Selbst wenn Leverkusen die Champions League noch erreichen sollte, ist der Richtungswechsel unvermeidlich. Die Mannschaft hat ein Mentalitätsproblem.
Planungen bei Bayer 04Leverkusen braucht die Zäsur – und den richtigen Trainer

Werden getrennte Wege gehe: Bayers Sport-Geschäftsführer Simon Rolfes (r.) und Trainer Kasper Hjulmand.
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Egal, wie diese Bundesligasaison am Samstag für Bayer 04 endet, schon jetzt ist klar, dass eine Zäsur folgen muss. Leverkusen braucht einen Richtungswechsel. Das ist spätestens nach dem lauten Hilferuf von Kapitän Robert Andrich nach dem 1:3 im „Endspiel“ um die Champions League beim VfB Stuttgart klar. Vor allem Sport-Geschäftsführer Simon Rolfes hat nach dem Saisonende – wieder einmal – viel Arbeit vor sich.
Zoomt man ein wenig heraus und blickt auf das große Ganze, hat die Werkself – so viel steht jetzt schon fest – passable Ergebnisse geliefert. Zieht Bayer 04 mit der Minimalchance am letzten Spieltag doch noch in die Champions League ein, hat der Verein sogar alle vorgegebenen Ziele erreicht. In der Königsklasse erreichte Leverkusen das avisierte Achtelfinale, scheiterte dort am jetzigen Finalisten FC Arsenal. Im DFB-Pokal endete die Reise im Halbfinale gegen den FC Bayern, ebenfalls eines der Top-4-Teams Europas in dieser Saison. Also doch alles gut?
Nein. Der Teufel steckt in Leverkusen im Detail. Die Entwicklung im Jahr 2026 stockt, die Mannschaft zeigt schwankende Leistungen und hat vor allem große Probleme mit der Mentalität auf dem Platz. Andrich benannte diese Missstände direkt nach dem Abpfiff in Stuttgart am Samstag. „Wir haben zu wenig Leute, die zusammen einstehen“, sagte der 31-Jährige. Und in Bezug auf den Kader: „Ich glaube schon, dass wir Veränderungen reinkriegen müssen, um da wieder hinzukommen, wo wir hinwollen.“
Exequiel Palacios fällt bei Bayer 04 Leverkusen ab
Am Ende ist das eingetreten, was im vergangenen Sommer von den meisten Beobachtern prophezeit wurde: Die Abgänge von Lukas Hradecky, Jonathan Tah, Granit Xhaka und Florian Wirtz wogen zu schwer. Das Führungsvakuum konnte nicht geschlossen werden. Robert Andrich selbst war zu fehleranfällig. Alejandro Grimaldo oder Edmond Tapsoba gehen häufig mit Leistung voran, gelten aber nicht als geborene Leader in der Kabine. Exequiel Palacios war wieder einmal lange Zeit verletzt und enttäuschte in großen Spielen wie beim FC Arsenal, gegen die Bayern oder am Wochenende in Stuttgart. Rolfes wird erkannt haben, dass er diesen Mangel in der kommenden Saison beheben muss.
Noch wichtiger wird allerdings die Entscheidung sein, wer in der kommenden Saison als Trainer auf der Bank sitzen wird. Kasper Hjulmand hat zwar noch einen Vertrag bis 2027, sein Aus bei Bayer 04 – wenn auch noch nicht offiziell verkündet – gilt jedoch als sicher, selbst wenn sein Team mit einem Sieg gegen den Hamburger SV am Samstag (15.30 Uhr, Dazn und Sky) und parallelen Niederlagen von Stuttgart in Frankfurt und Hoffenheim in Mönchengladbach doch noch in die Königsklasse einziehen sollte.
Hjulmand war der richtige Trainer nach dem Desaster mit Erik ten Hag zu Beginn der Saison. Der Däne brachte Ruhe und Struktur in den Klub, stabilisierte die Mannschaft. Doch die Entwicklung 2026 ist schlicht mangelhaft. Auch das Kabinenmanagement von Hjulmand sorgt für Fragezeichen. Der 54-Jährige scheint seine Herangehensweise als langjähriger Verbandstrainer nicht mehr auf die Ansprüche eines Vereinstrainers anpassen zu können.
Bei der Suche nach einem Nachfolger steht nun auch Rolfes unter Druck. Wunschkandidat Fabian Hürzeler hat in der vergangenen Woche bei Brighton & Hove Albion verlängert. Auch Oliver Glasner (Crystal Palace) soll dem Vernehmen nach seine Zukunft in England sehen. Eine spannende Lösung könnte Filipe Luís sein. Der 40 Jahre alte Brasilianer steht auf der Kandidatenliste (unsere Redaktion berichtete).
Rolfes wollte ihn als Spieler bereits 2019 zu Bayer 04 holen. Luís gewann zuletzt bei seiner ersten Trainerstation mehrere Titel mit Flamengo Rio de Janeiro, wurde dort im März nach Verwerfungen mit dem Vorstand und einem schlechten Saisonstart entlassen. Auf die Frage, ob Luís auch in Europa als Trainer Erfolg haben würde, sagte Rolfes im vergangenen Sommer: „Angesichts seines Fußballwissens und seiner Erfahrung bei großen Teams wie Atlético Madrid und Chelsea, ja, ich halte das für eine gute Kombination. Er ist ein sehr ehrgeiziger Typ.“ Der ehemalige Nationalspieler spielte mehr als sechs Jahre unter Diego Simeone bei Atlético Madrid, könnte somit das vermisste Feuer zur Werkself zurückbringen.
Denn Körpersprache und Intensität werden für Leverkusen in der kommenden Saison eine große Rolle spielen, ließ das Team diese unverhandelbare Grundeinstellung in dieser Spielzeit doch zu oft vermissen. Dass der Kader mit großen Talenten wie Ibrahim Maza oder Christian Kofane und gestandenen Spielern wie Edmond Tapsoba oder Patrik Schick reichlich Potenzial hat, steht außer Frage. Für Rolfes und Kaderplaner Kim Falkenberg wird es darum gehen, dieses Fundament zu stabilisieren und einen passenden Trainer zu finden.
