenberg ist für Annette Dittert kein unbekanntes Terrain. Als Schülerin des Heinrich Heine-Gymnasiums Mettmann unternahm sie einst einen Klassenausflug an die Dhünn in Odenthal von dem ihr allerdings nicht die beeindruckende Gotik des Altenberger Doms, sondern ein heftiger Streit mit ihrer damals besten Freundin im Gedächtnis geblieben sei, sagt sie lächelnd. Grund genug, noch einmal zurückzukehren. Im Literatursalon Altenberg stellte sie ihr neuestes Buch vor: „Dear Britain. Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens“.
Es lese sich „beinahe wie eine Betriebsanleitung“, was auf der Insel geschehe, meint Literaturkritiker Denis Scheck, der die Moderation der Veranstaltung übernommen hat. Und die rätselhafte Seele der britischen Nachbarn interessiert offensichtlich viele: Die Lesung im Burgundersaal des Altenberger Hofs, die der Förderverein „Literatur am Dom“ im Rahmen der Reihe „Literatursalon“ organisiert hat, ist ausverkauft.
Dittert geht weit in die Vergangenheit zurück
Eine Betriebsanleitung für eine Welt, die für die meisten Kontinentaleuropäer so faszinierend wie befremdlich ist. Um die Befindlichkeiten der Seele Großbritanniens zu ergründen, dieses Fremdeln mit der eigenen Identität, dieses „vernebelte Selbstbild“, so Dittert, geht die Journalistin weit in die Vergangenheit zurück – tief ins Mittelalter, als im Jahr 1066 mit Wilhelm dem Eroberer die Unterwerfung der Insel durch die Normannen erfolgte, ein traumatisches Ereignis.

„Dear Britain“ heißt das neueste Buch von Annette Dittert.
Copyright: Stephanie Peine
„Die Normannen sind unfassbar brutal eingefallen und haben die gesamte Herrschaftsschicht ausgetauscht, auch die Hofsprache wurde nun französisch“, erklärt Dittert. Noch heute spreche die „Upper Class“, die Oberschicht, ein anderes Englisch als die Working Class, die Arbeiterklasse. Und König Charles unterschreibe ihm vorgelegte Gesetze mit der französischen Formel „Le Roy le veult“ (der König will es).
Was aber will Annette Dittert? Die Journalistin, die uns – damals noch ARD-Auslandkorrespondentin, - in einer frostigen Januarnacht 2020 aus London den Vollzug des Brexit verkünden musste und der man damals ansah, dass dieser Bruch mit der Europäischen Union sie nicht kalt ließ? „Ich wollte jenseits der Fernsehkamera, der knappen Tagesberichterstattung, ergründen, was dieses Land zusammenhält“, sagt sie. Das Ergebnis ist das Buch „Dear Britain“.
Dittert begibt sich auf verbotenes Terrain
Ein Land, das immer noch ohne geschriebene Verfassung funktioniere, in dem Waliser, die sich bis heute als die „Ureinwohner“ verstünden, anders tickten als die Schotten und die wiederum anders als die Engländer. Ein Land, in dem die Monarchie vor Reformen stehe, in dem die „soziale Schere“ noch krasser auseinanderklaffe als in Deutschland und in dem nur acht Prozent des englischen Landes überhaupt öffentlich zugänglich seien.
„Dinge, bei denen ich in die Tiefe gehen wollte“, erklärt Dittert – und bei denen sie sich in gewohnt forscher Manier auf unbekanntes, auch auf verbotenes Terrain wagte, etwa die legendenumwobenen englischen Clubs. „Es gibt in London noch zwölf Clubs, in die Frauen nicht rein dürfen“, erzählt die Autorin. Bis ins Kaminzimmer einer solchen geschlossenen Männergesellschaft drang sie dennoch vor. Seither weiß sie, „weshalb man zwar das Geschlecht, aber niemals den Club wechseln kann“.
Amüsantes, Informatives, Überraschendes und Skurriles wechseln sich ab in ihren Texten und man ahnt, warum Annette Dittert die Insel als ihre „große Liebe auf den ersten Blick“ bezeichnet. Und weil man sich von einer großen Liebe auch nach einem Brexit nicht trennt, lebt sie heute immer noch auf ihrem Hausboot auf der Themse und besitzt inzwischen auch einen britischen Pass.
