Im Interview spricht der neue Vorsitzende der VRS-Verbandsversammlung, Gerd Fabian, über Tarife, Ausbauprojekte und Probleme im Nahverkehr.
VRS-Versammlung:Vorsitzender Gerd Fabian über Perspektiven für Nahverkehr in Rhein-Erft

Das eezy-NRW-Ticket auf dem Smartphone hat den Nahverkehr attraktiver gemacht, sagt Gerd Fabian, Vorsitzender der VRS-Verbandsversammlung.
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Der CDU-Kreistagsabgeordnete Gerd Fabian aus Hürth ist neuer Vorsitzender der Verbandsversammlung des Verkehrsverbunds Rhein-Sieg (VRS). Das Gremium, in dem die vier Städte und fünf Kreise des Verbundgebiets rund um Köln und Bonn vertreten sind, entscheidet über Tarife und verkehrspolitische Ziele im Nahverkehr. Im Interview mit Andreas Engels spricht der 76-jährige Diplomingenieur im Ruhestand über die Herausforderungen für den Nahverkehr in der Region.
Herr Fabian, wann sind Sie zum letzten Mal mit Bus oder Bahn gefahren?
Erst kürzlich. Da hatten wir eine gemeinsame Verbandsversammlung von Verkehrsverbund Rhein-Sieg und Aachener Verkehrsverbund in Düren.
Sie sind seit vielen Jahren der Nahverkehrsexperte Ihrer Fraktion im Stadtrat und auch im Kreistag. Wie ist es dazu gekommen?
Ich bin 1975 das erste Mal in den Gemeinderat gewählt worden und war von Anfang an im damaligen Ausschuss für öffentliche Ordnung und Verkehr. Dieser Ausschuss ist später in den Planungsausschuss übergegangen, der auch für Verkehr zuständig ist. Dort war ich Sprecher und teilweise auch Vorsitzender. Im Kreistag hat sich das fortgesetzt: Als ich 1989 in den Kreistag kam, wurde ich als Vertreter in die Verbandsversammlung des VRS entsandt.
Der VRS war damals noch recht jung. Was hat sich mit der Gründung verändert?
Mit der Gründung des VRS 1987 wurden viele Verkehrsunternehmen – von der KVB bis zu den Bonner Verkehrsbetrieben – zusammengeschlossen. Seitdem gibt es einen einheitlichen Tarif. Das war ein Quantensprung. Ich erinnere mich noch: Wenn meine Eltern in den 60er-Jahren mit uns nach Porz fuhren, mussten wir mit dem Bus nach Köln-Klettenberg, dann in eine Straßenbahn und dann noch einmal in eine weitere Straßenbahn – alles mit unterschiedlichen Fahrscheinen. Der neue Tarif war ein riesiger Fortschritt.
Die Ticketpreise im Verkehrsverbund sind zuletzt mehrfach gestiegen. Müssen sich die Fahrgäste in den nächsten Jahren auf weitere Preissteigerungen einstellen?
Wir haben eine neue Situation. Wir haben das Deutschlandticket als große Säule. Für Gelegenheitsfahrer gibt es das eezy.NRW-Ticket, ein Ticket über das Handy, bei dem man sich in der App ein- und auscheckt und nach Luftlinie bezahlt. In der Regel ist das günstiger als ein Einzelfahrschein. Diese zweite Säule soll weiter gestärkt werden. Es gibt eine Preisdeckelung: Man zahlt nie mehr als eine Tageskarte und im Monat nie mehr als das Deutschlandticket. Für gelegentliche Fahrten ist das ideal. Dann brauchen wir noch ein Restsortiment für Besucher oder Leute, die noch nicht auf eezy umgestiegen sind. Dieses Restsortiment deckt vielleicht ein Viertel oder ein Drittel der Einnahmen ab.
Der einheitliche Tarif war ein Quantensprung
Die Verbandsversammlung hat gerade die Einführung eines Rheinlandtarifs beschlossen. Was ändert sich dadurch?
Der Rheinlandtarif baut darauf auf, dass wir das eezy-NRW-Ticket und das Deutschlandticket haben. Das, was dann noch übrig bleibt, ist der Resttarif, der die bisherigen Tarifstrukturen im AVV und im VRS zusammenfasst und am 1. Juni in Kraft tritt. Statt sieben Tarifstufen wird es künftig nur noch drei geben. Die Kurzstrecke bleibt übergangsweise, soll aber in etwa zwei Jahren wegfallen.
Wie lässt sich der Nahverkehr im Verkehrsverbund Rhein-Sieg langfristig finanzieren? Durch höhere Zuschüsse, höhere Preise oder Einsparungen?
