Berlin – Epidemiologisch ist Tirol für Lothar Wieler ein Drama – für seine Warnung vor mutierten Viren aber eine eindrucksvolle Abschreckung. Der österreichische Corona-Hotspot dürfte als Erklärungshilfe für Politiker und Wissenschaftler dienen, falls sie trotz sinkender Infektionszahlen in Deutschland die unter dem langen Lockdown leidenden Menschen um Verständnis für weitere Wochen der Schließung bitten werden. Landesregierungschefs, Gesundheitsminister Jens Spahn und Kanzlerin Angela Merkel deuten seit Tagen an, dass die Ministerpräsidentenkonferenz am Mittwoch die bis zum 14. Februar laufende Lockdown-Frist noch einmal verlängern könnte.
Erstmals seit Ende Oktober lag am Freitag die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche unter 80. Die Ziel-Inzidenz heißt 50. Das ist der Wert, den Merkel angibt, um das Gesundheitswesen stabil halten zu können und die Intensivstationen nicht zu überlasten. Und diese Marke erscheint nun nach zermürbenden Monaten greifbar nahe. Doch der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) mahnt: „Die Situation ist noch lange nicht unter Kontrolle.“
Denn große Sorgen bereiteten die sehr viel ansteckenderen Varianten des Virus B117, B1351 und B11281 - in Tirol ist die südafrikanischen Mutationsart B1351 bereits so explodiert, dass über eine Abriegelung des ganzen Gebietes nachgedacht wird. Alle drei Mutationen seien bereits in Deutschland nachgewiesen worden, sagt Wieler bei seinem gemeinsamen Auftritt mit Spahn und dem Präsidenten des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Klaus Cichutek, in Berlin. Darunter am meisten die britische Corona-Variante B117 und zwar in 13 der 16 Bundesländern - bei insgesamt sechs Prozent der Infizierten.
Große Sorge in Tirol
Das mag sich wenig anhören, aber Wieler erklärt am Beispiel Dänemark die Dynamik: In der 2. Kalenderwoche dieses Jahres lag die Quote dort bei 7,3 und in der dritten Woche bei 13 Prozent. Tirol hat Wieler zufolge schwere Fehler gemacht: „Das war schlichtweg keine clevere Entscheidung. Das ist ein Geschehen, das hätte vermieden werden können, wenn dort nicht so viele Tausende Menschen Ski fahren würden.“ In Tirol wächst inzwischen die Sorge, dass es noch zu einer abermaligen Mutation der „Südafrika“-Mutante gekommen sein könnte.
Wieler beschreibt die Lage so: „Das Virus ist noch nicht müde, im Gegenteil, es hat gerade nochmal einen Boost bekommen.„Nach Angaben von Cichutek gibt es „Hinweise“, dass die Impfstoffe mit der britischen Variante „ganz gut“ fertig würden – „mit der Südafrika- und Brasilien-Variante schwerer“.
Spahn wird gefragt, ob er es gut finde, dass EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) Fehler bei der Impfstoffbestellung eingeräumt habe. Er soll schon im vorigen Sommer befürchtet haben, dass die Europäische Union zu schwerfällig reagieren werde. Von der Leyen sagte der „Süddeutschen Zeitung“ nun, die EU habe unterschätzt, welche Komplikationen bei der Herstellung solcher Impfstoffe auftreten können. Man habe zu sich sehr stark auf die Frage der Entwicklung des Vakzins fokussiert und zu zögerlich bestellt. Aus heutiger Sicht hätte man “stärker parallel über die Herausforderungen der Massenproduktion nachdenken müssen“.
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Spahn, der ebenfalls viel Kritik am Impfstoffmangel in Deutschland einstecken muss, drischt nicht auf seine Parteikollegin ein. Er sagt: „Am Ende ist das Virus der Gegner.“ Und die Bekämpfung werde dauern. Es stünden noch harte Wochen bevor. Aber: „Wir sind auf dem Weg raus aus der Pandemie.“ Die Grundlage dafür ist für ihn vor allem das Impfen. “Wir haben jetzt die Mittel, das Virus zu besiegen.“ Er schränkt nur ein: „Nicht sofort, aber im Laufe des Jahres.„
Auch er versucht, die Verbindung zwischen sinkenden Infektionszahlen und trotzdem anhaltender Gefahr herzustellen - und Erwartungen auf Lockerungen zu dämpfen.
„Wenn wir diesen Mutationen die Möglichkeit zur Ausbreitung geben würden, riskierten wir einen erneuten Anstieg der Infektionszahlen.“ Der so mühsam erreichte Fortschritt dürfe nicht leichtfertig verspielt werden. Das Virus dürfe gar nicht erst die Chance bekommen, sich wieder auszubreiten. Die Frage, wie lange Deutschland dafür bei einer Inzidenz unter 50 liegen müsse, bevor Schulen und Kitas und Geschäfte wieder öffnen, beantwortet er nicht.
Er zitiert Lothar Wieler, der neben ihm sitzt: „Das Virus ist noch nicht müde.“ Und deshalb sei es so wichtig: „Wir dürfen es auch nicht werden.“



