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SicherheitspolitikKerpener „Pirat“ hält für Reedereien die Weltlage im Blick

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Zu sehen sind Öltanker und Frachtschiffe.

Öltanker und Frachtschiffe reihen sich in der Straße von Hormus auf. Im Zuge des Kriegs im Iran ist die Meerenge nicht passierbar.

Jannis Milios arbeitet für ein Sicherheitsberatungsunternehmen und analysiert etwa die Lage im Nahen Osten.

Jannis Milios trägt zwar keinen Schlapphut, Synonym für verdeckt operierende Agenten, dafür aber immer eine Schiebermütze. Und Bösewichte, die die Welt bedrohen, bringt der Kerpener auch nicht zur Strecke. Er ist kein Geheimagent und schon gar kein James Bond. Und doch gibt es viele Parallelen zwischen Milios und einem Nachrichtendienstler. Milios trägt für eine Sicherheitsberatungsfirma, die an dieser Stelle nicht namentlich genannt werden soll, Informationen aus aller Welt zusammen und wertet sie aus.

„Wir sammeln sicherheitsrelevante Daten“, sagt Milios. Kunden der Firma seien etwa Regierungen oder Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs), aber auch Reedereien und Versicherungen, denen es darum gehe, im Konfliktfall den eigenen Schaden möglichst gering zu halten. Es entbehrt dabei nicht einer gewissen Ironie, dass der 45-Jährige sich politisch unter anderem im Kreistag für die „Piraten“ engagiert – und im Hauptberuf Schiffseigner vor Verlusten schützt.

Rhein-Erft-Kreis: Kerpener analysiert Internetseiten wie Flightradar

Aktuelles Beispiel: der Iran-Krieg. „Den wahrscheinlichen Ausbruch des Krieges konnten wir auf ziemlich genau prognostizieren“, sagt Milios. Für seine Analyse greift er ausschließlich auf öffentlich zugängliche Quellen zu, etwa Internetseiten wie Flightradar oder Schiffsradar, und nicht etwa auf Verlautbarungen aus dem politischen Raum. „Wir schauen nicht auf die Sprache, wir schauen dahinter, wir schauen auf das, was passiert.“

So habe US-Präsident Donald Trump Mitte Januar den Demonstrierenden im Iran zugesagt: „Help is on the way“ – Hilfe ist unterwegs. Diese Aussage allerdings sei zu diesem Zeitpunkt in keiner Weise gedeckt gewesen. „Im Januar und Februar konnten wir beobachten, dass die Amerikaner eine wahre Parade von Tank- und Frachtflugzeugen über den Atlantik in den Nahen Osten geschickt haben“, sagt Milios. Die Flüge seien etwa über Flightradar nachvollziehbar gewesen.

Zu sehen ist Jannis Milios aus Kerpen.

Jannis Milios engagiert sich bei den „Piraten“ und arbeitet für ein Unternehmen, das die politische Weltlage analysiert.

Zwischenstopps gab es immer in Europa, etwa auf der amerikanischen Luftwaffenbasis Ramstein. „Nur deshalb war diese Operation überhaupt möglich“, sagt Milios. Deswegen glaube er auch nicht an einen Nato-Austritt der USA. „Die Amerikaner brauchen das Bündnis.“

Nach und nach hätten die USA eine Infrastruktur mit Luftstützpunkten im Nahen Osten aufgebaut. Um das auch belegen zu können, habe das Unternehmen, für das er tätig sei, Satellitenbilder eingekauft. „Das ist nicht ganz günstig, aber man kann nahezu in Echtzeit verfolgen, was sich auf dem Boden tut“, berichtet Milios. Eine KI würde die Bilder vergleichen und feststellen, was sich verändert habe.

„Wir wissen aus früheren Zeiten, dass die Amerikaner bei solchen Operationen etwa einen Monat brauchen, um sich in Stellung zu bringen“, sagt Milios, der auch die Lage zwischen Russland und der Ukraine analysiert hat. Und so hätten sich die Hinweise verdichtet, dass Ende Februar mit einem offenen Ausbruch des Konflikts zu rechen gewesen sei.

„Aus den Erfahrungen mit Trump wissen wir, dass bei ihm bevorzugt freitags etwas passiert“, sagt der Kerpener, der in seinem Heimatort auch die Europaschule besucht hat. Es sei ein Merkmal der Politik Trumps – exakt dann brisante Entscheidungen zu verkünden, wenn die Aktienmärkte schließen und Händler nicht mehr auf weltpolitische Ereignisse reagieren könnten. Und so sei es naheliegend gewesen, dass das letzte Wochenende im Februar ein sehr wahrscheinliches Datum für den Angriff der USA und Israels auf den Iran werden würde. In der Nacht von Freitag, 27., auf Samstag, 28. Februar, schlugen dann tatsächlich die ersten Raketen im Iran ein.

Wo Öl ist, ist Krieg.
Jannis Milios

Für die Kunden der Sicherheitsberatungsfirma seien die Informationen von ernormer Bedeutung gewesen, sagt Milios. So hätten Reedereien ihre Schiffe zu anderen Häfen lenken oder sich noch mit günstigem Öl eindecken können.„Wo Öl ist, ist Krieg“, sagt der Politikwissenschaftler Milios, der in Trier und Bonn studiert hat. Öl sei eine simpel zu handhabende Währung, Diktatoren könnten es leicht nutzen, um damit die Staatskasse zu füllen. „Wenn eine Diktatur Zugriff auf eine Ölhandelsgesellschaft unter ihre Kontrolle, ist das wie eine Gelddruckmaschine.“ Aus Öl würden Dollars, aus Dollars Waffen. 

Für ihn habe der kriegerische Konflikt zumindest ein Gutes: „Das sind die letzten Schläge für das fossile Zeitalter“, ist Milios überzeugt. „Dieser Krieg zeigt, wir müssen uns unabhängig machen von fossilen Brennstoffen.“ Dann könne man positiv auf die Welt schauen, denn Energiewirtschaft und Sicherheitspolitik würden Hand in Hand gehen.

Milios geht davon aus, dass der Iran-Krieg in den nächsten beiden Wochen eine weitere Entwicklung nehmen wird. Es seien auf amerikanischer Seite wieder starke Bewegungen zu beobachten. „Die USA nutzen die Waffenruhe, um Luft zu holen“, sagt Milios. „Sie werden nicht umsonst mehrere 10.000 Tonnen Treibstoff und Raketen in den Nahen Osten bringen.“