Kölner Schneiderin„Scheiß auf Trends. Trag einfach das, was dich glücklich macht“

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Tamina Marterer ist Modeaktivistin und Fast-Fashion-Gegnerin. Warum ihr die Zölle auf Billigprodukte nicht ausreichen und sie trotz Kritik am Kölner Modelabel Armedangels festhält

Frau Marterer, Sie sind selbst ernannte Modeaktivistin. Welche Überzeugung steckt dahinter?

Für mich vereint es zwei Gegensätze: Ich liebe Kleidung. Mich aber nur als Modeliebhaberin zu bezeichnen, wäre mir nicht gewichtig genug. Ich sehe gleichzeitig die Probleme im aktuellen System und will dazu beitragen, sie zu verbessern. Die Industrie muss nachhaltiger und fairer werden.

Was hat Sie aufwecken lassen?

In London habe ich in einer sehr alten Stickerei gearbeitet. Dort gab es Teile im Archiv, die heute nicht mehr reproduzierbar wären. Das Wissen über die Herstellung ist verloren gegangen. Dieser historische Bezug und der Vergleich zwischen Mode, wie sie früher war und das, was sie heute ist, war ausschlaggebend. Damals war Kleidung ein wertvoller Besitz, inzwischen ist sie zum Wegwerfgegenstand geworden. Das finde ich sehr schade. Prägend war für mich auch Vivienne Westwood. Sie hat damals schon gezeigt, dass Mode auch aktivistisch sein kann.

Kleidung im Überfluss

Sie kritisieren vor allem die Fast-Fashion-Branche. Was ist Ihr Punkt?

Es spricht gegen alles, was ich an Mode liebe: die Handwerkskunst, die Wertschätzung, die persönlichen Geschichten, die in Einzelstücken stecken. Meine Kritik steckt schon im Wort selbst drin: Fast Fashion heißt, alles muss schnell gehen. Es führt dazu, dass wir Kleidung im absoluten Überfluss haben. Laut Schätzungen haben wir genug für die nächsten sechs Generationen auf der Welt vorrätig. Es reicht für drei neue Teile pro Jahr. Es wird aber immer weiter produziert, Schätzungen zufolge entstehen ungefähr 100 Milliarden Kleidungsstücke pro Jahr. Die Qualität sinkt und Mode landet im Müll. Neuware, die noch nie getragen wurde, wird weggeschmissen oder verbrannt. Es herrscht eine enorme Ressourcenverschwendung.

Mit der vor einigen Tagen eingeführten Ökodesignverordnung ist es zumindest europäischen Unternehmen nun aber untersagt, retournierte oder unverkaufte Kleidung wegzuschmeißen. Es tut sich also was.

Es ist allgemein super, dass die EU anfängt Regeln durchzusetzen. Aber sie greifen nicht weit genug und es gibt zu viele Schlupflöcher. Kleidung, die kaputt ist oder für die eine Reparatur zu teuer wäre, darf weiterhin weggeworfen werden. Auch darf man Ware weiterhin ins Nicht-EU Ausland schicken. Dadurch werden Probleme auch wieder nur verschoben.


Tamina Marterer (28) ist ausgebildete Schneiderin, hat in London Couture-Stickerei gelernt und nach der Modeschule Textile and Clothing Management an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach studiert. Hauptberuflich arbeitet sie als Selbstständige in der Film- und Fernsehbranche, näht und ändert Kostüme für Dreharbeiten, darunter die Hollywood-Produktion „The Hunger Games“.

Die Lindenthalerin bezeichnet sich selbst als Mode-Aktivistin, ist Gegnerin von Fast Fashion und klärt seit 2024 nebenberuflich in den sozialen Medien über die Textilindustrie auf. Insgesamt folgen ihr 65.000 Menschen bei Tiktok, Instagram und Youtube.


