Dominik Klein spricht über die Handball-WM in Köln 2027 und den Titelgewinn 20 Jahre zuvor.
„Bekomme heute noch Gänsehaut“Dominik Klein über die Handball-WM in Köln im Januar

2007: Dominik Klein (li.), Torwart Henning Fritz (Mitte) und Christian Zeitz mit der Weltmeistertrophäe.
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Herr Klein, wenn Sie an die WM 2007 denken: Welcher Moment kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?
Dominik Klein Zwei Dinge. Das Fahnenmeer in der Halle in Köln. Das war unglaublich. Und: Besonders lebhaft erinnere ich mich an die Fahrt von Wiehl nach Köln im Mannschafsbus. Vor dem Hotel warteten schon viele Menschen. Jeder von uns hat sicher noch den Kreisel im Kopf mit den Funkemariechen und dem Heißluftballonkorb, aus dem Feuer geschossen wurde. Auch entlang der Straße und an jeder Brücke standen die Leute mit ihren Fahnen. Wenn ich davon erzähle, bekomme ich noch heute Gänsehaut.
Knapp 20 Jahre nach dem Titelgewinn: Gibt es eine Geschichte aus dem Turnier und dem Finale in der Lanxess-Arena, die Sie bisher für sich behalten haben?
Eine Geschichte, die ich nie vergessen werde, dreht sich um einen riesigen Präsentkorb mit Unmengen an Süßigkeiten. Mein damaliger Freund und Berater Marc Rapparlié hatte ihn irgendwie aufs Podest geschmuggelt. Er ist auch auf fast allen Siegerfotos zu sehen. Als Pommes (Pascal Hens, Amn. d. Red.) und ich später dort saßen und eine Flasche Sekt nach der anderen ansetzten, entdeckten wir den Korb und schlugen richtig zu. Erst später erzählte Marc mir, dass er das eingefädelt hatte.
Wenn Sie heute nach Köln kommen, sind die Erinnerungen an 2007 sofort wieder da, oder sind sie mittlerweile verblasst?
Die Erinnerungen kommen immer hoch, wenn ich den Bogen über der Arena sehe. Ein Freund von mir, der damals Student in Köln war, hatte mir erzählt, dass sie trotz der Kälte immer wieder Public Viewing Partys auf der Straße gemacht haben. Wenn ich heute durch die Gassen in Köln gehe, frage ich mich manchmal, wo wohl überall damals unser Halbfinale oder Finale auf einem Fernseher auf der Straße lief. Das ist eine schöne Erinnerung.
Sie haben die Lanxess-Arena als Wohnzimmer des deutschen Handballs bezeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Halle?
Ich war als Jugendlicher bei einem der ersten großen Spiele dort: Beim Weltrekordspiel 2001 zwischen Kiel und Gummersbach. Mein Bruder nahm mich mit; wir saßen ganz oben in der letzten Reihe. Das war schon irre, diese Halle zu erleben. Jahre später stand ich selbst unten auf dem Feld. Als Kind von oben auf die Halle zu schauen und später mittendrin zu sein – das macht diesen Ort für mich ganz besonders.
Im Januar will die deutsche Mannschaft bei der Heim-WM ihren Triumph wiederholen. Was braucht das Team, um den Titel zu holen?
Vor allem ein klares Rollenverständnis. Jeder muss wissen, wie er der Mannschaft helfen kann: von der Bank aus, in fünf Minuten Einsatzzeit, als Kapitän oder als Teil des Torwartduos. Die Nationalmannschaft hat das bereits in den vergangenen Jahren gut hinbekommen. Wer seine Rolle kennt, kann ein wichtiger Teil eines funktionierenden Teams sein.
Mit Marko Grgić, Renārs Uščins und Nils Lichtlein sind in den vergangenen Jahren spannende junge Spieler in die Nationalmannschaft gekommen. Wem trauen Sie im Januar den nächsten Schritt zu?
Bei den jungen Spielern sind wichtige Entwicklungsschritte zu sehen. Julian Köster muss sich nach seinem Wechsel von Gummersbach nach Kiel in einer veränderten Vereinssituation einer neuen Herausforderung stellen. Nils Lichtlein hat sich in Berlin an der Seite von Mathias Gidsel ebenfalls stark entwickelt. Die Erfahrungen, die die jungen Spieler sammeln, können der Nationalmannschaft zusätzliche Stabilität geben. Ich sehe vor allem bei Grgíc noch viel Potential und hoffe, dass wir davon im Januar einiges zu sehen bekommen.
