Ein Ehrenamt kann auch sehr sinnstiftend für diejenigen sein, die es ausüben. Carolin Ehrlichmann berichtet im Gespräch von ihrem persönlichen Schicksal.
Seit über 35 Jahren chronische SchmerzenWie ein Ehrenamt einer Sankt Augustinerin neuen Sinn gegeben hat

Mit Anfang 40 musste Carolin Ehrlichmann Erwerbsminderungsrente beantragen.
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Carolin Ehrlichmann sitzt aufrecht am Wohnzimmertisch und erzählt mit klarer, deutlicher Stimme: „Ich habe seit über 35 Jahren chronische Schmerzen“. Mittlerweile weiß die 50-Jährige, dass sie seit ihrer Geburt an einer seltenen Krankheit leidet – dem Ehlers-Danlos-Syndrom, einer genetisch bedingten Bindegewebserkrankung.
Ich habe seit über 35 Jahren chronische Schmerzen.
„Egal wie offen ich damit umgehe, es geht um mein persönliches Schicksal, was mich sehr belastet, auch wenn man mir die Krankheit nicht ansieht“, betont sie. Probleme habe sie inzwischen vor allem mit der Verdauung und eher weniger mit der Hypermobilität. Hinzu kämen Allergien, Intoleranzen und, dass ihr Körper zu viel Histamin ausschütte.
Als sie durch ihre Krankheit in die vollständige Erwerbsminderungsrente rutschte, fühlte sie sich nach einer gewissen Zeit einsam und nutzlos. Sie merkte, dass es so nicht weitergehen kann und fasste den Entschluss, sich dem Ehrenamt zu widmen. Aktuell arbeitet sie für die Freiwilligenagentur der Diakonie an Rhein und Sieg.
„Ich wollte tatsächlich Schauspiel und Tanz studieren. Ich habe Ballett getanzt, Jazz getanzt und Boden- und Geräteturnen gemacht“, erklärt die gebürtige Niedersächsin. Doch irgendwann seien die Schmerzen und die Gelenkinstabilität so stark gewesen, dass sie dem Tanzen nicht mehr nachgehen konnte. Ein Orthopäde aus Münster habe ihr gesagt, wenn sie nicht sofort mit dem Sport aufhöre, dann lande sie im Rollstuhl. „Das war furchtbar. Ich sollte Krankengymnastik machen, das war ja pillepalle gegen das, was ich vorher gemacht habe“, erinnert sich Ehrlichmann.
Zwischen Außendienst und Gothic-Metal-Band
Ihr beruflicher Weg war turbulent. Zunächst startete sie ein Sozialpädagogik-Studium in Köln, entschied sich dann jedoch für eine Ausbildung zur Textilmusterdesignerin in der Nähe von Krefeld. Letztendlich landete Ehrlichmann in der Firma ihres Vaters, die sich um das Netzwerkmanagement an Schulen kümmerte. Im Jahr 2000 übernahm sie den Außendienst für NRW. Sie hielt Schulungen, Präsentationen und merkte: „Das liegt mir total“ – obwohl sie ursprünglich nie in der Firma ihres Vaters arbeiten wollte.