Derzeit steht das Unternehmen Shein ganz besonders in der Kritik. Ist es wirklich so viel schlimmer als Läden wie Zara oder H&M?

Ja, tatsächlich. Sie machen alles, was ohnehin schlecht ist, nur nochmal extremer. Nochmal schneller, nochmal minderwertiger, nochmal eher im Müll. Die Deutsche Umwelthilfe hat gerade wieder einen Test veröffentlicht: Shein hat demnach die EU-Grenzwerte für Schadstoffe, also gesundheitsgefährdende Chemikalien wie Weichmacher, teilweise um das 12.000-fache überschritten – und trotzdem können sie hier eingeführt werden.

Auch hier will die EU gegenwirken und hat zum 1. Juli eine Zollgebühr auf Billigprodukte eingeführt. Könnte das für ein Umdenken sorgen?

Natürlich ist es gut, dass endlich etwas passiert. Ich glaube aber nicht, dass sich durch diese drei Euro pro Paket groß was ändern wird. Die Marken werden es ihren Kundinnen und Kunden einfach unterjubeln, die Produkte werden minimal teurer – hoffentlich. Im schlimmsten Fall schrauben sie an den Löhnen der Arbeiterinnen und Arbeiter, die ja eh schon viel zu wenig verdienen. Ich glaube, wir brauchen viel mehr Regeln. Frankreich ist da ein gutes Beispiel. Die haben Werbung für Ultra-Fast-Fashion verboten – auch Influencerinnen dürfen für diese Mode keine Werbung mehr machen. Ich finde auch, dass es viel mehr Transparenz-Richtlinien geben müsste, Stichwort Greenwashing. Es gibt so viele Falschbehauptungen, die Firmen in schönem Marketingsprech verbreiten.

Meiner Meinung nach ist auch die Geschichte rund um recyceltes Polyester reinstes Greenwashing: Es ist und bleibt Plastik
Tamina Marterer, Schneiderin und Modeaktivistin

Haben Sie Beispiele?

Neulich habe ich etwas von 20 Prozent weniger CO2-Emmissionen gelesen. Ein schöner Claim, klingt erstmal gut. Es fehlte aber jeglicher Kontext. 20 Prozent weniger als was? Über welchen Zeitraum? Dazu war nichts zu finden. Meiner Meinung nach ist auch die Geschichte rund um recyceltes Polyester reinstes Greenwashing: Es ist und bleibt Plastik. Die PET-Flaschen werden dafür aus einem relativ stabilen Kreislaufsystem gerissen. Das hat also nichts mit Nachhaltigkeit zu tun, sondern verschiebt das Problem nur. Es braucht also viel mehr Aufklärung für Konsumierende.

Sie sagen, Mode dürfe nicht billig sein und raten von Shopping in vielen etablierten Läden ab. Ist das nicht eine sehr elitäre Ansichtsweise?

Das System, was Fast Fashion am Leben hält, ist Geld. Es ist das Einzige, was man ihm entziehen kann. Ich persönlich will deshalb bewusst dort nicht einkaufen. Dass sich das nicht jeder leisten kann, ist vollkommen klar. Menschen, die in Armut leben und sich daher nur eine Handvoll Kleider in Fast-Fashion-Stores leisten können, sind nicht Teil des Problems. Es gibt aber auch diejenigen, die für 400 Euro bei Zara einkaufen gehen. Dann geht es um Wollen und nicht um Können. Und an dem Punkt möchte ich Alternativen aufzeigen. Die 400 Euro kann man schließlich auch für Fair Fashion ausgeben.

Kooperation mit Kölner Modelabel Armedangels – trotz Kritik

… kriegt dann allerdings für den gleichen Preis weniger Stücke.