Was braucht es noch, um sich auf diesem Niveau weiter zu steigern?
Am Ende kann es auf ein oder zwei Tore ankommen. Jeder Angriff zählt. Deshalb geht es auch darum, verlässlich und zielstrebig zu spielen. Nicht zu viele spezielle Ideen im Kopf zu haben.
Juri Knorr ist für seine besonderen Ideen bekannt. Bei großen Turnieren lief es für ihn und die Nationalmannschaft über längere Strecken nicht immer rund. Was erwarten Sie von ihm?
Entscheidend ist, dass er seine Nebenleute besser macht. Wenn er ihnen hilft, kann er der deutschen Mannschaft in einer Führungsrolle viel geben.
Aus der Region hier kommen in Tom Kiesler und Miro Schluroff zwei Spieler aus Gummersbach, die in der Nationalmannschaft Spuren hinterlassen haben. Was bringen sie mit?
Für einen Trainer sind genau diese Spielertypen unheimlich wertvoll. Schluroff kann aus der Distanz mit seinem Hammer werfen, Kiesler auf der Halbposition verteidigen, auch mal gegen Gidsel oder die Costa-Brüder Mann gegen Mann spielen. Solche Spieler stellen den Gegner vor verschiedene Aufgaben, sorgen für Überraschungsmomente.
Das DHB-Team holte zuletzt Silber bei der EM und bei Olympia. Immer wieder stand Dänemark im Weg. Lässt sich diese Vormachtstellung dieser Dänen in absehbarer Zeit durchbrechen?
Dänemark ist ein starker Gegner, der vor Selbstvertrauen strotzt. Um diese Mannschaft herauszufordern, muss man ihr unterschiedliche Rollen, Spielertypen und Abwehrformationen entgegenstellen. Doch es geht nicht allein um Taktik. Eine volle Halle und eine mitreißende Atmosphäre können ebenfalls etwas bewirken. Damit meine ich nicht nur die 19.000 Menschen in der Kölner Arena, sondern ganz Deutschland.
2007 stand die ganze Nation hinter der Mannschaft.
Genau. Plötzlich waren wir im „Aktuellen Sportstudio“, in der „Tagesschau“ und auf den Titelseiten der großen Zeitungen. Da haben wir erst richtig begriffen, was wir ausgelöst hatten. Das gab uns Selbstvertrauen. Wenn die dänische Mannschaft hierzulande an jeder Ecke spürt, wie viele Menschen hinter dem deutschen Handball stehen, kann auch das sie herausfordern.
Was wäre für Sie ein Erfolg bei diesem Turnier?
Für mich geht es um mehr als um einzelne Spieler, die Mannschaft oder den Trainer. Entscheidend ist das große Ganze im deutschen Handball. Die Vereine an der Basis sollen die Chance bekommen, ihre eigene Geschichte zu schreiben: Public Viewings zu organisieren, ehrenamtliche Helfer einzuladen und ihnen Danke zu sagen. Wenn wir die WM nutzen, um unseren Sport auf die nächste Stufe zu heben, wäre das ein Erfolg.
Alfred Gislason steht vor seinem neunten großen Turnier mit der Nationalmannschaft. Wie hat er sich als Bundestrainer entwickelt?
Er arbeitet schon lange mit dieser jungen Mannschaft und hat immer gesagt, dass er sie entwickeln will. Ich sehe einen Bundestrainer, der mit jedem Turnier stärker mit seinem Team zusammenwächst. Erik Wudtke (Co-Trainer, Anm. d. Red.) gehört für mich als wichtiger Teil dazu. Viel hängt von den Spielern selbst ab: Wie wissbegierig sind sie? Wie suchen sie das Gespräch mit dem Bundestrainer? Nils Lichtlein etwa ist taktisch sehr weit. Wenn ein Spieler seine Gedanken mit dem Trainer teilt, kann das beiden Seiten helfen.
Ist es gerade für Gislason, den Sie gut aus Kieler Zeiten kennen, eine besondere Entwicklung, von einer Trainerzeit mit klaren Hierarchien zu einer flacheren Führungsstruktur?