Singen in einer Gothic-Metal-Band war Ehrlichmanns Ausgleich zum Arbeitsalltag.
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Ihr Ausgleich: Singen in einer Gothic-Metal-Band. Im Auto zog sie sich den Anzug aus und fuhr direkt weiter zur Bandprobe. „Das war sehr skurril, diese zwei Welten miteinander zu verbinden“, erzählt Ehrlichmann lachend.
„Unvermittelbar“: Ehrlichmann musste mit Anfang 40 Erwerbsminderungsrente beantragen
Drei Jahre nach der Geburt ihres Sohnes, Anfang 2008, seien die Probleme mit den Allergien und Intoleranzen von heute auf morgen so „furchtbar“ geworden, dass Carolin Ehrlichmann immer wieder anaphylaktische Schocks hatte. „Ich bin alle zwei bis vier Wochen mit stärksten Krämpfen zusammengebrochen – teilweise bis zur Bewusstlosigkeit.“
Das Problem: Ehrlichmann wusste nicht, wogegen sie allergisch reagierte. „Das war eine ganz, ganz schlimme Zeit“, sagt die 50-Jährige eindrücklich. Zunächst habe sie noch halbtags gearbeitet, dann nur noch auf 450-Euro-Basis. Ihren Job im Außendienst musste sie irgendwann aufgeben und konnte nur noch im Innendienst arbeiten. Als die Firma ihres Vaters Insolvenz anmelden musste, wurde Ehrlichmann 2017 arbeitslos.
Doch die Jobsuche gestaltete sich schwierig bis unmöglich. Die Flexibilität, die sie bei ihrem Vater hatte und wegen ihrer Krankheit brauchte, konnte ihr niemand anderes geben. „Ich galt dann als unvermittelbar“. Der nächste Schritt: die Beantragung von Erwerbsminderungsrente. „Ich war da gerade erst Anfang 40. Da habe ich überhaupt nicht daran gedacht, in Rente zu gehen“, berichtet Ehrlichmann.
Körperliche Gesundheit wurde besser, ihre mentale jedoch schlechter
Seit sie nicht mehr arbeiten muss, sei sie stabiler geworden. „Ich war zu Hause und ich konnte mich um meine Krankheit kümmern. Ich wusste, welche Diät muss ich halten, welche Medikamente muss ich nehmen.“ Ihre körperliche Gesundheit wurde besser, die mentale jedoch schlechter.
Es kommt immer mehr das nagende Gefühl: für wen oder was ist man noch nützlich?
„Man kann niemanden anrufen, alle sind arbeiten. Es kommt immer mehr das nagende Gefühl: für wen oder was ist man noch nützlich?“ Man könne zwar eine gewisse Bestätigung aus dem Muttersein ziehen, doch ihr Sohn wurde älter und unabhängiger. Der Mann auf der Arbeit und der Sohn bis nachmittags in der Schule: „Man ist ganz furchtbar einsam“, sagt sie.
Sie merkte, dass es so nicht weitergehen kann. Sich selbst aus diesem Loch zu ziehen sei eine Herausforderung gewesen, aber eine Therapie habe sie dabei unterstützt. Ihr kam die Idee, sich ehrenamtlich bei der Nachbarschaftshilfe Sankt Augustin zu engagieren. „Mir ging es darum, rauszukommen und was zu tun, was mir wieder Spaß macht.“
Engagement im Ehrenamt: Gefühl, gebraucht zu werden
Ein Ehrenamt gebe das Gefühl zurück, gebraucht zu werden: „Man bekommt die Bestätigung, dass man doch noch für die Gesellschaft wichtig ist und einen Beitrag leisten kann – egal wie klein er ist“, sagt Ehrlichmann. Jeder noch so kurze Kontakt zu anderen Menschen sei viel besser, als alleine zu Hause zu sitzen.

Für die Diakonie an Rhein und Sieg hat Ehrlichmann unter anderem Postkarten entworfen.
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Mittlerweile engagiert sie sich seit Mitte vergangenen Jahres ehrenamtlich bei der Freiwilligenagentur der Diakonie an Rhein und Sieg für das Projekt „Gemeinsam statt Einsam – Ehrenamt wirkt“. Das Projekt läuft noch bis Ende des Jahres, danach sei unklar, was passiere. „Aber als Ehrenamtler ist man nicht arbeitslos. Sollte es an einer Stelle nicht weitergehen, findet man sicherlich eine andere Aufgabe“, sagt Carolin Ehrlichmann zuversichtlich. Außerdem wolle sie die Diakonie auch über das Projekt hinaus halten.
Verständnis für ihre Krankheit und Begeisterung für ihre Arbeit
Für die Diakonie hat sie Postkarten, Handzettel, Plakate und Einladungen entworfen. „Alles, was eben so für die Optik und Außenwirkung gemacht werden muss“, sagt sie stolz. Aktuell gibt es neun verschiedene Postkartenmotive. „Ich habe noch mehr in der Pipeline und ich möchte daraus einen Jahreskalender machen – einen Ehrenamtskalender, das fände ich schön.“
Im Kopf geblieben sei ihr vor allem die Begeisterung, die ihr für ihre Ideen von den Kolleginnen entgegengebracht wurde. „Sonst ist es oft so, dass man sich um Menschen kümmert. Jetzt in diesem Ehrenamt hat man Kolleginnen, die glücklich sind, dass man ihr Team verstärkt, ihnen Arbeit abnimmt und Ideen einbringt.“ Auch werde sie gleichberechtigt in Entscheidungen mit einbezogen.
Wichtig sei auch das Verständnis für ihre Krankheit. „Mir reißt keiner den Kopf ab, wenn ich anrufe und sage, dass ich nicht kommen kann oder etwas nicht fertig bekomme.“ Man brauche keine Krankschreibung und müsse sich nicht rechtfertigen. Jede und jeder könne nur so viel tun, wie gesundheitlich möglich sei und auch nur zu den Zeiten, die machbar seien.