Genau, aber da sind wir beim bewussten Konsum statt Überkonsum. Meist lohnt auch die Frage: Brauche ich dieses Teil gerade wirklich? Wir haben uns an Impulskäufe gewöhnt, geben einfach nebenbei und spontan Geld aus. Mit zwei Klicks sind neue Dinge bestellt, mir nichts dir nichts hat man fünf neue T-Shirts im Kleiderschrank. Davon müssen wir wieder weg. Ich finde, wir sollten Kleidung wieder mehr wertschätzen, auch mal für ein Stück ganz bewusst sparen und es uns dann leisten. Fair Fashion ist teuer, aber es gibt ja auch einen Grund, warum das so ist.

Sie sprechen Fair Fashion an. Nun hat es den Anschein, dass selbst unter den vermeintlich nachhaltigen Marken nicht alles besser läuft. Gerade stand das Kölner Label Armedangels wegen toxischen Arbeitsbedingungen in der Kritik. Sie selbst haben in der Vergangenheit mit der Firma kooperiert. Wie blicken Sie auf die Berichte?

Ich finde die Kritik richtig und wichtig. Wenn es Missstände gibt, müssen die offengelegt und aufgearbeitet werden. Ich kann die Enttäuschung verstehen. Sie haben die Erwartungen nicht erfüllt. Ich bleibe trotzdem dabei, dass Armedangels sehr viele Sachen besser macht als andere Modelabel. Die Reaktion, zu sagen: ‚Armedangels ist genauso schlimm, dann kann ich auch wieder Fast Fashion kaufen‘, finde ich hingegen schwierig. Das führt in die falsche Richtung. Für mich sind die Entwicklungen ein Zeichen dafür, dass wir uns noch viel gründlicher mit Konsum und den Marken dahinter auseinandersetzen müssen.

Gerade läuft der Sommersale auf Hochtouren und die Herbst-Winter-Kollektion steht in den Startlöchern. Welchen Trend sollte man nicht verpassen?

Ich bin kein Fan von Trends, weil sie ausgedacht sind von Marketingabteilungen. Neulich hat die Zeitschrift „Elle“ Bluse A als Sommertrend ausgerufen und die „Vogue“ Bluse B – völlig unschlüssig. Sie erzeugen lediglich Kaufdruck und geben uns das Gefühl, irgendein Teil zu brauchen, um cool zu sein und dazuzugehören. Da habe ich keinen Bock drauf. Ich finde es unfassbar stressig und teils absurd. Seitdem ich Trends ignoriere, habe ich so viel Geld gespart. Mich interessiert auch nicht, in welchem Sale irgendjemand sein neuestes Kleidungsstück geschossen hat, das vermutlich ein halbes Jahr später schon wieder aussortiert wird. Viel spannender ist doch, wie alt ein Kleidungsstück ist, wer es schon vor dir getragen hat oder welche Erinnerungen dahinterstecken. Ich habe gerade ein Foto von meiner Mutter wiederentdeckt, von 1994, da war ich noch nicht einmal geboren. Morgen bin ich mit einer Freundin verabredet und werde genau das tragen: ihr Original-Kleid und das T-Shirt. Und ich fühle mich wahnsinnig gut darin. Dafür gibt es übrigens auch einen Namen: Dopamindressing. Scheiß auf Trends. Trag einfach das, was dich glücklich macht und lass dich nicht auf die Masche der Konzerne ein.

Wie passt Ihre ablehnende Haltung gegenüber Trends und Werbung damit zusammen, dass sie selbst in den sozialen Medien als Influencerin Geld verdienen?

Ich struggle mit dem Thema Kooperationen und hinterfrage das Konzept. Da stecke ich gerade in der Findungsphase und habe das auch schon öffentlich in meiner Community zur Debatte gestellt. Wie passt es mit meinem eigenen Anspruch an konsumkritischen Content zusammen, dass ich Werbung für ausgewählte Marken mache? Ich liebe Aufklärungsarbeit, stecke wöchentlich 15 bis 20 Stunden in die Kanäle. Aber von Likes kann ich meine Miete nicht bezahlen. Da lebe ich in dem gleichen System wie wir alle.