Der Iran-Krieg bleibt der größte Treiber an den Börsen. Manche Anleger haben sein Ende schon in die Aktienkurse eingepreist. Doch die Unsicherheiten bleiben.
FinanzmärkteBörse reagiert nervös auf Iran und Ölpreis – Das aber auf hohem Niveau

Börsensaal in Frankfurt
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Die Ölpreise legen wieder zu, der Deutsche Aktienindex (Dax) fällt zurück. US-Präsident Trump hatte einen Vorschlag des Iran für Friedensgespräche zurückgewiesen, die Anleger werden wieder nervöser. Zum Wochenstart gibt der deutsche Leitindex nach: Der Dax fällt im frühen Handel um rund 0,3 Prozent auf 24.274 Punkte zurück. Bereits am vergangenen Freitag war er mit einem Abschlag von 1,3 Prozent auf 24.338 Zähler aus dem Handel gegangen. Auf Wochensicht hatte sich ein Plus von 0,2 Prozent ergeben.
Doch trotz Krisen wie Ukraine-Krieg und den Auseinandersetzungen im Nahen Osten sind die Börsen zwar nervös, aber insgesamt auf noch erstaunlich hohem Niveau. Von seinem Allzeithoch ist der Dax inmitten multipler Krisen nur noch 900 Punkte entfernt.
Doch woher kommen diese Phänomene? „Die Aktienmärkte leben stark von Fantasie und Erwartungen. Der Krieg ist nicht beendet, und der Newsflow aus Washington oder Teheran bleibt schwer einzuordnen“, sagt Johanna Handte, Chief Investment Officer der privaten Bethmann Bank im Interview mit unserer Redaktion. Handte verantwortet die Gestaltung und Steuerung des Investmentprozesses. Gleichzeitig ist Handte auch Global Head of Asset Allocation der gesamten ABN Amro Gruppe, also der Mutter der Bethmann Bank. Die Märkte litten unter ständigen Richtungswechseln: „Heute gilt etwas, zwei Tage später etwas anderes. Diese Dynamik schafft Unsicherheit.“
Trumps Äußerungen führen zu Schwankungen
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Die Volatilität, also die zunehmenden Schwankungen an den Börsen haben auch mit dem Verhalten der US-Regierung zu tun. „Seit der Übernahme der Präsidentschaft durch Donald Trump erleben wir einen nahezu Staccato-artigen Nachrichtenfluss über Tweets. Das ist eine neue Form der Kommunikation mit der Öffentlichkeit – weg von klassischen Presseterminen, hin zu direkten, oft unvorhersehbaren Botschaften. Genau diese Unvorhersehbarkeit sehen viele Marktteilnehmer als großes Risiko“, sagt Handte.
Doch welchen Einfluss hat der Konflikt zwischen Iran und den Vereinigten Staaten auf das vergleichsweise hohe Niveau der weltweiten Aktienindizes? „Der Aktienmarkt wird sowohl von starken Unternehmenszahlen als auch von spekulativem Kapital und Erwartungen getrieben – etwa Hoffnungen auf geopolitische Einigungen, die noch gar nicht gesichert sind“, so Handte. Mit anderen Worten, das mögliche Ende des Konflikts ist als positive Nachricht in den Kursen bereits eingepreist, und das, obwohl eine Einigung ja alles andere als sicher ist.

Johanna Handte verantwortet als Chief Investment Officer (CIO) der Bethmann Bank die Gestaltung und Steuerung des Investmentprozesses.
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Laut Marktanalyst Jochen Stanzl von der Consorsbank tun Anleger gut daran, „den nach wie vor ungelösten Nahostkonflikt nicht vorzeitig abzuschreiben“. Nach wie vor sei unklar, wie die auf beiden Seiten bestehenden Maximalforderungen auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden sollten. „Nun hoffen Anleger, dass der Besuch von US-Präsident Trump in China Bewegung in den zuletzt festgefahrenen diplomatischen Prozess bringen könnte.“
Ein anderer Treiber der Börsen aber ist mit handfesten Zahlen untermauert, nicht nur mit vager Hoffnung auf ein Kriegsende. „Wir sehen eine starke fundamentale Entwicklung: US-Unternehmen liefern seit mehreren Quartalen außergewöhnlich gute Ergebnisse mit zweistelligem Gewinnwachstum“, sagt Stanzl. Und globale Aktienindizes werden zunehmend von den USA als Region dominiert.
Der MSCI World Index etwa besteht, anders als der Name vermuten lassen würde, zu rund 72 Prozent aus US-Aktien. Auf diesem Index basieren diverse ETF-Sparprodukte, die auch bei deutschen Anlegern äußerst beliebt sind. Amerikas Stärke hat dabei unterschiedliche Gründe. Einerseits wirkt die amerikanische Politik. „Seit 2020 stützen die USA ihre Wirtschaft massiv fiskalpolitisch. Das treibt Wachstum, aber auch die Verschuldung. Europa ist hier deutlich zurückhaltender“, erklärt die Bankerin. Die EZB verfolge dagegen klar das Ziel der Inflationsbekämpfung und werde daher eher zu Zinserhöhungen tendieren – mit dem Risiko, das Wachstum abzuwürgen.
Selbstverständlich spielt an der Börse und insbesondere in der US-Wirtschaft die Frage nach der Energieversorgung eine Rolle. „Die USA profitieren von ihrer Energieunabhängigkeit. Dennoch gilt: Je länger geopolitische Konflikte andauern und zentrale Handelsrouten wie die Straße von Hormus beeinträchtigt sind, desto kritischer wird die physische Rohstoffversorgung“, sagt Handte. „Physische Rohstoffe sind letztlich binär: Entweder sie sind da oder nicht. Fehlen sie, entstehen reale Produktionsprobleme“, ergänzt Marc Kurtenbach, Mitglied der Niederlassungsleitung der Bethmann Bank in Köln.
Doch wie geht es an den Börsen weiter, angesichts der vielfachen Verunsicherungen? Aktuell hätten viele Marktteilnehmer eine gewisse „rosarote Brille“ – die Hoffnung dominiere die Risikowahrnehmung. Die starke Kursentwicklung der letzten Jahre dürfte sich so nicht fortsetzen, aber die Märkte seien auch noch nicht in einer klassischen Blasenphase. „Wir gehen weiterhin von einer volatilen Marktphase in den kommenden Wochen aus“, so Handtes Prognose.