Die Betriebskosten werden steigen, darauf müssen wir uns einstellen. Ende des Jahres wird man wieder überlegen müssen, wie der Tarif angepasst wird – allerdings geht es dabei um den Resttarif. Das Deutschlandticket wird durch Bund und Land subventioniert, da ist die Frage, ob das dauerhaft auskömmlich ist. Auch eezy.NRW wird vom Land Nordrhein-Westfalen unterstützt.
Viele Pendler klagen über Verspätungen, Ausfälle und überfüllte Bahnen. Wird sich daran etwas ändern?
Die Verkehrsunternehmen haben Probleme mit Personalmangel. Es wurde gegengesteuert, etwa durch landesweite Werbeaktionen zur Personalgewinnung. Teilweise wurden Linien ausgedünnt, damit die verbleibenden Linien stabiler und pünktlicher fahren. Ziel ist natürlich ein stabiler Fahrplan. Der Ausbau der Netze – S-Bahn und Bahnverkehr – läuft, braucht aber Zeit. Auch bei den Busfahrplänen wird man auf kommunaler Ebene schauen müssen, wo man noch etwas verbessern kann. Aber Geld spielt natürlich eine Rolle.
Welche Strecken und Projekte haben aktuell die höchste Priorität im Ausbau des Nahverkehrs um Köln und vor allem im Rhein-Erft-Kreis?
Die Erft-S-Bahn nach Bedburg ist ein wichtiges Projekt. Die Planfeststellung läuft bald an. Daran sieht man, über welche Zeiträume wir reden – die ersten Studien dazu sind etwa zehn Jahre alt. Weitere Projekte sind die Verlängerung der Linie 7 von Frechen nach Kerpen und die Verlängerung der Linie 4 von Bocklemünd in Richtung Bergheim. Das sind Projekte, die weiterentwickelt werden müssen, aber nicht kurzfristig in Betrieb gehen werden.
Es gab Pläne, alte Kohlebahnstrecken wieder zu aktivieren. Sehen Sie da eine Option?
Das wird intensiv geprüft. Fest steht, dass dadurch sicherlich der Güterverkehr unterstützt werden kann, wodurch auf anderen Strecken wieder mehr Platz entsteht. Inwieweit das für den ÖPNV nutzbar sein wird, wird im Rahmen der Strukturwandelprojekte geprüft.
Ein Projekt ist die Verlängerung der Stadtbahnlinie 19 nach Hürth-Mitte. Wie ist da der aktuelle Stand, und wann könnte das realistisch umgesetzt werden?
Eine Prognose wage ich nicht, dafür läuft das Projekt schon zu lange. Aber die Trasse steht mehr oder weniger fest. Man kann heute schon erkennen, wie die Bahn später fahren wird.
Es gibt Kritiker, die sagen, der Ausbau der Stadtbahnlinie 19 sei zu teuer und gehe zulasten des Stadtbusses. Was sagen Sie dazu?
Das muss sich ergänzen. Der Stadtbus wird weiterhin wichtige Verbindungen herstellen, vor allem zu den Bahnhöfen. Man muss das im Zusammenhang sehen. Die Stadtbahn übernimmt einen Teil der Fahrleistung, aber der Bus bleibt wichtig.
Und die Finanzierung?
Irgendwo muss das Geld herkommen. Beim Stadtbus wird man möglicherweise etwas einsparen, weil die Stadtbahn einen Teil der Fahrleistung übernimmt. Aber ÖPNV kostet Geld, und ich denke, die Politik hat sich klar positioniert, dass dieses Projekt umgesetzt werden soll.
Das Stadtbusnetz in Hürth soll überprüft werden, um es effizienter zu gestalten – also günstiger, aber nicht schlechter. Wie kann das gelingen?
Das ist ein Dauerprozess. Man muss immer wieder schauen, wo man optimieren, Linienführungen ändern oder Angebote anpassen kann. In Hürth gab es zum Beispiel schon einmal Anpassungen im Abendverkehr zugunsten von On-Demand-Angeboten, ohne große Probleme für die Nutzer, aber mit Einsparungen.
Können On-Demand-Angebote auch feste Linien ersetzen?
Linien lohnen sich immer dann, wenn mehrere Fahrgäste gleichzeitig unterwegs sind. Linien komplett zu ersetzen, kann ich mir im Moment nicht vorstellen. On-Demand wird ergänzend sein.
Was möchten Sie als Vorsitzender dieses Gremiums am Ende Ihrer Amtszeit erreicht haben?
Dass der Rheinlandtarif erfolgreich eingeführt und weiterentwickelt wird. Außerdem soll die Zusammenarbeit mit dem Aachener Verkehrsverbund noch enger werden – vielleicht wachsen die Verkehrsverbünde unter dem Dach von go.Rheinland noch stärker zusammen.

