Abo

Medizin für die SeeleAltenheim ermöglicht Bewohnern und Angehörigen erneuten Kontakt

Lesezeit 4 Minuten
Eine Plexiglasscheibe trennt Thea Rensing (rechts) von ihren Töchtern Iris Rensing (links) und Petra Rink, die ihr zum 86. Geburtstag gratulierten. Geschützte Mikrofone übertragen die Stimmen aus der Kapelle in den Besuchsraum und zurück.

Eine Plexiglasscheibe trennt Thea Rensing (rechts) von ihren Töchtern Iris Rensing (links) und Petra Rink, die ihr zum 86. Geburtstag gratulierten. Geschützte Mikrofone übertragen die Stimmen aus der Kapelle in den Besuchsraum und zurück.

  • Die Isolation erträglicher zu machen, darum bemühen sich alle Kräfte im Wahlscheider Altenheim.
  • Seit ein paar Tagen gibt es die Möglichkeit, sich mit den Angehörigen in einer Kapelle zu treffen.
  • Nur eine dünne Plexiglasscheibe trennt die Bewohner nun nur noch von den Besuchern.

Lohmar – Es ist eine Begegnung der anderen Art: Fast sieben Wochen haben sie sich nicht gesehen, jetzt singen Iris Rensing und Petra Rink in der Kapelle des Wahlscheider Altenheims ihrer Mutter ein Geburtstagsständchen. Thea Rensing, 86, lächelt, ihre Hand wippt im Takt. Sie ist nicht weit von den beiden Töchtern entfernt und doch in sicherem Abstand: hinter einer zwei mal zwei Meter großen Plexiglasscheibe.

„Du siehst richtig gut aus“, freut sich Iris Rensing, 53, Friseurmeisterin wie die Mutter. Petra Rink, 57, bestellt Grüße „von Tante Gerta aus Brüssel“. Die Schwestern, die beide Schutzmasken tragen, zeigen auf einen Korb mit Blumen und Geschenken, den die Pflegerin vor Thea Rensing abgestellt hat. „Schau mal, die Tulpen, die liebst du doch so.“ Die Seniorin klappt eine Geburtstagskarte auf, liest vor. Trotz der dicken Plexiglas-Scheibe, die den Durchgang zur Kapelle verschließt, können sich alle problemlos verstehen. Auf beiden Seiten stehen Mikrofone und Lautsprecher, verbunden mit einer Tonanlage.

Isolation erträglicher machen

„Die Lautstärke kann für schwerhörige Bewohner aufgedreht werden“, erklärt Reinhard Bartha, 68, Pfarrer im Ruhestand, früherer Superintendent und Vorsitzender des Trägervereins der Altenheime in Wahlscheid und Lohmar. Auch ist genug Platz, um Bettlägerige vor die Scheibe zu schieben.

Alles zum Thema Corona

Sämtliche Bewohner und Mitarbeiter getestet

Nach dem ersten Corona-Fall im Altenheim Wahlscheid sind zu Ostern alle 108 Bewohner und 250  Mitarbeiter auf das Virus getestet worden. Bei 15 Senioren und acht Mitarbeiterinnen war das Ergebnis positiv, beim zweiten Test vergangene Woche hatten nur noch drei Senioren und eine Mitarbeiterin das Virus.

Zwei Hochbetagte mit Vorerkrankungen sind gestorben, „allerdings nicht an, sondern mit dem Virus“,  betont  Reinhard Bartha, der Vorsitzende des Trägervereins. Gerade  findet die dritte Testreihe statt. Der Verein ist auch für das Altenheim Lohmar zuständig, das bislang als coronafrei gilt. Auch hier wolle man auf eine Untersuchung aller drängen, so Bartha.  