Jeder Trainer muss sich fragen, was er noch verbessern kann. Wer an seinem bisherigen Standpunkt festhält, ohne weiterzudenken, ist aus meiner Sicht nicht zukunftsfähig. Gislason lernt dazu und stellt sich auf neue Generationen ein. Selbstreflexion und Offenheit zeichnen einen Trainer aus. Kommunikation gehört zu einer erfolgreichen Mannschaft – bei Spielern und Trainern.
Die Handball-WM 2027 wird vom 13. bis zum 31. Januar ausgetragen. In der Vorrunde wird in München, Kiel, Stuttgart und Magdeburg gespielt. Die Hauptrunde findet in Köln und Hannover statt. In der Lanxess-Arena ist auch die Finalrunde zu sehen. Tickets für alle Spiele gibt es im Internet unter handball2027.com – in Köln sind neben den deutschen Partien ab der Hauptrunde (bei erfolgreicher Qualifikation) auch die Top-Nationen Frankreich, Spanien und Kroatien zu sehen. Das DHB-Team trifft in Gruppe A zunächst auf Tunesien, Uruguay und Serbien. Diese drei Partien absolvieren die deutschen Handballer in München.
Sie haben mit Steffen Weinhold in München das Projekt „Münchner Panther“ gestartet. Sie wollen München wieder auf die Handball-Landkarte setzen. Was steckt dahinter?
Unser wichtigstes Ziel ist, den Talenten aus der Region eine Perspektive zu geben. Im Oktober vergangenen Jahres kamen die Fürstenfeldbruck Panthers auf uns zu und fragten, ob wir unsere Vision „Gipfeltour - Handball Dahoam“ gemeinsam verwirklichen wollten. Nach dem Abstieg aus der dritten in die vierte Liga wollen wir uns Schritt für Schritt wieder nach oben arbeiten. Im kommenden Jahr wollen wir das Projekt auf den Frauenbereich ausweiten. Für die Saison 2027/28 planen wir zudem den Einstieg in die Jugend-Bundesliga. Im Mittelpunkt steht immer dieselbe Frage: Was hilft den Talenten?
Der Gipfel soll dann Frauen- und Männer-Bundesliga sein. Sollen vor allem Spielerinnen und Spieler aus der Region den Verein prägen?
In den umliegenden Vereinen wird bereits sehr gute Jugendarbeit geleistet. Wir wollen niemandem Talente wegnehmen, sondern gemeinsam bessere Entwicklungsmöglichkeiten schaffen. Dafür setzen wir drei Schwerpunkte: mentale Gesundheit, Persönlichkeitsentwicklung und Verletzungsprävention. Wenn diese Bereiche in der Talentförderung Vorrang haben, folgt die handballerische Entwicklung automatisch. Wir arbeiten eng mit den Vereinen zusammen.
Was sollte der deutsche Handballnachwuchs noch verbessern?
Wir sollten leistungsorientiert arbeiten und zugleich die Werte des Handballs leben: Gemeinschaft, Zielstrebigkeit und den Willen, sich weiterzuentwickeln. Bei Gesprächen mit Eltern und bei der mentalen Vorbereitung junger Talente gibt es noch Luft nach oben. Ein Erfolg ist für mich, wenn sich ein Talent später im Berufsleben an seine Zeit im Verein erinnert und sagt: Die Werte und Erfahrungen von damals helfen mir heute. Darauf wollen wir uns konzentrieren.
Ein Jugendtrainer kann also erfolgreich sein, selbst wenn aus einem Talent kein Handballprofi wird?
Exakt. Wenn wir dieses Verständnis von erfolgreicher Jugendarbeit in Deutschland verankern, werden wir eine starke Handballnation. Entscheidend ist, wie sich die Spielerinnen und Spieler entwickeln – vor der Saison, währenddessen und danach. Wenn sie Fortschritte machen, ist das ein Erfolg, im Leistungs- wie im Breitensport.
Gibt es einen jungen Spieler, den viele vielleicht noch nicht auf dem Schirm haben, der aber den Sprung in den WM-Kader schaffen könnte?
Elias Newel aus Göppingen. Er macht einen unglaublichen Eindruck, wurde in München-Allach ausgebildet. Es macht Spaß, ihm zuzuschauen. Spielmacher und kreative Köpfe kann man immer gebrauchen. Ich drücke ihm die Daumen.