Nur „anlassbezogen“ werde in den städtischen Seniorenheimen in Siegburg  getestet, sagte André Kuchheuser, Leiter der Stadtbetriebe, auf Anfrage.  Bislang sei das bei 50 Senioren und Mitarbeitern der Fall gewesen, alle Tests fielen negativ aus. Die 20 kürzlich eingestellten Aushilfskräfte auf 450-Euro-Basis wurden nicht getestet, sie sind laut Kuchheuser „nicht am Menschen tätig“, sondern nur an der Information oder als Boten.  Nach Information dieser Zeitung  gibt es allerdings Einsätze auf den Stationen. (coh)

Erst seit ein paar Tagen gibt es die Möglichkeit, sich nach Terminvereinbarung hier zu treffen, sich in die Augen zu blicken, Mimik und Körpersprache wahrzunehmen. „Das ist viel schöner, als nur zu telefonieren“, sagt Petra Rink. Die Schwestern rufen täglich an, doch die an Demenz erkrankte Mutter  sei ein unruhiger Geist und wolle immer rasch wieder auflegen. „Wunderbar, dass die transparente Schutzscheibe zu ihrem Geburtstag stand.“ Nur Berührungen  sind noch  nicht möglich.

Besuchsverbot seit dem 13. März

Die Isolation erträglicher zu machen, darum bemühten sich alle Kräfte, schildert Michaela Baumann aus der Heimleitung. Seit dem 13. März  herrscht am Heiligenstock Besuchsverbot, früher als in anderen Pflegeeinrichtungen. Diesen Schritt wollten anfangs nicht alle Angehörigen akzeptieren. „Einige drohten mit dem Rechtsanwalt, einer wollte sich gewaltsam Zugang verschaffen“, schildert Baumann.

Die Lage habe sich beruhigt,  auch durch viele Telefonate. „Nach den Corona-Testungen zum Beispiel haben wir Hunderte Gespräche geführt, sämtliche Angehörigen, Betreuer und Mitarbeiter angerufen.“ Das Haus sei zum Glück groß genug, um die Isolierstation, die Quarantäneabteilung und die anderen Stationen voneinander zu trennen.

Personal zieht an einem Strang

Das Personal – zum Teil schon Jahrzehnte im Haus – ziehe an einem Strang und arbeite derzeit weit über das normale Maß hinaus, so die kaufmännische Leiterin Michaela Sauermann. Keiner der an Corona Erkrankten habe ins Krankenhaus verlegt werden müssen, fast alle sind genesen, darunter Hochbetagte jenseits der 90 und sogar ein Senior, der jetzt seinen 100. Geburtstag feiern konnte.

 „Wir haben alle mobilisiert“, berichtet Uschi Funken, gelernte Krankenschwester, seit  37 Jahren in Wahlscheid. Zum Laufen animiert, zur Bewegung im Rollstuhl, zum Sprechen, „auch diejenigen mit Fieber“. Selbst Bettlägerige hätten mit Hilfe regelmäßig  zehn Minuten auf der Bettkante gesessen, „so kann man viel besser durchatmen“.

Auch die Seele braucht Medizin

Ein Glücksfall sei die Betreuung durch die Lohmarer Corona-Ärztin Dr. Ursula Büscher, betont Pflegedienstleiterin Ilse Salden. Diese habe allen Senioren eine Spritze gegen Thrombose verabreicht, eine häufige und ernste Komplikation des Virus.

Das könnte Sie auch interessieren:

Auch die Seele braucht Medizin: Oft stimmen Baumann und Sauermann draußen Lieder an. Der Wahlscheider Pfarrer Thomas Weckbecker spielt Posaune. Angehörige stehen häufig im Innenhof, rufen und winken  den Senioren mit Aussicht  zum Hof, darunter  der Gatte einer Bewohnerin im Erdgeschoss. Er freue sich auf ein Treffen in der Kapelle, sagte er zum Pflegepersonal, wolle aber anderen den Vortritt lassen, die es nicht so gut hätten wie er: „Ich kann meine Frau ja auch so sehen.“

KStA abonnieren